1. Saarland

Am 10. Januar 1920 ist der Versailler Vertrag in Kraft getreten

Als das Saaralnd auf die Welt kam : Wie aus den Saargebietlern Saarländer wurden

Am 10. Januar 1920 trat der Versailler Vertrag in Kraft. Für die Saarländer ist dieses Dokument so etwas wie eine Geburtsurkunde. Hier erklären wir, warum das Land seine Ursprünge in diesem Friedensvertrag hat.

Die Saarländer wissen zunächst mal nichts davon, dass es sie gibt. Damals, am 11. November 1918, als der Erste Weltkrieg mit seiner Material- und Menschenschlacht vorbei ist. Als die Deutschen den Waffenstillstand von Compiègne unterschreiben, da wissen die Saarländer noch nicht, dass es sie bald geben wird. Als selbständiges Völkchen. Mit Identität und Heimatbewusstsein. Am Ende des Krieges sind die heutigen Saarländer Bayern, wenn sie in St. Ingbert oder Homburg leben – oder Preußen, wenn sie Saarbrücker, Saarlouiser oder Merziger sind. Seit mehr als 100 Jahren bereits, seit 1815. Seit dem „Ende“ der Französischen Revolution.

An diesem 11. November 1918 fühlen sich die Menschen an der Saar jedoch weniger als Preußen oder Bayern – sie sind zuallererst Deutsche. Die im Kaiserreich leben. Auch wenn vielen das Leben gerade schwer fällt. Denn nicht nur das letzte Kriegsjahr ist zermürbend. Hunger und die Spanische Grippe raffen viele dahin. Bereits zwei Tage vor dem Waffenstillstand gründen Menschen in St. Ingbert, Dudweiler, Saarbrücken und Neunkirchen Soldaten- und Arbeiterräte, wollen eine sozialistische Republik. Eine November-Revolution im Miniaturformat. Gewaltfrei. Die Räte wollen zunächst mal Ruhe bewahren und für sie sorgen. Sie kümmern sich um Arbeitnehmerfragen, um Betriebsräte oder den Achtstundentag. Die Saarbrücker Zeitung, die Neunkircher Saar- und Blies-Zeitung oder der St. Ingberter Anzeiger tragen damals im Titel „Offizielles Mitteilungsorgan des Arbeiter- und Soldatenrates“.

Doch was wird passieren? Nach dem bisher größten Krieg aller Zeiten? Kaiser Wilhelm II. hat am 9. November abgedankt. Bis Ende November tun es ihm alle 22 Monarchen im Deutschen Reich nach oder setzen sich ab. Deutschland wird zur Republik. In Weimar tagt ein Parlament. Das ist alles am 11. November noch nicht wirklich wichtig für die Saarländer. Sie wissen nur: Wir haben Waffenstillstand und Hunger. Und den Saarländern ist klar, dass jetzt die Franzosen kommen – steht ja im Waffenstillstandsvertrag deutlich drin, dass die Deutschen ihre linksrheinischen Gebiete aufgeben müssen. Und damit auch die Saar. Bis zum 30. November soll das deutsche Militär raus, die Alliierten, also die Franzosen, Belgier, Briten und Italiener, rein. Das geschieht auch.

Sogar eher: Bis zum 21. November ist der Rückzug der deutschen Truppen in Saarbrücken durch. Dort begrüßen die Menschen die deutschen Streitkräfte mit allen Ehren, gelten sie damals doch militärisch als unbesiegt. Nur einen Tag später ziehen die Franzosen ein. Stationieren an der Saar nahezu in jedem Ort Soldaten. Tausende. Ohne Jubel. Im Gegenteil: Teilweise schicken die Franzosen die Soldaten aus den nordafrikanischen und asiatischen Kolonien an die Saar. Das kommt bei den Saarländern damals nicht gut an – diese fremd aussehenden Menschen. Sie empfinden ihren Einsatz als Demütigung. Früher Rassismus.

