1. Saarland
  2. St. Wendel
  3. St. Wendel

Jonas Müller aus Winterbach hilft Flüchtlingen in Griechenland

Kostenpflichtiger Inhalt: Winterbacher hilft Flüchtlingen : Ein Einsatz am Limit in Griechenland

Ein Jahr lang will Jonas Müller aus Winterbach Flüchtlingshilfe leisten. Vor einer Woche hat er seinen Dienst in Lesbos angetreten. Zuvor war er bereits als Sanitäter in Thessaloniki unterwegs. Der SZ berichtet er von seinem ersten Einsatz.

Die staubige Parkfläche am Rande von Thessaloniki ist ein Treffpunkt für Verstoßene. Für Menschen, die keinen Platz in der griechischen Gesellschaft haben. Am Abend versammeln sich dort die Prostituierten und biedern sich in knappen Kleidchen ihren Freiern an. Wenn die Sonne aufgeht, überlassen sie den Flüchtlingen das Feld. Diese finden sich nach und nach an dem schmutzigen Ort ein, um auf das Team der Hilfsorganisation Medical Volunteers International (MVI) zu warten. Dessen ehrenamtliche Mitlieder bauen auf dem Parkplatz Tag für Tag eine mobile Arztpraxis auf, in der sie Verletze und Kranke behandeln. „Immer wenn wir ankommen, müssen wir erstmal Kondome und sonstige  Hinterlassenschaften vom Vorabend einsammeln“, erzählt Jonas Müller.

Der Winterbacher war einen Monat in der Hafenstadt am Thermaischen Golf der Ägäis im Einsatz. In dieser Zeit versorgte er Wunden, legte Verbände an oder schenkte den Patienten ein offenes Ohr für ihre Probleme. Nach der Flucht seien sie oft nicht nur physisch, sondern auch psychisch angeschlagen. „Dass wir uns für sie interessieren, sie wie Menschen behandeln, ohne eine Wertung abzugeben – das tut ihnen gut“, hat der 34-Jährige beobachtet.

Etwa 100 Hilfsbedürftige betreuen die MVI-Mitglieder pro Tag. Sie kümmern sich ausschließlich um die unregistrierten Flüchtlinge. Um die Vergessenen, die sonst keinerlei Rückhalt bekommen. Die meisten von ihnen sind alleinstehende junge Männer aus Pakistan, Afghanistan, Syrien, dem Irak, Marokko und Algerien – gestrandet in Griechenland. „Viele nutzen Thessaloniki als Transitstadt“, weiß Müller, „Sie machen dort nur Zwischenstation, wollen aber nicht bleiben.“ Einen Platz im nahegelegenen Camp Diavata bekommen diese Flüchtlinge nicht, denn der ist Familien, Frauen und Kindern vorbehalten. Also hausen die Männer in verlassenen Gebäuden, in alten Eisenbahnwaggons und auf der Straße. Ihr Leben gleicht einer Sackgasse. Hunger, Kälte und Armut fordern ihren Tribut. Verletzungen und Krankheiten gehören zur Tagesordnung.

„Die Menschen laufen während der Flucht unzählige Kilometer am Stück. Oft haben sie nur jeweils ein Paar Socken und Schuhe. Die sind schnell nass und durchgelatscht. Da bilden sich üble Blasen“, sagt Müller. In Deutschland ist er als Sozialarbeiter und nebenbei im Rettungsdienst tätig. Er ist es gewöhnt, in Notsituationen schnell zu handeln und Erste Hilfe zu leisten. Dennoch sei der Einsatz in Thessaloniki eine Herausforderung gewesen. So habe das Team beispielsweise immer wieder Patienten mit Krätze behandeln müssen. Manche seien mit schweren Stichverletzungen aufgetaucht. Andere hätten angegeben, Opfer von Polizeigewalt geworden zu sein. Verbrennungen, Abszesse und infizierte Wunden seien ebenfalls häufig vorgekommen. „Die Geflüchteten leben unter schlechtesten hygienischen Bedingungen. Der kleinste Schnitt entzündet sich da sofort“, weiß Müller.

