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"Die Krise als Chance zur Veränderung der Wirtschaftsmärkte nutzen"

Der Kirchentag wird bereits 60

Der Kirchentag wird bereits 60. Was macht solche Treffen im Kommunikations-Zeitalter des Internets immer noch attraktiv?



Schneider: Das hat sicher mehrere Gründe: Zum einen bietet er attraktive Diskussions- und Informationsangebote und ist offen für die aktuellen Fragen der Zeit und die Beteiligung aller, die Mitverantwortung für die gemeinsame Gestaltung von Kirche und Welt übernehmen wollen. Damit ist Kirchentag eine wirkliche evangelische Zeitansage. Zum anderen ist er ein fröhliches Fest des Glaubens. Es gibt ein anspruchsvolles geistliches Leben auf dem Kirchentag, so dass der eigene Glaube genährt wird. Zum Dritten ist der Kirchentag ein großartiges und anregendes Erlebnis von Gemeinschaft.

Das Treffen steht unter der Losung "Mensch, wo bist du?" Ist dies die Frage nach der weltweiten solidarischen Mitverantwortung?

Schneider: Ja, das ist durchaus auch die Frage nach dem solidarischen Miteinander. Sie wird allerdings nicht nur weltweit gestellt, sondern bezieht sich ebenso auf die Probleme unserer Gesellschaft. Dazu gehören die Sorge, dass der Sozialstaat immer weiter ausgehöhlt wird, der Eindruck, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht und die Erfahrung, dass ein Mensch nur über seinen "Wert" (Arbeitswert, Gebrauchswert) und nicht über seine Würde definiert wird.

Wie stark wird die Wirtschaftskrise den Kirchentag als evangelische Zeitansage bestimmen?



Schneider: Die Krise wird auf dem Kirchentag eine ganz wichtige Rolle spielen. Und zwar unter dem Gesichtspunkt, wie diese Krise als Chance zu notwendigen Veränderungen auf den Finanz- und Wirtschaftsmärkten genutzt werden kann. Das scheint mir auch dringend notwendig: Die Gefahr, dass alles so weiter geht wie bisher und die Verantwortlichen für diese Krise billig davon kommen, ist noch nicht gebannt.

Welchen Beitrag kann die Kirche in der globalen Krise leisten?

Schneider: Die Kirche definiert sich nicht über ihr Vermögen oder ihr Eigentum. Sie ist zuerst und vor allem eine geistliche Gemeinschaft, die aber auch unter den konkreten Bedingungen ihrer jeweiligen Gesellschaften an den wirtschaftlichen Auf- und Abschwüngen teil hat. Deshalb kann die Kirche in dieser Krise nur indirekt agieren: Sie kann verantwortliche Politikerinnen und Politiker ermutigen, das nun Notwendige anzugehen. Den Verlierern der Krise kann sie vermitteln, dass die Würde des Menschen nicht mit dem Wert seines Besitzes gleichgesetzt werden darf. Die Kirche kann sich dafür einsetzen, dass die Folgeprobleme der Krise nicht zu Lasten der kleinen Leute gelöst werden.

Was sind Ihre persönlichen Erwartungen an den Kirchentag?

Schneider: Nach meiner anstrengenden Rolle als gastgebender Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland des Kölner Kirchentages werde ich nun die Privilegien eines Gastes genießen. Ich freue mich auf die Gottesdienste, die ich mitgestalte, ich freue mich auf interessante Gespräche, Informationen und Anregungen.