Die zivile Verwaltung lassen die Franzosen weiter arbeiten. Bürgermeister, Ämter – die Verwaltungsmitarbeiter müssen sich nur vor einer neuen Kontrollinstanz rechtfertigen. Sie heißt Administration supérieure de la Sarre. Dieser Militärverwaltung steht ab Januar 1919 General Joseph Louis Marie Andlauer vor. Er sei eine „schlicht urteilende und loyal handelnde Persönlichkeit“, schreibt die Neunkircher Zeitung damals.

Auch die Gruben nehmen die Franzosen sofort in Besitz. Sie gründen noch 1918 die Service du Côntrole des Mines du Bassin de la Sarre. Eine neue Grubenverwaltung. Die Preußen und Bayern müssen sich aus den Bergwerken zurückziehen. Die Gewinne fließen nach Paris, haben die Deutschen im Krieg doch die nordfranzösischen Schachtanlagen zerstört.

Das sind deutliche Zeichen, dennoch hoffen die Menschen an der Saar, dass die Besetzung bald ein Ende haben wird. Doch daran denken die Franzosen nicht. So veröffentlicht die Saarbrücker Zeitung am 30. November den Artikel „Frankreich und das Saargebiet“. Darin sind Auszüge aus der französischen Presse in deutscher Übersetzung abgedruckt. Dort ist zu lesen: Die Franzosen fordern die Rückgabe des 1815 von den Deutschen „gestohlenen“ Gebietes. Das ist deutlich. Dazu das Militär im Land und die Gruben in französischer Hand – die Saarländer, die es noch nicht gibt, ahnen, welches Schicksal der Saar bei den Friedensverhandlungen in Versailles droht. Die Franzosen wollen nach Saarbrücken. Wollen den Kohlenwald. Wie schon mehrfach in der Geschichte: Bereits Ludwig XIV. will den Rhein als Grenze – und natürlich 1792, als französische Revolutionstruppen über die Saarregion zum Rhein marschieren. Bis 1815 bestimmt Napoleons Frankreich in Saarlouis und Saarbrücken. Bis der zweite Pariser Frieden das Becken wieder dem Reich zuspricht. Zu dem nach dem nächsten Krieg 1871 auch Lothringen und das Elsass gehören.

Vor diesem historischen Hintergrund beginnen im Januar 1919 die Friedensverhandlungen in Versailles. Auf dem Verhandlungstisch liegt auch die Saarfrage. Paris ist voller Diplomaten. Tausende. Sie beraten, diskutieren. Serben und Rumänen streiten, Chinesen und Japaner. Die Polen wollen Danzig, die Griechen Smyrna. Die Araber fordern Unabhängigkeit, Belgien will Ostafrika, Tschechen und Slowaken wollen wachsen, Ukrainer, Kurden und Armenier die Unabhängigkeit. Und da ist ja noch das Schicksal der Saarländer.

Die großen Vier verhandeln in Versailles. Im Hinterzimmer. Frankreich, Großbritannien, die USA, dazu Italien. Deutsche und Russen haben am Tisch nichts zu sagen. Wichtig zu wissen ist, dass sich England im Krieg bei den Amerikanern fünf Milliarden Dollar geliehen hat. Frankreich vier Milliarden. Eine Menge Geld damals. Sie sind abhängig vom starken Mann am Tisch: von US-Präsident Woodrow Wilson. Fest steht auch: Deutschland wird zahlen müssen.

Für Wilson ist die Selbstbestimmung der Völker mit der wichtigste Baustein für einen dauerhaften Frieden. Einen, der keine Rache fordert. Eine gerechte Friedensordnung. Frei von Eigennutz und geheimer Machtdiplomatie. Dafür will Wilson sich in Versailles einsetzen. Ein Idealist. Für Italien verhandelt Ministerpräsident Vittorio Orlando. Er will Gebiete in Südtirol und einen Streifen Küste in Dalmatien.

