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Saarbrücker Neurowissenschaftlerin Lena Kästner erklärt, wie Schutzmasken unser Zusammenleben verändern werden

Kostenpflichtiger Inhalt: Saarbrücker Neurowissenschaftlerin Lena Kästner über den Alltag mit Schutzmasken : „Wie eine schlechte Leitung beim Skypen“

Philosophie-Junior-Professorin Lena Kästner erklärt, wie die Schutzmasken unser Zusammenleben verändern werden.

Auch im Saarland gilt jetzt die Pflicht, Gesichtsmasken in Bussen und Bahnen sowie beim Einkaufen zu tragen. Doch wie verändern die Masken unser alltägliches Zusammenleben? Lena Kästner, Junior-Professorin an der Saar-Uni für die Philosophie des Geistes und der kognitiven Systeme, die auch einen Master in kognitiver Neurowissenschaft mit einer Arbeit über die Verarbeitung von Gebärdensprache im Gehirn erworben hat, antwortet auf unsere Fragen.

Die Corona-Gesichtsmasken bedecken zwei Drittel des Gesichts. Welche Folgen hat das für die zwischenmenschliche Kommunikation?

KÄSTNER In der Kognitionswissenschaft gibt es ein Modell, das sich die vorhersagenbasierte Kodierung (predictive processing) nennt. Das ist ein Modell darüber, wie wir wahrnehmen und auch Stimuli verarbeiten. Im Bezug auf die Masken sehe ich zwei Effekte, die man aus dem zugehörigen Theoriegebäude ableiten könnte: Zum Einen ist es aktuell so, dass die Masken Aufmerksamkeit auf sich ziehen, weil wir sie nicht gewohnt sind. Das ist ein dauerhafter Vorhersagefehler gegenüber dem, was wir gewohnt sind und auf Basis unseres Modells von der Welt erwarten würden. Damit erhalten wir eine konstante Erinnerung, das etwas anders ist. Das könnte einen positiven Effekt haben, insofern, dass wir das Virus nicht vergessen, auch wenn wir nun langsam zur Normalität zurückkehren. Aber dieser Aufmerksamkeits-Effekt wird vermutlich auch irgendwann wieder verschwinden.

Weil die Gewöhnung an die Masken im Alltagsbild einsetzt?

KÄSTNER Das könnte sein. Aber das Zweite, was noch ganz interessant ist, ist, dass uns visuelle Zusatzinformationen durch die Masken verloren gehen. Wenn zwei Drittel des Gesichts verdeckt sind, fehlen die entsprechenden Informationen beim Verstehen. Bei der Gebärdensprache zum Beispiel ist es Wahnsinn, was da wegfällt an Bedeutung. Bei gesprochener Sprache ist es weniger wild. Aber auch hier geben Gesichter Zusatzinformationen, zum Beispiel über Emotionen und darüber, was Menschen gerade fühlen. Das sind so Sachen, die wir oft aus dem Gesicht lesen. Wenn wir uns mit Leuten unterhalten, dann schauen wir häufig in ihr Gesicht, um abzuschätzen, wie es „hinter dem Gesicht“ aussieht. Wenn ich einen Teil davon verdecke, ist es ein bisschen so wie eine schlechte Leitung beim Skypen. Man kann sich das Vorstellen wie ein Rauschen in der Leitung. Da fehlt jetzt durch die Masken eine Info, die muss ich woanders herbekommen. Dann muss ich vielleicht mal genauer zuhören. Vielleicht muss ich da mal nachfragen: „Wie hast du das gemeint?“

Mit der Maske wird der Augenkontakt das wichtigste nonverbale Kommunikationsmittel: Werden wir ein Volk der Zwinkerer und Augenbrauenhochzieher, wie Mr. Spock?

KÄSTNER (lacht) Da müssen Sie eher einen Soziologen fragen. Es ist natürlich eine Möglichkeit, dass stärkerer Augenkontakt eine Veränderung in der Kommunikation sein wird. Da gibt es jetzt schon kulturelle Unterschiede. Auf Konferenzen ist es etwa immer ein running gag „Jaja, ihr Deutschen guckt euch immer beim Prosten in die Augen, das ist total merkwürdig...“ In der Gebärdensprache ist der Augenkontakt nochmal wesentlich intensiver. Und die Mimik kann Bedeutungsunterschiede ausmachen, etwa wie der Mund bei einer bestimmten Gebärde geformt wird. Menschen, die keinen Kontakt zu Gebärdensprachlern haben, empfinden ständigen Blickkontakt oft als „Anstarren“; genauso wie viele Menschen aus anderen Kulturen den Blick in die Augen beim Anstoßen. Wir haben einfach unterschiedliche kulturelle Gewohnheiten. Wenn wir jetzt alle Gesichter verdecken, gibt es vielleicht eine Anpassung daran.

Mit der Maske wird auch das deutliche Sprechen schwieriger: Müssen wir mit einer aggressiveren Gesellschaft rechnen, wenn bei vielen der Geduldsfaden im Alltag reißt?

KÄSTNER Das ist sehr typabhängig. Ich werde ja auch nicht zum Monster, weil die Telekom-Hotline mal wieder nicht meine Sprache erkennen kann. Das ist nervig, aber man muss sich dran gewöhnen. Ich habe inzwischen herausgefunden: Ich muss meine Stimme tief stellen, dann funktioniert es.

Welche Auswirkungen sehen Sie für die Entwicklung der Kinder, die vermehrt in maskierte Gesichter blicken müssen? Löst das Ängste aus? Oder können die Kinder damit umgehen?

KÄSTNER Kinder, die es nicht gewohnt sind, werden es erstmal überraschend finden, da sind wir wieder bei der Sache mit dem Vorhersagefehler. Manchen mag das Angst einjagen, andere mögen es spannend finden. Man kann die Masken ja auch ganz lustig bedrucken. Das kann ein neuer Modetrend werden...

...das ist es ja schon.

KÄSTNER Ja, sehen Sie, wie so häufig: Jede Krise birgt auch Chancen. Die Leute fangen plötzlich an, Masken zu schneidern und kreativ zu werden zu Hause. Auch Leute, die vorher nie genäht haben, fangen plötzlich zu Hause an zu schneidern. Das ist doch ganz cool.

Die Masken behindern auch das sofortige Erkennen eines bekannten Menschen, wenn er so vermummt ist: Wird die Gesellschaft zunehmend anonymisiert?

Lena Kästner, Junior-Professorin an der Uni des Saarlandes für die Philosophie des Geistes und der kognitiven Systeme Foto: Lena Kästner

KÄSTNER Finden Sie? Es gibt auch Leute, die sind einfach nicht gut darin, Gesichter zu erkennen. Ich bin zum Beispiel Brillenträgerin. Wenn ich im Schwimmbad keine Brille aufhabe und mir jemand Bekanntes begegnet, weiß ich dennoch: den kennste. Denn ich weiß, wie der sich bewegt. Oder ich weiß, das ist meine Freundin, weil sie ihren bunten Badeanzug an hat. Wir haben schon Mittel und Wege, Menschen zu erkennen, die nicht vom Blick in das Gesicht abhängen. Auch wenn wir die bisher nicht so viel benutzen. Aber vielleicht benutzen wir solche Erkennungsmittel künftig mehr. Wer Lust hat, bei der Erforschung der Auswirkungen der Pandemie auf unser Erleben und Verhalten mitzuwirken, kann das übrigens bei den Kolleginnen und Kollegen aus der Psychologie tun. Alle Infos gibt es auf deren Website: www.alles-anders.org