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Saarländische Ärzte kämpfen für ein würdevolles Sterben mit Coronavirus

Kostenpflichtiger Inhalt: Sterben mit Corona : Für den Tod gibt es keine „Lockerungen“

Palliativmediziner rücken Horrorszenarien vom qualvollen Corona-Erstickungstod zurecht. Auch ein Saarbrücker Intensivmediziner sagt: Keiner stirbt allein. Wie kämpfen sie um ein würdevolles Sterben?

Selten war der Tod präsenter in Deutschland. Zuerst bewegte die Menschen, ob und wie viel gestorben wird in Corona-Zeiten. Die Debatte jetzt um die vermeintlich korrekte Sterblichkeitsrate ist ein Ausläufer hiervon: Sind es zwei Prozent aller Infizierten, die nicht überleben, oder „nur“ 0,35 Prozent? Fest steht: In Deutschland starben bereits über 4000 Menschen, davon über 90 im Saarland. Zahlen suggerieren Nüchternheit, zunehmend emotional wird es jedoch beim Thema, das zwischenzeitlich in den Fokus gerückt ist: Wie wird mit und an Corona gestorben? Katastrophen-Bilder aus Italien liefern die Vorlage für schlimmste Fantasien, denn dokumentarische Szenen aus Deutschlands Kliniken und Pflegeheimen fehlen. Die Heime sind für Besucher tabu, Kliniken haben für Corona-Kranke Isolierung angeordnet. Einsames Sterben also? In der Regel ja und in der absoluten Ausnahme nein. So erklärt es der Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin am Saarbrücker Winterberg-Klinikum, Prof. Dr. Konrad Schwarzkopf. Er versorgt derzeit acht Corona-Beatmungs-Patienten, hat einige sterben sehen, die Zahl nennt er nicht. Doch er erklärt: „Keiner ist dabei allein gewesen“. Am Lebensende würden eine Pflegekraft und ein Arzt ins Zimmer gerufen. Dieser ethische Grundsatz gelte generell für Sterbende auf Intensivstationen und gilt auch jetzt: „Das ist Common Sense in der Intensivmedizin: Ganz am Schluss muss man dabei sein.“

Allerdings ist laut Schwarzkopf keine Kommunikation mit Corona-Infizierten mehr möglich, denn der Patient werde in der Regel über einen Beatmungsschlauch in der Luftröhre beatmet, sei bewusstlos, liege im künstlichen Koma. Es ist dies die End-Krankheitsphase, die mitunter Wochen andauert. Schon zuvor ist der Kranke allein, es gibt keine Chance für einen unmittelbaren Kontakt mit den Liebsten. So lautet die Regel. Der Intensivmediziner hält Ausnahmen dennoch für möglich – solange das Personal Zeit dafür habe und genügend Vollschutz-Ausrüstung für Besucher vorrätig seien. Nach individueller Prüfung kann laut Schwarzkopf zumindest Sichtkontakt gewährt werden, hinter  Glasscheiben in den Intensivstationen. „So kann man Abschied nehmen, den Toten womöglich ein letztes Mal sehen“, sagt der Saarbrücker Arzt. Von der Idee, Pflegepersonal letzte Botschaften oder Bilder verschicken zu lassen, wie von Trauerexperten vorgeschlagen, hält er für Corona-Patienten nichts. Und: „Was ich keinesfalls tolerieren würde, wäre eine Art Liveübertragung eines Sterbeprozesses.“

Derweil arbeiten auch Palliativmediziner unter Hochdruck an speziellen Corona-Konzepten. Konsens ist, dass man Menschen nicht zwingend beatmen muss, damit sie keine Erstickungsqual erleben. Alle Palliativmediziner versichern: Durch Medikamente lässt sich Luftnot ausschalten. In einem offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) fordert deshalb die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin eine Stärkung der ambulanten Versorgung in der Wohnung, um den Kranken ein Sterben daheim und im Beisein Angehöriger zu ermöglichen. Palliativmedizin sei in der Lage, durch Opioide Atemnot bestmöglich zu lindern, heißt es. „Niemand muss heute noch ersticken“, sagt auch der Chef des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie am Universitätsklinikum Homburg, Professor Dr. Sven Gottschling. Die Palliativmedizin habe große Erfahrung mit Krankheitsverläufen wie bei Covid-19: „Wir kennen hoch wirksame Medikamente, die sogar in geringer Dosierung sofort Linderung verschaffen.“ Wie hat man sich das vorzustellen?

