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Lothringens Heldin Jeanne d'Arc wurde vor erst 100 Jahren zur Heiligen

100 Jahre heilig : Jeanne d‘Arc nicht den Rechten überlassen

Von einer lothringischen Bäuerin zur Nationalheldin Frankreichs: Jeanne d'Arc wurde erst vor hundert Jahren zur Heiligen.

Welche Rolle kann ein Bauernmädchen schon in einer Auseinandersetzung wie dem Hundertjährigen Krieg spielen? Hätte es Jeanne d‘Arc (1412-1431) nicht gegeben, wäre die Antwort negativ. Doch die junge Frau, die im lothringischen Dörfchen Domrémy in den Vogesen geboren wurde, trug zur Befreiung des von den Engländern besetzten Orléans bei und gab die Wende des Krieges. Dabei erklärte sie, von göttlichen Stimmen angeleitet zu werden. Die Anerkennung kam, jenseits von Statuen, Kirchenfenstern und literarischen Werken, von kirchlicher Seite erst mit der Heiligsprechung vor genau hundert Jahren. Reichlich spät, findet Thierry Dechezleprêtre, Chefkonservator für Kulturerbe im Départementerat der Vogesen. Warum die lothringische Heldin für Frankreich noch immer ein besonderer Fall ist.

Welchen Einfluss hatte Jeanne d‘Arc auf den Hundertjährigen Krieg?

DECHEZLEPRÊTRE Sie hat eine entscheidende Rolle gespielt, sie trat in Erscheinung, als Nordwestfrankreich und Paris von den Engländern besetzt waren und die Herzöge von Burgund und von Orléans und deren Anhänger gegeneinander kämpften. Sie hat es geschafft, Menschen um sich zu scharen, die an sie glaubten. Ihr Handeln gab den Menschen in einer sehr komplizierten Situation Hoffnung. Und sie wusste den französischen König Karl VII. zu überzeugen, sich 1429 in der Kathedrale von Reims krönen zu lassen – ein symbolischer Ort, an dem Frankreichs Könige immer gekrönt wurden. Sie spielte eine politische wie auch eine religiöse Rolle.

Abseits von Legenden und Heldentaten, was wissen wir über die historische Jeanne?

DECHEZLEPRÊTRE Sie war nicht die einfache Bäuerin, zu der sie in den Legenden verklärt wurde. Sie war einfach, stammte aber aus der höheren Bauernschaft, einem Milieu, das damals Vorteile genoss. Ab dem Alter von 13 Jahren nahm sie göttliche Stimmen wahr. Sie wurde in Domrémy in den Vogesen geboren und lebte damit in einem Grenzgebiet, zwischen unabhängigem Herzogtum Lothringen und royalem Herzogtum Bar, dessen Dörfer vom Hundertjährigen Krieg durch Brandschatzung stark betroffen waren. Sie hat sicher das Grauen des Krieges erlebt. Sie steht für ein sehr ländliches Frankreich und ein Grenzgebiet, und sie verkörpert Tugend.

Sie reiste mit 16 ins nahe Vaucouleurs und bat den dortigen Hauptmann sie zum französischen König Karl VII. zu eskortieren. Das war schon ein bisschen verrückt?

DECHEZLEPRÊTRE Vielleicht, und mutig. Sie berief sich auf göttliche Stimmen, vor allem auf die Heilige Margareta und den Erzengel Michael, denn im Mittelalter glaubte man an Prophezeiungen. Die Religion spielte eine sehr große Rolle, das darf man dabei nicht vergessen.

Jeanne d‘Arc wurde 1431 in Rouen unter anderem wegen Hexerei verbrannt, doch ihr Mythos ist langlebig. Wie änderte sich mit der Zeit der Blick auf sie?

