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Die Saar – Geschichte eines Flusses
Der Barock-Style am Saarufer

Die Terrassen, die damals zum Schlossgarten in Saarbrücken führten, sind heute noch erhalten. Dort, wo früher der Garten war, steht heute zum Beispiel der Landtag. Er ist wie die Saar im Hintergrund zu sehen.
Die Terrassen, die damals zum Schlossgarten in Saarbrücken führten, sind heute noch erhalten. Dort, wo früher der Garten war, steht heute zum Beispiel der Landtag. Er ist wie die Saar im Hintergrund zu sehen. FOTO: Robby Lorenz
Es beginnt die Zeit, in der sich die Städte an den Saarufern von ihrer schönsten Seite zeigen. Von Michael Kipp

Das 17. Jahrhundert ist kein gutes für die Anwohner der Saar. Der Dreißigjährige Krieg, der Holländerkrieg, die Reunionskämpfe. Mord und Totschlag – und kein Ende. Die Erbfolgekriege laufen noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts. 1705 marschiert zum Beispiel der britische Duke Marlborough mit 100 000 Mann von Trier auf Frankreich zu. Teile seiner Truppen ziehen durchs Saartal; sie schließen Saarlouis ein, die französische Exklave im Saartal. Dessen Gouverneur lässt das Umland fluten. So verhindert er, dass sie zu nah an die Stadt kommen. Auch weil dem Duke die Unterstützung aus Baden verwehrt bleibt, verschwindet der Herzog mit seiner Armee bei Nacht und Nebel.


Unterdessen erlebt die mittlere Saar einen Bau-Boom. Vor allem die Saarbrücker Grafen investieren in Steine. So lässt Graf Ludwig von Nassau-Saarbrücken ab 1709 auf dem Halberg ein kleines Lustschloss bauen, nennt es „Monplaisir“ (meine Freude). Geplant hat es der Saarlouiser Festungsbaumeisters Joseph C. Motte (Bonté genannt). Style: Barock. Etwa zeitgleich beginnt Ludwig, einen Barockgarten am Stadtschloss anzulegen. Dazu lässt er Teile des Schlossfelsens abschroten, baut für viele Taler eine Mauer zwecks Flussbegradigung – damit die Symmetrie des rechteckigen Gartens nicht durch die mäandernde Saar zerstört wird. Von 1697 bis 1713 gärtnern sie daran rum. Nach dem Vorbild von Versailles (1662).

Auch die Klösteräbte stehen auf Barock. 1728 beauftragt Mettlachs Abt Ferdinand de Koeler den Sachsen Christian Kretschmar, sein Kloster umzubauen. Macht er. Das Haupthaus an der Saar steht heute noch, ist 112 Meter lang und hat 27 Fenster-Achsen. Kretschmar baut 1745 zusätzlich in Hilbringen ein Schloss. Auf den Resten des alten Herrenhauses derer „von Hilbringen“. Das Barockschloss ist heute in Privatbesitz.



Weitere massive Immobilien-Investments lassen sich ab 1741 wieder in Saarbrücken beobachten. Fürst Wilhelm Heinrich gestaltet gemeinsam mit Baumeister Friedrich Joachim Stengel die Stadt um. Komplett. 1748 ist das neue Saarbrücker Barockschloss fertig, 1750 das alte Rathaus. 1751 braucht der Fürst wohl Geld, „verstaatlicht“ Gruben und Eisenwerke. Eine äußerst lukrative Idee, die mehr als 250 Jahre lang Geld ins Saartal bringen sollte. Damals auf jeden Fall genug, um in Saarbrücken weiterbauen zu können. Stengel gestaltet Schloss Halberg um, legt am Berg einen Weinberg und Tiergarten an. Besucher Freiherr Adolph von Knigge ist entzückt, er sieht „ein niedliches Lustschloss. Von wo aus man die Stadt übersieht.“ Im Saartal sieht er nun auch ein Hospital, ein Waisen- und Zuchthaus. Und schließlich startet der Fürst 1756 den Bau der Ludwigskirche. 1775 ist sie fertig. Bereits 1758 ist Stengels St. Johanner Markt begehbar. Mit Brunnen. Kurz darauf die neue Vorstadt – die heutige Bahnhofstraße.

Fürst Wilhelm hat mit Stengel und Hofgärtner Ludwig Koellner auch neue Ideen für den barocken Schlossgarten, baut eine neue Kaimauer. Johann-Wolfgang von Goethe beschreibt den 1765 fertigen Garten nach seinem Besuch 1770 mit diesen Worten: „Diesen [Garten] hat man nicht allein terrassenweise abgearbeitet, um bequem ins Tal zu gelangen, sondern man hat auch unten einen länglich-viereckigen Gartenplatz, durch Verdrängung des Flusses an der einen und durch Abschroten des Felsens an der anderen Seite verschafft, worauf denn dieser ganze Raum erst mit Erde ausgefüllt und bepflanzt wurde.“

Stadtmitte am Fluss de luxe. Saarbrücken ist, wie Goethe schreibt: „Ein lichter Punkt in einem so felsig waldigen Lande.“ Ganz in Weiß, wie es heute gerne heißt. Dabei erstrahlt sie damals wohl eher in einem hellen Grau. Das Graupigment gewinnen die Saarbrücker aus Kohlen-Ruß. In einer Fabrik. In der Rußhütte. Eine geschlossene Barockstadt mit Sichtachsen über die Saar hinweg nach St. Johann. Eine Residenzstadt mit 4500 Einwohnern, die architektonische Maßstäbe setzt. Weltweit. So will die russische Zarin Katharina II. („Die Große“) Stengel unbedingt als Hofbaumeister haben. Doch der will an der Saar bleiben. Er schickt stattdessen seinen Sohn Johann Friedrich nach Russland. Im Januar 1778 stirbt Friedrich Joachim Stengel.