Für die Mitglieder der Hilfsorganisation gibt es also allerhand zu tun. Von Montag bis Samstag sind sie für die Flüchtlinge da. Ihr Tag startet um 10 Uhr. Die erste Amtshandlung: Scheren und Pinzetten säubern, Zahnpasta abfüllen, Taschen packen und Medikamente sortieren. Um 14 Uhr machen sich die Freiwilligen dann auf den Weg zum Parkplatz. Dort stellen sie das Herzstück ihrer Praxis auf: einen ausgedienten Rettungswagen aus Deutschland. „Das ist der Arbeitsplatz der beiden Ärzte des Teams. Sie kümmern sich um die komplexeren Fälle“, erklärt Müller. Die übrigen vier Helfer seien für Wundbehandlungen zuständig. Etwa drei Stunden lang dauert die Sprechstunde, danach geht es für die Ehrenamtlichen weiter zum Haus Filia. Ein vierstöckiges Gebäude, in dem eine weitere Nichtregierungsorganisation (NGO) kostenlose Mahlzeiten an Flüchtlinge verteilt. Währenddessen kümmern sich die MVI-Retter um die medizinische Versorgung.

Immer mit dabei ist die Koordinatorin des Projekts. Rose Hansen, die liebevoll Mama Rosa genannt wird, hilft seit zwei Jahren in Thessaloniki aus. Auf den Straßen genieße sie den Respekt der Flüchtlinge, sagt Müller. Sie sei sehr streng, habe allerdings ein großes Herz. Während ihr Team mit den Behandlungen beschäftigt ist, verteilt sie Zahnpasta, Seife, Schlafsäcke und Klamotten an die Bedürftigen. Sie sei immer da, wenn sie gebraucht werde. „Einmal habe ich einen Mann behandelt“, erinnert sich Müller, „da hat Mama Rosa ihm zur Seite gestanden und seine Hand gehalten.“ Solche kleine Gesten sollen den Männern zeigen, dass sie in einem fremden Land nicht alleine sind. Und das hätten die Patienten zu schätzen gewusst. „Sie haben uns zum Dank umarmt und für uns gebetet.“

Jonas Müller sieht sich die Wunde eines Mannes an. Er hat sich bei der Flucht an der Hand verletzt. Foto: © O-Young Kwon | oyphoto.com. Foto: O-Young Kwon | oyphoto.com/O-Young Kwon

Einige Flüchtlinge würden nur einmal zur Behandlung vorbeischauen, andere die Hilfe über Wochen hinweg in Anspruch nehmen. So auch ein Mann aus Pakistan, den Müller besonders ins Herz geschlossen hat. „Er musste das Land verlassen, weil er aufgrund seiner politischen Einstellung Morddrohungen erhalten hat“, erzählt der Rettungssanitäter. Während seiner Flucht habe sich der Diabetiker am Oberschenkel und der Hand verletzt. Die Wunden hätten sich stark entzündet. „Wir mussten sie ständig säubern und die Verbände wechseln. Aber es war schön, zu sehen, wie es dem Patienten jeden Tag ein wenig besser ging“, sagt Müller.

Es sind diese kleinen Erfolge, die ihn immer wieder dazu motivieren weiterzumachen. „Wenn jemand zu uns kommt, der kaum noch gehen kann, körperlich am Ende ist und die Praxis dann nach zwei Stunden wieder mit einem Lächeln, in neuen Schuhen und mit ein bisschen Würde verlassen kann, ist das eine große Befriedigung für mich“, beschreibt der Winterbacher. Dennoch gibt er zu, dass die Arbeit in Thessaloniki oft anstrengend gewesen sei. Auch, weil die griechischen Behörden den Helfern gerne Steine in den Weg legen würden. So sei es unglaublich schwierig, überhaupt einen Ort zu finden, an dem sie ihre mobile Praxis errichten dürften. Daher wurde es eben der Parkplatz im Rotlichtmilieu. Einen Patienten mit dem Rettungswagen in eine Klinik zu fahren, sei ebenfalls ein Ding der Unmöglichkeit. Denn die Polizei könnte den Transport als Assistenz zum Schmuggeln auslegen. „Wir müssen da höllisch aufpassen“, sagt Müller.

Doch warum tut er sich den ganzen Stress überhaupt an? Warum opfert er sich für völlig fremde Menschen auf? Warum bringt er sich teilweise selbst in Gefahr, um anderen zu helfen? „Weil ich es von meiner Ausbildung und meinem Charakter her kann“, antwortet er und bezeichnet sich selbst als „privilegiert“. Daher habe er eine gewisse Verantwortung gegenüber Leuten, denen es nicht so gut gehe wie ihm. „Jeder kann etwas bewegen, wenn er es nur möchte“, betont Müller. Man müsse dazu kein bestens ausgebildeter Arzt sein. Auf dem staubigen Parkplatz in Thessaloniki könnte auch ein einfacher Rettungssanitäter viel Gutes tun. Wer dort etwas bewegen möchte, sollte laut Müller vor allem eines Mitbringen: jede Menge Hingabe.