Saarstahl-Vorstand Tim Hartmann über Zukunft der Branche im Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Vorstandschef Tim Hartmann : Saar-Stahlindustrie vor schmerzhaftem Prozess

Der Vorstandschef von Saarstahl und Dillinger Hütte kündigt weitere Kostensenkungen an und erwartet gravierende Veränderungen.

Die Lage in der saarländischen Stahlindustrie spitzt sich immer weiter zu. Um auch langfristig überleben zu können, sollen die Standorte Dillingen und Völklingen noch erheblich stärker zusammenrücken und weitere Kosten sparen. Tim Hartmann, Vorsitzender des Vorstandes an beiden Standorten, räumt im Interview mit der Saarbrücker Zeitung ein, dass den Beschäftigten vieles abverlangt wird. Auch die Politik müsse mehr tun, um die Stahlindustrie in Deutschland zu stabilisieren. Die „sauberste Stahlindustrie der Welt“ müsse sich fragen, ob sie in Deutschland noch eine Zukunft hat.

Herr Hartmann, hat die Stahlindustrie am Standort Deutschland noch eine Chance? Die finanziellen Belastungen werden immer größer.

HARTMANN Sie haben recht: Die finanziellen Belastungen nehmen zu. Denn die Stahlindustrie in ganz Deutschland trägt gegenüber außereuropäischen Wettbewerbern Mehrbelastungen in den Bereichen Energie-, Umwelt- und Arbeitskosten. Hinzu kommen steigende Kosten in Folge der Klimaziele. Allein das CO2-Zertifkatesystem wird für uns in naher Zukunft zu jährlichen Mehrkosten von über 100 Millionen Euro pro Jahr führen – weit weg von jeder wirtschaftlichen Realität. Dabei wird hier bereits der sauberste Stahl der Welt produziert. Alleine am Stahl-Standort Dillingen haben wir seit 2008 mehr als 500 Millionen Euro in den Umwelt- und Klimaschutz investiert. Die Konkurrenz auf dem Weltmarkt kann ohne diese Kosten und damit billiger produzieren. Immer mehr Stahl mit einem deutlich höheren CO2-Footprint drängt auf den Weltmarkt und auch auf den europäischen Markt. Der saubere heimische Stahl kann dagegen nicht bestehen. Eine absurde Situation. Die sauberste Stahlindustrie der Welt muss sich fragen: Haben wir noch eine Zukunft am Standort Deutschland? Und können wir es unternehmerisch noch vertreten, in den Standort Deutschland zu investieren? Oder müssen wir über kurz oder lang CO2-intensive Industrien dahin verlagern, wo Klimaschutz einen geringeren Stellenwert hat? Für den Klimaschutz wäre damit nichts gewonnen, dem Klima ist es egal, wo es zerstört wird.

Sie warnen bereits: Wenn nichts passiere, müsse die deutsche Stahlindustrie darüber nachdenken, Investitionen ins Ausland zu verlagern, weil sie nun einmal C02-intensiv produziert. Wie groß ist diese Gefahr der Verlagerung? Und was würde ein Deutschland ohne Stahlindustrie bedeuten?

HARTMANN Am Stahl hängen in Deutschland direkt und indirekt rund 3,5 Millionen gut bezahlte sozialversicherungspflichtige Jobs – im Saarland allein rund 20 000. Daran hängt die Existenz ganzer Familien. Die verarbeitende Industrie ist ein wichtiger Anker für den Wohlstand und den sozialen Frieden in Europa. Eine nationale Industriepolitik braucht eine starke Stahlwirtschaft in Deutschland. Weil Industrie Hightech-Stähle mit kurzen Lieferwegen braucht. Weil enge Kooperation vor Ort Innovationen schafft: Es ist kein Zufall, dass ein Drittel aller branchenübergreifenden Patente mit Stahlbezug aus Deutschland kommen.

Warum verhält sich die Politik in Berlin und Brüssel so zögernd? Hat die Stahlindustrie eine zu geringe Lobby? Oder begreift die Politik nicht, was auf dem Spiel steht? Zumal Industriepolitik und Klimaschutz sich weder widersprechen, noch Themen für nur eine Legislaturperiode bis zu den nächsten Wahlen sind.

HARTMANN Europa will Vorreiter in Sachen Klimaschutz sein. Und das ist auch gut so. Die saarländische Stahlindustrie bekennt sich zu den Klimazielen. Neben den derzeit möglichen Maßnahmen zur CO2-Reduzierung, in die wir aktuell investieren, arbeiten und forschen wir an großindustriellen Lösungen. Wir dürfen aber unsere Augen vor der Realität nicht verschließen. Wasserstoff ist in der großindustriellen Anwendung erst in der Pilotphase, verursacht hohe Umstellungskosten und ist mit einem deutlich höheren Energiebedarf verbunden. Die Zeit drängt aber, denn wir stehen jetzt vor großen Investitionsentscheidungen. Wenn Deutschland Technologieführer bleiben soll, und wir nicht das Problem irgendwo in die Welt verlagern, müssen wir jetzt handeln und dafür sorgen, dass es auch in 30 Jahren eine Stahlindustrie in Deutschland gibt. Mit der Bereitstellung von bezahlbarem CO2-freiem Strom und den entsprechenden Netzen kann die Politik helfen. Und mit einer Förderlandschaft, die neben Erstinvestitionen auch laufende Mehrkosten abdeckt, um international wettbewerbsfähig zu sein. Mit dem klaren Bekenntnis zur Fortsetzung der Safeguard-Politik (Schutzmaßnahmen gegen Importe), um zumindest auf dem europäischen Markt sauberen Stahl nicht schlechter zu stellen als Importstahl mit deutlich höherem CO2-Footprint. Und indem sie einen Rahmen schafft, der hiesigen Unternehmen den Austausch über vielversprechende Technologiepfade ermöglicht, ohne dafür kartellrechtliche Risiken eingehen zu müssen. In anderen Branchen sind solche Foren längst Alltag.