DECHEZLEPRÊTRE Sie wurde lange als Kriegerin, welche die französische Armee anführt, Orléans befreit und durch ihren Mut beeindruckt, gesehen. Im Zuge der Restauration benötigte das französische Königreich im 19. Jahrhundert eine Figur, um die Nation zu vereinen. Da war Jeanne d‘Arc ideal, denn in ihr konnten sich viele wiederfinden: Republikaner aufgrund ihrer Verwurzelung im einfachen Volk und ihrer Befreierrolle, Monarchisten durch ihre Königstreue und Katholiken aufgrund ihrer Religiosität. So wird sie im 19. und 20. Jahrhundert zu einem nationalen Symbol. Ein Kult um sie entwickelt sich im Krieg von 1870/71 und im Ersten Weltkrieg, als sich die Soldaten mit ihr identifizieren. Der Feind ist nicht mehr England, sondern die Deutschen, aber die Tugenden von Jeanne d‘Arc werden weiterhin bewundert.

Wurde sie später nicht auch instrumentalisiert, als Frankreichs Rechte sie zu einem Symbol der Anti-Immigration umdeuten wollte?

DECHEZLEPRÊTRE Ja, aber es findet eine Wiederaneignung durch die Mitte statt. Marine Le Pen hat zwar auch dieses Jahr wieder zum 1. Mai einen Kranz vor der Jeanne d‘Arc-Statue auf der Place des Pyramides in Paris niedergelegt, aber das hat längst nicht mehr das Gewicht wie noch zu Zeiten ihres Vaters Jean-Marie Le Pen. Politiker der Mitte überlassen Jeanne d‘Arc nicht den Rechten: Der damalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat anlässlich des 600. Jahrestages ihrer Geburt im Jahr 2012 Domrémy besucht und sie, ebenso wie jüngst auch Emmanuel Macron, in seine Reden eingebunden. Das ist ein guter Ansatz, denn sie hat ihren Platz in der Geschichte Frankreichs, sie ist so bekannt wie die Könige. Eine solche Frauenfigur ist in der europäischen Geschichte selten. Auch gibt es heute in Frankreich wieder ein wachsendes Interesse der Historiker und viele Touristen besuchen ihr Geburtshaus. Sie ist ja auch eine Figur des Feminismus, sie trug Männerkleider und wollte ihr eigenes Schicksal.

Was bedeutet es für Lothringen, eine eigene Heilige zu haben?

DECHEZLEPRÊTRE Das ist regional sehr wichtig aufgrund der Wallfahrten und des Gedenktourismus. Interessant ist dabei, dass Domrémy eines der ersten touristischen und damit säkularen Reiseziele Frankreichs war. Sie selbst wurde erst spät heiliggesprochen, aber ihr Geburtshaus wurde schon 1820 restauriert, obwohl die Denkmalpflege in Frankreich erst um 1830, 1840 begann. Dass man hier etwas anderes als Kirchen und Schlösser schützenswert fand, ist eine Lothringer Spezialität.

Warum wurde Jeanne erst am 16. Mai 1920, also knapp 500 Jahre nach ihren Heldentaten, von Benedikt XV. heiliggesprochen?

Das Geburts- und Wohnhaus von Jeanne d'Arc in Domrémy-la-Pucelle in den Vogesen ist heute Teil eines Museums. Foto: CD88/L'oeilCréatif/Clotilde Verdenal

DECHEZLEPRÊTRE Mit der Romantik und zum Ende des 19. Jahrhunderts erstarkte das politische und religiöse Interesse an ihr wieder nachdem sie lange vor allem als Kriegerin gesehen wurde, haben die Bischöfe von Orléans und Sainte-Dié-des-Vosges den Prozess schließlich in Gang gesetzt. Die sehr antiklerikale Haltung der damaligen Republik war aber lange auch in Domrémy ausgetragen worden, denn auch der Bau der Wallfahrtsbasilika Bois-Chenu bei Domrémy wurde erst 1881 begonnen, und Jeanne d‘Arc stand lange für einen Antagonismus von religiöser und politisch-kriegerischer Person, der heute in dieser Form nicht mehr existiert. Seit den 60er Jahren ist es die historische Person, die Historiker und Reisende interessiert. Nicht zuletzt auch, weil sie in der Kunst des 19. Jahrhunderts sehr präsent war. So wurde allein die Marmorstatue, die Marie von Orléans 1837 für das Museum von Versailles von ihr fertigte, hundertfach kopiert, in die Kirchen des Landes geschickt und damit zur bekanntesten Darstellung von Jeanne d‘Arc in Frankeich.