Opioide mildern die Angst, die viel zur Luftnot beiträgt. Außerdem beruhigen und vertiefen sie die Atmung, das Hecheln hört auf, durch das zu wenig Sauerstoff in die Lunge kommt. Letztlich sorgen Opioide auch dafür, dass Rezeptoren im Blut einen zu hohen Kohlendioxidgehalt nicht mehr ans Gehirn melden, sodass der Patient seinen Zustand nicht mehr als Luftnot erlebt.

Gottschling rät dazu, dass derzeit alle Ärzte, egal welcher Fachrichtung, diese Medikamente kennen sollten. Gottschlings Team hat deshalb in Abstimmung mit dem Krisenstab der Homburger Universitätsklinik eine Art Erste-Hilfe-Anleitung für alle Homburger Klinik-Kollegen entwickelt. Auf einer „Kitteltaschen-Karte“, die jeder bei sich tragen kann, sind Medikamente und Dosierungshilfen vermerkt. „Niemand muss im Corona-Fall das Rad neu erfinden“, sagt Gottschling. Einen Vorteil der palliativen Behandlung sieht er darin, dass der Patient so lange wie möglich wach bleibt, sich unterhalten kann, und erst spät und langsam in die Bewusstlosigkeit geschickt wird. Voraussetzung dafür: Der Patient hat sich für diese Art des Sterbens entschieden, also eine Beatmung durch eine Patientenverfügung untersagt. Aber wer tut so etwas, mit dem Grusel-Bild eines langsamen Ertrinkens vor Augen, das seit Beginn der Pandemie kursiert? Palliativexperten wie der Wittener Mediziner Matthias Thöns kritisieren denn auch, dass die Beatmung nahezu als alternativlos gilt. Nur vier Prozent der Patienten würden vorab aufgeklärt und befragt, so Thöns kürzlich im Deutschlandfunk. Dies, obwohl die Beatmung hohe Risiken berge. Auch der Saarbrücker Intensivmediziner Schwarzkopf spricht von „Handicaps“, die bei den meisten Patienten zurückblieben: „Eine Langzeitbeatmung hinterlässt Schäden, oft sind die Menschen nicht mehr arbeitsfähig, entwickeln eine Schmerzsymptomatik oder ein posttraumatisches Stresssyndrom.“ Hochbetagte trifft es allerdings weit schlimmer. Alte Menschen endeten nach der „Rettung“ durch die Gerätemedizin nahezu immer als Schwerstpflegefälle, erklärt beispielsweise Thöns im Radio-Interview: „Und das sind Zustände, die lehnen die meisten älteren Menschen für sich ab.“ Man müsse sie nur ehrlich vor die Wahl stellen: Willst du dein Lebensende mutterseelenallein auf einer Intensivstation erleben oder doch lieber mit dem Risiko, dies wahrscheinlich nicht zu überleben, zu Hause bleiben?

Auch der Homburger Palliativmediziner Gottschling sieht diese Problematik. Er warnt davor, sich auf Patientenverfügungen aus Vor-Corona-Tagen zu verlassen, die in der Regel nur für unumkehrbare Krankheitsprozesse Gültigkeit besitzen. Corona gelte jedoch als heilbar. Deshalb hat er mit seinem Team eine spezifische „Notfallverfügung“ entwickelt, die als Beispiel-Formular an alle Pflegeeinrichtungen verschickt wird (die SZ berichtete). So könne man bestimmen, dass man zu Hause palliativ versorgt wird. Rettungsdienste würden dann sofort vor Ort, im Heim oder in der Wohnung, mit der palliativen Medikamentierung reagieren, würden nicht mehr zur Notaufnahme fahren. In Homburg hat der Krisenstab zudem eine „Angehörigenzentrale“ auf den Weg gebracht. Medizinstudenten werden geschult, um Kontakte zwischen Patient und Familie zu ermöglichen. Sie übernehmen die Vermittlung von (Video-)Botschaften, wenn der Patient selbst dies nicht mehr schafft, entlasten das Personal, das womöglich, sollten sich die Fälle häufen, nicht mehr dazu kommt, Angehörige auf dem Laufenden zu halten.

Gottschling erachtet es für psychologisch äußerst wichtig, die „bösen Bilder“ zu vertreiben, die die Menschen aus ersten Pandemie-Tagen mitnahmen. In der Homburger Klinik, die eine der drei „Corona-Zentralen“ für Schwerstfälle ist, starben bisher zwei Menschen an Corona, etwa 14 Beamtungs-Patienten gibt es, rund 140 könnten theoretisch beatmet werden. Die Zahlen ändern sich täglich, doch sie sprechen klar davon, dass von einem Kollaps des Systems nicht die Rede sein kann. Freilich leben laut Gottschling die meisten Klinik-Ärzte gedanklich bereits seit Wochen im Katastrophen-Modus eines Massensterbens. Denn ein würdevoller Tod kennt keine Lockerungen.