Die saarländische Stahlindustrie hat schon in den vergangenen Jahren viel für eine saubere Produktion und Umweltschutz getan. Können Sie sagen, wie viel für den Umweltschutz durch modernere Anlagen investiert wurde?

HARTMANN Alleine am Standort Dillingen sind seit dem Jahr 2008 insgesamt rund 500 Millionen Euro in die Verbesserung des Umweltschutzes geflossen, dies stellt einen Anteil von 36 Prozent an unseren Gesamtinvestitionen am Standort Dillingen dar.

Sie sagen: Wir als Stahlindustrie machen die Energiewende erst möglich und verweisen auf Investitionen in Dillingen von 600 Millionen Euro alleine für die Produktion von Teilen für Offshore-Windanlagen. Reicht das zum Überleben?

HARTMANN Wir vertrauen auf unsere Innovationsfähigkeit und unseren Leistungswillen. Unsere Stellung im Offshore-Windkraftmarkt haben wir kontinuierlich und erfolgreich in den letzten Jahren aufgebaut und dafür 600 Millionen Euro investiert. Dillinger und Saarstahl sind auch in anderen Bereichen der regenerativen Energien und ökologischen Lösungen aus Stahl gut positioniert.

Dennoch räumen auch Sie ein, dass die bisherigen Maßnahmen zur Steigerung der Effizienz und zur Kostensenkung in der saarländischen Stahlindustrie nicht ausreichen und diese deshalb unter existenziellem Druck steht. Welche weiteren Maßnahmen planen Sie? Was kommt da auf die Standorte in Dillingen und Völklingen zu?

HARTMANN Derzeit läuft ein Strategieprozess für die gesamte saarländische Stahlindustrie, in dem viele strategische Aspekte, aber auch das Thema CO2, im Mittelpunkt steht. Wir müssen weiter drastisch unsere Kostenstruktur verbessern. Wir unternehmen viel, um uns an das veränderte Umfeld anzupassen. Innerhalb der saarländischen Stahlindustrie werden wir erneut Schritte unternehmen, um die Effizienz zu steigern und die Kosten zu senken. Das wird ein anstrengender, teilweise auch schmerzhafter Prozess, der die saarländische Stahlindustrie grundlegend verändern wird. Aber am Ende werden wir betriebswirtschaftlich gut aufgestellt sein.

Bedeutet dieser Prozess auch einen weiteren Personalabbau? Zumal man ja sicherlich auch darauf achten muss, noch vorhandene Doppelstrukturen in Dillingen und Völklingen zu beseitigen.

HARTMANN Wir haben immer gesagt, dass wir auch die Doppelstrukturen betrachten und – wo möglich – abschaffen werden, ja. Wir fahren ja ab September Kurzarbeit bei Saarstahl. Dies zeigt, dass die Lage angespannt ist. Die Kurzarbeit gibt uns als Unternehmen die Möglichkeit zu atmen, sie ist anspruchsvoll umzusetzen und verlangt den Mitarbeitern vieles ab. Es steht dazu auch unsere Aussage, dass wir betriebsbedingte Kündigungen vermeiden werden.

Wie sieht es derzeit mit der Auftragsentwicklung in Dillingen und Völklingen aus?

HARTMANN Die Dillinger Hütte ist von der Konjunkturflaute in der Automobilindustrie weniger betroffen, da ihr Produkt für andere Branchen bestimmt ist. Dillingen ist derzeit mengenmäßig gut ausgelastet, allerdings leiden sowohl die Dillinger Hütte als auch Saarstahl unter den enormen Überkapazitäten auf dem europäischen und globalen Stahlmarkt. Viele Stahlunternehmen sind gerade in Europa schlecht ausgelastet und das drückt massiv auf das allgemeine Preisniveau. Das betrifft auch besonders den Grobblechmarkt der Dillinger Hütte. Die EU-Kommission in Brüssel hat im Juli im Rahmen der – bereits leider nicht sehr effektiven – Safeguard-Maßnahmen nochmals fünf Prozent mehr Importe zugelassen. Und das bei einer gleichzeitig zurückgehenden Nachfrage auf dem europäischen Markt. Aktuell kommen 46 Millionen Tonnen Stahl in die EU und das ist mehr als die gesamte deutsche Stahlindustrie produzieren kann.

Können Sie gegenwärtig schon absehen, wie lange die Kurzarbeit bei Saarstahl dauern wird? Gibt es jetzt bereits Signale, dass sie schon Ende des Jahres endet? Die IG Metall stellt die Beschäftigten von Saarstahl schon darauf ein, dass sie auch im Jahr 2020 weiter andauern könnte.

Tim Hartmann, Vorsitzender des Vorstandes der Dillinger Hütte und von Saarstahl. Foto: Oliver Dietze

HARTMANN Die Kurzarbeit läuft ab Anfang September und ist für drei Monate beschlossen. Dieses Instrument gibt uns die Möglichkeit – sollte die Nachfrage doch wieder ansteigen – sie gegebenenfalls auch früher zu beenden. Über die Gesamtdauer lässt sich aber im Moment noch nichts sagen.

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