Die Stimmung saarabwärts ist im 18. Jahrhundert etwas gedämpfter. Vor allem in der französischen Exklave Saarlouis: „Eine arme, sozusagen verlassene Stadt“, einem Torso gleich, dem jemand „Beine und Arme abgeschlagen“ habe, beschreibt eine Denkschrift im Jahr 1727 Saarlouis. Sowieso: Die Franzosen haben Probleme, sind zu Beginn des Jahrhunderts im Polnischen Erbfolgekrieg agil, ziehen 1734 durch Saarburg und Umgebung. Plünderungen, Kriegszölle – das volle Programm. Saarlouis bleibt saaraufwärts zunächst weiter isoliert. Doch nicht mehr lange. Grund: Herzog Franz Stephan von Lothringen tauscht den Landstrich gegen die Toskana ein. Stanislaus Leszczynski übernimmt dafür Lothringen. Er ist der Schwiegervater des französischen Königs Ludwig XV. Als Leszczynski 1766 stirbt, erbt Frankreich Lothringen. Das heißt für die Saar: Die einst lothringischen Orte Sarrewerden, Sarralbe, Beckingen, Merchingen, Mechern, Bockenheim und das Kloster Wadgassen gehen an Frankreich. Auch Hostenbach, Schaffhausen, Überherrn und Friedrichweiler sind nun (wieder) französisch. Saarlouis ist nicht mehr isoliert. Frankreich stabilisiert jetzt die Grenze am linken Saarufer, tauscht Gebiete mit Trier. Orte wie Schwemlingen, Mondorf oder Hilbringen (links der Saar) gehen an Frankreich, Mettlach und Merzig ans kurtrierische rechte Saarufer. Ähnlich handeln die Franzosen in Sarreguemines. Dort tauschen sie mit der Grafschaft Blieskastel. 15 deutsche Fürsten plus der König von Frankreich teilen sich das heutige Saarland. Meist gelingt ihnen dies ohne Gewalt. Doch die lässt nicht lange auf sich warten. Die Französische Revolution sollte alsbald die Saar erreichen.

Alle Teile der Serie:

1. Wenn Nashörner und Kelten aus der Saar trinken 2. Die Römerstraßen bringen Gedeih und Verderb 3. Liutwins Wunder an der fränkischen Saar 4. Burgen und Klöster wachsen am Saarufer 5. Als Elisabeth Saar-Frösche vertreiben lässt 6. Die Stadt des  Sonnenkönigs wächst an der blutigen Saar 7. Der Barock-Style am Saarufer 8. Die Mühlen 9. La Revolution à la Sarre 10. Die Industrie frisst das Saarufer I 11. Der Saarkohlenkanal 12. Die Industrie frisst das Saarufer II 13. Die Industrie tötet die Saar 14. Die Industrie baut die Saar um 15. Still und tief fließt die Saar 16. Fischer 17. und 18. Von den Quellen bis zur Grenze – eine Fotoreise 19. und 20. Durch das Saarland – eine Fotoreise 21. Von der saarländischen Grenze bis zur Mündung – eine Fotoreise

Dieses Bild (Ausschnitt) zeigt Saarbrücken und St. Johann. Auf Saarbrücker Seite: Der damals neue Schlossgarten, nebst Terrassen und Ufermauer, die den Fluss begradigt. Für Goethe „ein lichter Punkt“.
Dieses Bild (Ausschnitt) zeigt Saarbrücken und St. Johann. Auf Saarbrücker Seite: Der damals neue Schlossgarten, nebst Terrassen und Ufermauer, die den Fluss begradigt. Für Goethe „ein lichter Punkt“. FOTO: Saarlandmuseum/Tom Gundelwein / Tom Gundelwein
Friedrich Joachim Stengel im Jahre 1742.
Friedrich Joachim Stengel im Jahre 1742. FOTO: Saarland-Museum Saarbruecken / Saarlandmuseum
Die Lisdorfer Aue an der Saar. Sie war Anfang des 18. Jahrhunderts Flutungsgebiet für die Saarlouiser Festung. Im Hintergrund sind Lisdorf und Saarlouis zu sehen, unten links ein Stück Saar-Altarm.
Die Lisdorfer Aue an der Saar. Sie war Anfang des 18. Jahrhunderts Flutungsgebiet für die Saarlouiser Festung. Im Hintergrund sind Lisdorf und Saarlouis zu sehen, unten links ein Stück Saar-Altarm. FOTO: Robby Lorenz