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Virus verursacht auch familiäre Probleme: Häusliche Gewalt in Corona-Zeiten

Kostenpflichtiger Inhalt: Virus verursacht auch familiäre Probleme : Häusliche Gewalt in Corona-Zeiten

Die Krise droht vorhandene familiäre Probleme zu verschärfen, warnt eine Psychologin von der Saar-Uni.

Ein unschönes Szenario: 60 Quadratmeter, eine Mutter, zwei Kinder, ein Tyrann. Und nun Corona. Keine Kindertagesstätte, kein Kindergarten, keine Schule kümmert sich tagsüber um den Nachwuchs. Der Mann kann abends nicht mehr in die Kneipe, die ist zu. Er ist aggressiv. Die Mutter hat Angst. Vor dem Virus, vor den Verschwörungstheorien aus dem Internet. Vor seinen Ausrastern. Davor, dass die Putzstelle nach der Krise weg ist. Davor, dass der Hartz-IV-Satz nicht mehr fürs Essen ausreicht, die Tafel wegen des Virus geschlossen ist – und das Essen in Kitas und Schulen wegfällt.

„Da rollt ein massives Problem auf uns zu“, erklärt Professorin Tanja Michael. „Und das sicher nicht nur in Problemfamilien.“ Michael ist psychologische Psychotherapeutin an der Universität des Saarlandes, Lehrstuhlinhaberin. Für sie und viele ihrer Kollegen steht fest: „So sinnvoll die Verfügungen der Regierung zur Eindämmung des Virus sind, es wird vermehrt zu häuslicher Gewalt kommen“, sagt sie.

Häusliche Gewalt – ein schreckliches Wortgebilde. Subsumiert es doch alles, was die Palette hergibt: von Schlägen über sexuellen Missbrauch bis hin zum Mord. Auch die deutsche Kinderhilfe mahnt in einer Pressemitteilung, die Gewaltstatistiken nun genau im Auge zu behalten. Vor allem je länger die Familien aufeinanderhängen. Beob­achten doch Statistiker bereits zu Ostern und Weihnachten ein Ansteigen der häuslichen Gewalt. Feiertage sind oft Krisentage.

Psychologie-Professorin Tanja Michael von der Universität des Saarlandes. Foto: Michael/SZ

Die Gewalt richtet sich gegen Kinder, gegen Frauen. Selten gegen Männer. Die Beratungsstellen in China haben zum Beispiel in den vergangenen Wochen während der Corona-bedingten Ausgangssperren dreimal so viele Frauen betreut wie zuvor. Doch nicht nur die zu Anfang skizzierte Mutter der Problemfamilie kann zum Opfer werden, auch andere Familien etwa aus der Mittelschicht müssen sich jetzt beweisen. Dort herrschen zwar oft andere Bedingungen, als bei denen, die am Existenzminimum leben. So haben sie oft mehr Platz; Rück­zugsorte wie Gärten oder eigene Zimmer. Dennoch werde die Corona-Krise auch zum „Stresstest für diese Familien“, weiß Michael.

Ein Problem, das dazukommt: Normalerweise sind es vor allem Schulen und Kitas, die die Verdachtsfälle den Jugendämtern melden. Sie sind nun nicht mehr dabei. Und auch die Polizei kann derzeit nicht so sehr wie sonst auf häusliche Gewalt achten. Die besten Seismographen der Gesellschaft, wenn es um das Aufspüren hilfloser Menschen in Familien geht, fallen in der Corona-Krise aus. „Das ist ein schwerwiegendes Problem“, sagt Michael. Daher fordert sie, dass diese Themen in der aktuellen Diskussion „unbedingt mitgedacht werden müssen. Es wird viele Menschen geben, die mehr Angst vor einem oder mehreren Familienmitgliedern haben werden als vor Covid-19“, vermutet sie.

Mitgedacht werden sollte auch für labile Menschen, für Depressive zum Beispiel. Sie haben eh Ängste, nun kommen noch viele hinzu: Die Angst vorm Jobverlust. Die Angst, Angehörige an das Virus zu verlieren. „Da sind existenzielle Ängste“, sagt Michael. Dazu käme des Öfteren noch das Gefühl eines Kon­trollverlustes. Niemand kann dieses Virus und seine Ausbreitung kontrollieren. Das Gefühl der Hilflosigkeit ist da nicht weit entfernt. Dazu kommt: Die Menschen haben derzeit kaum Möglichkeiten, ihre Aggressionen und Ängste woanders abzulassen. Sport, Spielplatz, Verein, Arbeit, Kneipe – fallen weg oder sind eingeschränkt. Solch eine Situation, wie sie das Virus gestaltet, ist für viele labile Menschen keine gute. Deren Vereinsamung wird zunehmen. „Da wird es menschliche Tragödien geben“, vermutet Michael. Sie sei sich sicher, dass das volle Ausmaß erst später sichtbar werden wird, da sich psychische Störungen langsamer entwickeln als Infektionskrankheiten. „Bis die Menschen schwer krank und suizidal werden, wird es zwar eine Weile dauern“, sagt sie, aber „es wird leider passieren“. Manche psychologischen Störungen „haben eine Mortalitätsrate von 15 Prozent“, sagt Michael.

Sie empfiehlt labilen Menschen, sich an die entsprechenden Notfallambulanzen zu wenden, die entsprechenden Hotlines, die Telefonseelsorge. Sie appelliert aber auch an Mitmenschen, an Nachbarn, Freunde. „Normale Menschlichkeit hilft viel“, sagt Michael. „Opfer sind meist um jeden netten menschlichen Kontakt dankbar – auch wenn er die Gewalt nicht stoppt“. Jedes nette Telefonat helfe ihnen, sich „normal“ zu fühlen und sich nicht aufzugeben. Menschen in schwierigen Situationen „wollen ganz normale und lustige Unterhaltungen führen. Physische Distanzierung ja, soziale Distanzierung nein“, schlägt die Professorin vor. „Es gibt sicherlich nicht die Lösung, aber wir müssen äußerst wachsam bleiben“, mahnt auch die Kinderhilfe.

Sich kümmern. Es wird wichtig werden, sind doch auch Frauenhäuser und soziale Einrichtungen für gefährdete Jugendliche personell meist auf Kante genäht. Oder gerade zu. Noch so ein unschönes Szenario.