KZ-Überlebender Gerd Klestadt berichtet als Zeitzeuge am ASG Dillingen

Kostenpflichtiger Inhalt: Zeitzeuge berichtet : Wie überlebt man mit 14 allein im KZ?

Eine spannende Vita trotz einer unsäglichen Tragödie – davon konnte Zeitzeuge Gerd Klestadt 150 Schülern in Dillingen eindrucksvoll berichten.

Gerd Klestadt war 14 Jahre alt, als sein Vater, dicht an ihn gedrängt, starb. Der Richter am Oberlandesgericht wurde nur 45 Jahre alt. Der Junge drückte ihm die Augen zu, wickelte ihn in ein Tuch und zerrte ihn auf den stetig wachsenden Leichenberg im KZ Bergen-Belsen. Ein Grab gab es nicht, die Toten verwesten unter freiem Himmel. Von da an war der 14-Jährige auf sich gestellt. Aber er hatte nun die Schuhe seines Vaters „und zwei Fressnäpfe, zwei Löffel, zwei Decken“. Es war der 4. Februar 1945.

Zwei Monate später wurde Gert Klestadt von amerikanischen Soldaten befreit, mit seiner Mutter und seinem Bruder aus einem Gefangenentransport; Der Junge überlebte die unvorstellbare Hölle des KZ Bergen-Belsen; sein Vater war einer von sechs Millionen Juden, die in den Lagern der Nazis starben.

„Als 13-Jähriger wurde ich 15 Monate lang ins KZ gesperrt“, berichtet Klestadt, „ein Teil meiner Jugend war ein einziges dunkles Gewitter“. Was solch ein Trauma mit einem Menschen macht und wie man weiterleben kann, davon erzählt Klestadt, der sich erst im Alter seiner Vergangenheit mit Hilfe einer Psychotherapie stellen konnte. Rund 150 Schüler der Klassen 11 und 12 des Albert-Schweitzer-Gymnasiums Dillingen verfolgten gebannt die eindrucksvollen Schilderungen des 87-Jährigen, der seinen Vortrag mit vielen Fotos stützt. Eine „Geschichtsstunde der besonderen Art“ hatte Schulleiter Stefan Schmitt eingangs angekündigt.

Ein Bild zeigt Klestadts heimliche Schulklasse im Keller: Jüdische Kinder durften nicht mehr zur Schule gehen, nicht ins Schwimmbad, nicht in den Bus steigen, nicht Rad fahren. Ein weiteres zeigt einen Viehwaggon, wie der, in dem die Familie eines Tages mit Dutzenden anderen zusammengepfercht in eine ungewisse Zukunft deportiert wurde. „Es war der 1. Februar 1944. Ein Dienstag“, erinnert sich Klestadt: Eineinhalb Tage, zwischen Kindern und Sterbenden, „es gab zwei Fässer im Waggon, eins mit Wasser zum Trinken, eins für die Notdurft – vor aller Augen“.

Mehrere Fotos zeigen die Leichenberge im KZ, sie lassen die Gräueltaten dort nur erahnen. „Wir Jüngeren mussten die Baracke putzen und die Leichen heraustragen“, schildert Klestadt knapp. „Freunde gab es nicht. Jeder versuchte für sich selbst zu überleben.“ Der simple Überlebenstrieb habe ihn gerettet, sagt er, „wir haben nicht an die Zukunft gedacht, nur daran, am nächsten Tag wieder beim Appell zu stehen“.

Seit 2001 berichtet er als einer der letzten Zeitzeugen Schülern und Studenten von seinen Erlebnissen im Nationalsozialismus und gibt damit „der Tragödie ein Gesicht“, wie Schmitt betonte. 1936 floh der in Düsseldorf geborene Junge mit seiner Familie in die Niederlande; dort wurden er, sein jüngerer Bruder und die Eltern 1943 verraten und in ihrem Versteck gefunden. Nach der Verhaftung kamen sie ins Lager Westerborg, 1944 wurde die Familie ins KZ Bergen-Belsen verlegt.

Dieses KZ, in dem Klestadt monatelang hungerte und fror, blieb Teil seines Lebens, bis heute: „Ich muss von Zeit zu Zeit dorthin und an die denken, die es nicht geschafft haben.“ Etwa 70 000 Menschen liegen dort anonym in Massengräbern, darunter sein Vater und Anne Frank.

„75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs sind Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeit“, warnte der 87-Jährige eindringlich, „die Geschichte könnte sich wiederholen.“ Bildung sei der Weg, den er gewählt habe, „um bis zum Ende meines Lebens gegen Hass, Bitterkeit, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit zu kämpfen“.

Klestadt, der sechs Sprachen spricht, lebt nach Stationen in Israel und den USA heute mit seiner aus Südafrika stammenden Frau Charlene in Luxemburg und Frankreich. Sie haben zwei Töchter und fünf Enkelkinder. „Das ist meine Rache an Adolf Hitler“, scherzt Klestadt. Seine Familie, die bezeichnet der Entwurzelte auch als seine Heimat.

Ob er je Rachegefühle gehabt habe, will ein Schüler im Anschluss wissen. „Nein“, sagt Klestadt klar, „ihr habt doch keine Schuld. Aber, ihr habt die moralische Verantwortung.“ Auch die, mit Extremisten, und Hetzern, immer wieder zu sprechen, sie zu belehren, meint er. „Die Welt hat nicht viel dazugelernt“, bedauert Klestadt, er schlägt in seinem Vortrag auch Brücken zum Völkermord im Kosovo, antisemitischen Grabschändungen und aktuell den vielen Toten im Mittelmeer.

„Beeindruckt“ ist Schülerin Ivie Ogbeide, 15, von Klestadt, vor allem davon, „dass er überhaupt die Kraft hat, davon zu erzählen. Ich weiß nicht, ob ich das könnte.“ Ihr Fazit: „Das war sehr interessant und sehr emotional.“ Jennifer Selzer, 16, findet es wichtig, „dass über den Holocaust gesprochen wird. Denn bald sind alle Zeitzeugen tot.“

Der 87-jährige Gerd Klestadt berichtete rund 150 Jugendlichen am Albert-Schweitzer-Gymnasium Dillingen von seiner Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus und als Häftling im KZ Bergen-Belsen. Foto: Nicole Bastong

„Ihr müsst Zivilcourage haben, wenn jemand gehänselt wird, der eine andere Religion oder Hautfarbe hat“, appelliert Klestadt zum Schluss an die Schüler. Jedem gibt er eine kleine Murmel mit – als Symbol für unsere bunte, vielfältige Welt. „Sie soll euch daran erinnern, dass ihr immer anderen helft.“