Der britische Verhandlungsführer ist David Lloyd George, Premierminister, 56 Jahre alt, ein Mann zwischen dem Wunsch nach einer guten Lösung für Europa – und seiner eigenen Wiederwahl in England. Dort hat er im Wahlkampf versprochen, in Versailles die „deutsche Zitrone auszupressen, bis die Kerne quietschen“. Was er aber nicht kann und will, da er Deutschland als künftigen Handelspartner nicht allzu sehr schwächen will. Außerdem braucht er ein lebensfähiges Deutschland als geopolitisches Pfand. Gegen das erstarkende Russland. Als Puffer zum Bolschewismus. Wie viel Militär braucht Deutschland dafür?

Dass Deutschland überhaupt noch Militär bekommen soll, ist für Frankreichs Verhandlungsführer Georges Clemenceau ein Graus. 1,4 Millionen tote französische Soldaten im Ersten Weltkrieg. Die Deutschen haben 4000 französische Ortschaften in Trümmer gelegt, 20 000 Fabrikanlagen haben sie demontiert oder zerstört, hunderte Schachtanlagen geflutet. Deutschland hat zwar zwei Millionen tote Soldaten zu beklagen, ist aber nahezu unversehrt. Der militärische Verlierer Deutschland droht als wirtschaftlicher Sieger aus dem Krieg rauszukommen.

Nicht mit Clemenceau. Von dem damals 77-jährigen Ministerpräsidenten heißt es, er wolle aufrecht stehend begraben werden, das Gesicht dem verhassten Deutschland zugewendet. Sein Ziel in Versailles: Sicherheit vor den Deutschen und Entschädigung. Selbstverständlich für ihn ist die Rückgabe des Elsass und Lothringens. Auch die Saar will er. Dort hat er bereits die Gruben übernommen und eine Militärverwaltung eingerichtet. Schon mal vorab. Nach dem Motto: Der Versailler Vertrag wird das schon bestätigen. Zumal die Franzosen zunächst mehr wollen. Sie wollen den Rhein als natürliche Grenze aufbauen. Am rechten Rheinufer wollen sie eine 50 Kilometer breite und entmilitarisierte Zone einrichten, auf dem linken eine selbstverwaltete rheinische Republik. Als Puffer zwischen Frankreich und dem Erbfeind. Deutschland soll links des Rheins Geschichte sein. „Ein verrückter Vorschlag“, kontert US-Präsident Wilson: „Ich würde mich lieber auf der Straße steinigen lassen, als dem zuzustimmen.“ Widerspricht diese Idee doch vehement seinem Postulat zur Selbstbestimmtheit der Völker. Die Verhandlungen stehen kurz vor dem Scheitern. Bis die Franzosen zurückrudern und einen neuen Vorschlag unterbreiten: eine zeitlich begrenzte Besetzung des Rheinlandes. Mit Abzug nach spätestens 15 Jahren – wenn die Deutschen denn vertragstreu sind. Teile der Saar wollen die Franzosen hingegen weiterhin; fordern, die Grenzen von 1814 festzuschreiben. Also Saarlouis und Saarbrücken zu Frankreich. Die Grenzen von 1814 seien „le minimum que la France doit revendiquer“. Für das Kohle- und Industriebecken nördlich dieser Linie soll ein politisches Sonderregime her; ohne Einfluss der Deutschen, dazu sollen die Gruben in beiden Zonen in französischen Staatsbesitz übergehen.

Während der britische Premier David Lloyd George bereit ist, dem politischen Sonderstatus für das Saargebiet zuzustimmen, widersetzt sich Wilson. Angesichts der von den Deutschen im Ersten Weltkrieg zerstörten 220 nordfranzösischen Schachtanlagen akzeptiert der US-Präsident lediglich eine zeitlich befristete Ausbeutung der saarländischen Minen. Ein politisches Sonderregime will er nicht. Auch nicht, als die französischen Verhandlungsführer behaupten, dass im Saargebiet 150 000 selbstbestimmte Franzosen leben würden. Eine unhaltbare Aussage. Frankreich schreibt die Annexion ab, besteht in den Verhandlungen aber weiter auf den Saargruben. Der Kompromiss ist am 9. April 1919 gefunden und später in den Artikeln 45 bis 50 des Vertrages niedergeschrieben. Im „Bassin de la Sarre“ soll ab 1920 eine Regierungskommission das Sagen haben, die dem Völkerbund untersteht. 15 Jahre lang. 1935 sollen die Einwohner über ihr künftiges politisches Schicksal selbst entscheiden. Ob sie Franzosen sein wollen, Deutsche, oder unter dem Völkerbund verbleiben wollen. Dazu dürfen die Franzosen die saarländischen Gruben ausbeuten. Auch 15 Jahre lang.

