Schrauben an den alten Zeiten

Schrauben an den alten Zeiten

Oberthal-Gronig. Weißes Oberhemd, Krawatte, den rechten Fuß lässig aufs Motorrad gestellt: Behutsam zieht Josef Schwendler die Schwarz-weiß-Aufnahme aus seinem Lederetui. 1953 war's. Er mit seiner ersten Maschine, einer tschechischen Jawa. "350 Kubik, Spitze 130": Schwendler lächelt. So als ob man damit damals auch den schlechten Kriegsjahren davonfahren konnte

Oberthal-Gronig. Weißes Oberhemd, Krawatte, den rechten Fuß lässig aufs Motorrad gestellt: Behutsam zieht Josef Schwendler die Schwarz-weiß-Aufnahme aus seinem Lederetui. 1953 war's. Er mit seiner ersten Maschine, einer tschechischen Jawa. "350 Kubik, Spitze 130": Schwendler lächelt. So als ob man damit damals auch den schlechten Kriegsjahren davonfahren konnte. Mit Vollgas in eine bessere Zukunft. Und brauste der junge Mann, "Sommer wie Winter", von Primstal aus zu seinem Mädchen, war er wer - mit seiner Maschine. Obwohl ihn seine Katharina natürlich nicht deshalb heiratete.

Irgendwann damals muss es gewesen sein, dass sich Schwendler mit dem Motorradvirus infizierte. Der packt ihn auch heute noch. Hinterm Garagentor des akkurat gepflegten Eigenheims in Gronig liegt sein Reich. Zwei Dutzend Quadratmeter klein. Allzeit fahrbereit parkt hier BMW-Historie wie sie selbst ein Zweirad-Museum nicht originaler ausstellen könnte. Blitzender Chrom, schwere Boxer-Motoren und schwarze Tanks mit dem blau-weißen Propeller, bis heute Signet aller bayrischen Motorenwerke.

Jedes dieser Motorräder (und etliche mehr) hat Josef Schwendler, den alle "Jupp" nennen, zerlegt. Bis bloß noch Schrauben, Kolben, Züge, Dichtungen vor ihm lagen, die er penibel in Stand setzte. Was nicht zu reparieren war, hat er zur Not nachgebaut. Nie aber brauchte der Mann in der blauen Arbeitsjacke eine Konstruktionszeichnung, um das Puzzle wieder zusammenzusetzen. "Man muss halt seine grauen Zellen anstrengen", sagt er - und lacht seine 80 Jahre einfach weg. Gehirnjogging Marke Schwendler. Auch seine Hände packen noch zu wie Schraubstöcke.

R 4, R 5, R 69S: Für Veteranen-Fans sind die Baumuster der aufgereihten BMWs nicht nur Buchstaben, Zahlen. Nein, sie erzählen von Kraft, Tempo, Freiheit auf zwei Rädern, die der "Jupp" immer noch spürt, wenn er einem seiner Schätzchen auf den kurvigen Straßen rund um Oberthal Auslauf gewährt. Und es sind auch Zeitmaschinen. Als die rare R 68, die Schwendler ebenfalls aufpäppelte, 1952 rauskam, war Adenauer Kanzler. Peter Alexander sang "Die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere". Bei jeder Restaurierung vergegenwärtigt Schwendler so auch ein Stück vom Guten der alten Zeiten, von Wertarbeit, von Ordnung. Die ist ihm wichtig - in der Werkstatt wie im Leben. Andere Pensionäre gehen spazieren, nachmittags vielleicht in die Wirtschaft. Nicht seine Sache, meint der Groniger, "man braucht eine Beschäftigung". So gibt er seinem Leben schraubend Halt.

Früher war er Maschinenschlosser bei Eberspächer in Neunkirchen, dem Abgasanlagenbauer. Heute arbeitet er täglich "acht Stunden Spätschicht" in der Garage; zwei Motorräder pro Jahr wollen restauriert sein. Nur sonntags nie; der Kirchgang ist den Schwendlers heilig. Ja, den Ruhestand ihres Mannes habe sie sich schon anders vorgestellt, sagt Katharina Schwendler bei Kaffee und selbst gebackenem Kuchen: "Ich dachte, wir reisen mehr." Dann erzählt sie, dass sie früher auch mitgefahren ist - auf dem Motorrad. Da lächeln beide.

Ausgerechnet bei seine allerersten Restaurierung machte es sich Josef Schwendler besonders schwer. Vor gut 32 Jahren erzählte ein Kollege in der Frühstückspause: Sein Filius habe ein Motorrad zerlegt, bekomme es aber nicht wieder hin. Das hat den "Jupp" nicht ruhen lassen. Er baute die Maschine, eine BMW R 4 von 1933, wieder zusammen - ohne zu wissen, wo die Teile einst saßen. Das beeindruckte auch seine beiden Söhne. Als der Vater in Ruhestand ging, schlug der Eine vor, man könne doch zusammen ein altes Motorrad neu aufbauen. Restauriert hat's der Vater, gefahren ist vor allem der Sohn.

Eines fand Josef Schwendler gleich bei einem der ersten Motorräder bemerkenswert, das er aufpäppelte: "Für 4000 Mark haben wir die Maschine gekauft und restauriert mit einigem Gewinn wieder verkauft." Wobei sich der Gewinn bei all den Werkstatttagen zum Pfenniglohn verflüchtigte. Ums Geld ging's ihm sowieso nie. Stolz ist er aber, dass er für sein Hobby "seine Rente nie angreifen" musste. Und er achtet immer darauf, dass für sein Patenkind Jacqueline in Benin, das er seit Jahren unterstützt, etwas übrig bleibt.

Ohnehin blüht in der Veteranenszene der Tauschhandel. Nach dem Motto: Hilfst Du mir, so geb' ich dir - rare Teile etwa gegen die Sanierung eines Motors. Und mancher bringt Josef Schwendler, dessen Schrauber-Ruhm mittlerweile weit reicht, gleich ganze Motorräder. Und als Schwendler eine französische Terrot, Baujahr 1929, restaurierte, beschwatzte ihn der Oberthaler Arzt Dr. Georg Fischer so lange, bis er das schöne Stück schließlich in seiner Praxis ausstellen konnte - zur Besichtigung ganz ohne Praxisgebühr. Mehr Worte müsse man nun nicht mehr machen, findet Josef Schwendler. Seine Hände, in die Öl und Schmiere feine dunkle Linien gegraben haben, werden unruhig. Der "Jupp" geht nochmal in die Werkstatt: "Spätschicht".

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