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Washington
Tod und Trauer nach dem Massaker von Florida

Eine Familie fällt sich wiedervereint in die Arme, nachdem an der Marjory Stoneman Douglas High School von Parkland/Florida tödliche Schüsse gefallen sind. Ein 19-Jähriger erschoss dort 17 Schüler.
Eine Familie fällt sich wiedervereint in die Arme, nachdem an der Marjory Stoneman Douglas High School von Parkland/Florida tödliche Schüsse gefallen sind. Ein 19-Jähriger erschoss dort 17 Schüler. FOTO: dpa / John Mccall
Washington. Ein 19-Jähriger erschießt in seiner Ex-Schule 17 Menschen. Die Bluttat von Parkland schockiert das Land – in dem so etwas immer wieder passiert. Von Frank Herrmann

Worüber in den Stunden danach fast alle sprechen, die sich in Parkland im US-Bundesstaat Florida vor ein Mikrofon stellen, das ist dieser merkwürdige Feueralarm. Kurz vor Unterrichtsschluss, nachmittags gegen halb drei, gingen in der Marjory Stoneman Douglas High School die Sirenen los. Merkwürdig, weil es an diesem Tag bereits das zweite Mal war. Stunden zuvor hatte die Schulleitung schon einmal üben lassen, wie man sich im Falle eines Brandes zu verhalten hat. Wozu die Wiederholung? Was zunächst keiner wissen konnte: Diesmal war es ein bewaffneter Eindringling, der den Alarm auslöste.


Mit dem Trick wollte Nikolas Cruz Schüler und Lehrer offenbar dazu bringen, ihre Klassenzimmer zu verlassen. Der 19-Jährige wollte sie auf die Flure locken, wo er Rauchbomben zündete, bevor er das Feuer eröffnete. Cruz habe eine Gasmaske getragen und auf seine Opfer geschossen, als die überrascht und orientierungslos durch den Nebel irrten, gibt Senator Bill Nelson wieder, was ihm die Ermittler des FBI anvertraut hatten.

Viele Zeugen dachten zuerst nicht an Schüsse, eher an Feuerwerkskörper oder platzende Ballons. Als klar wurde, dass es sich bei dem Feueralarm um eine tödliche Falle handelte, rannten viele zurück in die Unterrichtsräume, wo sie sich zu verstecken versuchten, einige mit Smartphone in der Hand, um Kontakt zur Außenwelt zu halten.

Die ersten Bilder vom Ort des Geschehens, am späten Mittwochnachmittag dortiger Zeit ausgestrahlt von den Nachrichtensendern, zeigten in Endlosschleife alle das Gleiche. Teenager, die im Gänsemarsch nach draußen laufen, die Hände erhoben oder hinter dem Nacken verschränkt. Für die Spezialeinheiten der Polizei, die die Schule mit ihren 3200 Schülern räumten, war zu dem Zeitpunkt im Prinzip jeder verdächtig.

Im Pulk der anderen entkam zunächst auch der Schütze, bevor ihn Fahnder in einer Nachbarstadt stellten. Und allmählich entstand ein Täterprofil, wie es den Amerikanern mittlerweile nur allzu vertraut ist. Ein Einzelgänger, kontaktarm, vernarrt in Waffen. Auf seiner Instagram-Seite präsentierte sich Cruz mit dunklen Stirnbändern, mal mit einer Pistole, mal mit Messern. Wie schon Adam Lanza, der verstörte Junge, der im Dezember 2012 in Newtown zwanzig Erstklässler einer Grundschule erschoss, bediente er sich einer AR-15, eines halbautomatischen Gewehrs. 17 Tote und 15 Verletzte, so lautete gestern die Opferbilanz.



Bis vor ein paar Monaten lernte Cruz selber an der High School, die er nun ins Visier nahm. Er wurde der Schule verwiesen, aus Gründen, zu denen die Schulverwaltung zunächst nichts sagen wollte, womöglich auch, weil sie Warnungen nicht ernst genug genommen hatte. Nikolas Cruz, sagte dessen ehemaliger Mathelehrer Jim Gard dem „Miami Herald“, habe Mitschüler bedroht. Der Junge durfte das Schulgelände nicht mehr mit einem Rucksack betreten. Offenbar habe man vermutet oder sogar gewusst, dass er Munition schmuggeln würde.

Ein früherer Klassenkamerad, Joshua Charo, beschreibt Cruz als großen Schweiger, der mit seinen Schießkünsten prahlte. „Er schwärmte davon, wie er mit seiner Luftpistole Jagd auf Ratten macht, und überhaupt, wie gern er auf Dinge zielt.“ Die 17-jährige Victoria Olvera wiederum erzählte, Cruz sei von der Schule geflogen, weil er sich mit dem neuen Freund seiner Ex-Freundin geprügelt habe. Eifersucht als Tatmotiv? Es ist einer der Erklärungsversuche, die nun die Runde machen. Dazu würde passen, dass der Teenager seinen Mordfeldzug ausgerechnet für den Valentinstag plante. Vorläufig sind es aber nur Theorien.

Fest steht: Es ist in der Geschichte der USA eines der blutigsten Massaker, das mit Schusswaffen an einer Schule verübt wurde. Heute spricht Bill Bratton, einst Polizeichef in New York und Los Angeles, resigniert von der neuen Normalität. „Normal ist auch, dass wir nach zwei Tagen zur Tagesordnung übergehen. Es scheint ja das ewig Gleiche zu sein. Das ist das Leben, wie wir es heute leben.“

Und wieder trifft es eine Wohngegend, von der hinterher alle sagen, dass man sich eine derartige Tragödie gerade dort niemals vorstellen konnte. Es gebe kaum einen besseren Ort, um eine Familie zu gründen, melden sich Lokalpatrioten zu Wort. Gerade die hohe Qualität der Schulen habe Leute mit Kindern nach Parkland gezogen. Die Kleinstadt mit knapp 30 000 Einwohnern steht für wohlhabendes Mittelschichtenmilieu. Akkurat gemähte Rasenflächen, überall schmale Kanäle, Häuser mit Bootssteg. Erst neulich wurde Parkland zu einer der sichersten Gemeinden Floridas gekürt. Die Kriminalitätsrate, hatten die Betreiber der Datensammlung ermittelt, sei niedriger als in 85 Prozent aller amerikanischen Gemeinden. Statistisch gesehen.