Doch wo sind die Grenzen dieses Saargebiets? Auch die muss der Vertrag zunächst mal festlegen. Hierfür nehmen die Unterhändler Saarbrücken, Ottweiler, Saarlouis, Merzig und St. Wendel aus Preußen. Dazu ein wenig Bayern wie St. Ingbert und Teile von Homburg. Fertig. Das „Saarbecken“ erstreckt sich über 1912 Quadratkilometer. Ohne jegliches historisches Vorbild. Im Wesentlichen deshalb, damit die Wander-Arbeiter im Saarkohlenbecken keine Grenzübertritte haben. Die etwa 770 000 Einwohner sind nun eine politische Einheit, und das „Territoire du Bassin de la Sarre“ ist so etwas wie die Urzelle des Saarlandes. Auch wenn die Menschen das gar nicht wollen. Sie wollen zurück ins Reich.

Das gelingt ihnen 15 Jahre später. Am 13. Januar 1935 haben die Saarländer die Wahl. Frankreich, Völkerbund oder doch Deutschland. Bis 1933 ist dies keine Frage. Nahezu jeder Saarländer, egal, welches Parteibuch er hat, würde für Deutschland stimmen. Sie fühlen sich damals einfach als Deutsche. Und nicht als Franzosen. Doch 1933 kommt Hitler ins Amt. Das verstört auch einige im Saargebiet, lässt einige zweifeln, ob der Beitritt zu Hitler-Deutschland der richtige Schritt ist. Die Gegner der Rückgliederung organisieren sich in der sogenannten Einheitsfront. Die, die für eine Rückkehr sind, setzen sich in der Deutschen Front für Deutschland ein. Es kommt zu einem harten Wahlkampf. Teilweise mit Handgreiflichkeiten. Die Wahl am 13. Januar 1935 verläuft auch dank einer 4000 Mann starken Schutztruppe des Völkerbundes ruhig ab. Am Ende gewinnen die Anhänger Deutschlands. Mit mehr als 90 Prozent der Stimmen auch mehr als deutlich. Am 1. März 1935 ist es dann so weit. Das Saargebiet wird ins deutsche Reich zurückgegliedert. Die Nazis geben ihm einen weiteren offiziellen Namen: Saarland.

xx Foto: SZ/User, gmlr02
Die französische Vormachtstellung im Saargebiet wurde am Nationalfeiertag sichtbar: Hier eine Truppenparade vor der Saarbrücker Johanneskirche 1919. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Ein Panzerwagen sorgt im Oktober 1919 auf dem St. Johanner Markt für Ordnung. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Am 27. August 1933 rückt der SPD-Landesvorsitzende Max Braun (mit den Händen in der Hüfte) während einer SPD-Kundgebung in Neunkirchen von der bisherigen Position ab, dass die Saar zu Deutschland zurückkehren müsse. Foto: Landesarchiv Saarbrücken
Angesichts der Polarisierung im Abstimmungskampf beschließt der Völkerbundsrat im Herbst 1934, zur Sicherung der Wahlen 4000 Soldaten an die Saar zu entsenden. Hier am Saarbrücker Hauptbahnhof. Foto: Landesarchiv des Saarlandes
Auf der Bühne des großen Saals der Wartburg in Saarbrücken befindet sich der Präsidiumstisch der internationalen Abstimmungskommission 1935. Foto: Landesarchiv des Saarlandes

Michael Kipp