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Tanzfestival Saar eröffnet mit "Future World" und Stijn Celis' "Clara".

Kostenpflichtiger Inhalt: Tanzfestival Saar in der Landeshauptstadt : Hier zählt jede Körperfaser

Der Eröffnungsabend des Tanzfestivals Saar „Future World“ brachte viele Bravos – und die Begegnung mit einer Ausnahme-Tänzerin.

Wo bitte ist im Theater der Repeat-Knopf? Am Ende des Eröffnungs-Abends für das dritte Tanzfestival Saar im Saarbrücker Staatstheater will man „Bitte nochmal!“ rufen, für beide Stücke. Zu gerne würde man doch noch ergründen, was, um Himmels Willen, Stijn Celis‘ da in „Clara“ vertanzt, und ob nicht doch noch filigrane Motiv-Venen zu E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ (1816) führen. Oder man könnte beim zweiten Durchlauf in Richard Siegals Choreografie „Liedgut“ (2014)  doch mehr als nur Wortfetzen der Volks- und Kunstlieder erhaschen, hätte mehr vom ironischen Funkeln dieser originellen Arbeit. „Future World“ steht über der zweiteiligen Produktion, die nach dem Festival im  Spielplan bleibt.

Für das neue Celis-Werk stand das Grusel-Kunstmärchen „Der Sandmann“ am Anfang des Schaffensprozesses, der den Ballettchef dann allerdings kometenweit weg führte vom E.T.A. Hoffmann-Stoff. Im Kern ist es ein abstraktes Ballett, und womöglich sollte der Saarbrücker Company-Chef dafür nur Nummern als Titel wählen wie sein Kollege Martin Schläpfer das in Düsseldorf handhabt. Statt dessen schickt er uns mit dem „Clara“-Hinweis auf eine Entschlüsselungs-Irrfahrt. Nahe liegt, dass Celis die Figur der „perfekten“ Puppe Olympia zum Thema Mensch-Maschine gebracht hat. Und Clara, die hellsichtige Verlobte des bei E.T.A. Hoffmann durch Spukgestalten bedrängten Helden Nathanael, ließ in ihm wohl die Idee reifen, Intelligenz und Schönheit in Tanz zu übersetzen. 

Sein Sück ist eine Hymne an die weibliche Kraft. Für mehr Kohärenz und Stimmigkeit taugt der literarische Bezugsrahmen freilich nicht. Es verwirrt vielmehr, wenn eine schwarze Kapuzen-Gestalt auftaucht, mit der man die dämonische Gestalt des  Coppelius identifizieren könnte. Und ob der Holzstecken, an dem sich Celis‘ Clara abarbeitet, das  von Nathanael entdeckte Holzgerüst im Innern der Olympia symbolisiert, ist ebenso unnütz zu wissen wie es müßig ist, drei putzig gehörnte Gestalten im Neandertaler-Outfit als Grusel-Gestalten ernst zu nehmen.

Denn „Clara“ fasziniert und funktioniert anders, vor allem als tänzerisches Meisterwerk. Jede Körperfaser zählt – das Saarbrücker Ensemble hat mit Celis wahrlich eine Meisterklasse erreicht. Für die Hauptrolle steht zudem eine idealtypische Besetzung zur Verfügung. Die hoch gewachsene Alexandra Christian stolziert auf der Spitze wie ein Dressur-Pferd, hält den Körper gespannt wie eine Feder oder biegt ihn geschmeidig wie eine Schlange. Sie trägt wie alle Tänzer einen von Laura Theiss  entworfenen Ganzkörper-Suit, eine raffinierte Mischung aus Haut imitierender Natürlichkeit und artifiziellem Neonleuchten, aus Transparenz und starrem Muster. Diese sensationellen Kostüme evozieren gläserne Androiden, deren Inneres sowohl an einen Computer-Chip wie auch an ein Skelett erinnert.

Hinzu kommen irgendwann sattrote Gewänder aus einer vormodernen Zeit, deren weit aufklaffende Schlitze bei Drehbewegungen Kreise und Wellen in die Szene malen. Celis hat für die Gruppen zu bulgarischen A-capella-Gesängen temporeiche Derwisch-Auftritte komponiert. Fremd ist das, mitreißend. Doch die Szenen und die Musikstücke (Techno, Ethno,  pathetische Filmmusik)  wechseln  genauso abrupt wie das Bewegungsrepertoire, das mal maschinenhaft, mal entfesselt wirkt. Innere Bezüge? Clara. Doch auch sie lässt sich nicht fassen, scheint ein Chamäleon, trägt über ihrem modernen Outfit irgendwann weißen Zottelpelz. Die unendlich lange blonde Mähne schwingt sie wie eine kämpferische Fahne. dabei verkörpert Christian eine animalische und zugleich elegante Erotik – man möchte in die Knie vor ihr gehen.

Zweifellos besitzt diese von Celis entwickelte Frauen-Partie das Zeug zur Kult-Rolle. Und das Stück insgesamt? Es ist reich an Schau-Werten, hat eine hohe erzählerische Bildqualität. Doch erforscht es, wie im Programmheft behauptet, wirklich das Thema „Wohin steuert uns die künstliche Intelligenz“?

Näher ran an diese Zukunfts-problematik führt fraglos Siegals „Liedgut“. Die Botschaft, salopp gesprochen: Wir sind der algorithmisch getakteten digitalen Welt längt verfallen wie verliebte Teenager. Das durchgestylte Spitzentanz-Stück hat  seine Wurzeln in William Forsythes „cooler“ Tanz-Sprache. Man muss sich arg anstrengen, um im Schatten-Licht-Spiel etwas mehr zu erkennen. Das theaterübliche Sender-Empfänger-Modell ist gestört, über eine Video-Wand laufen Worte, die nicht wirklich weiterhelfen oder Symbole für Frequenz-Unterbrechungen, dazu blinkt und blitzt es aus einer Lampenleiste, die neben oder über den Tänzern schwebt. Sie sind in schwarze oder weiße, krass enge Lack-Leibchen eingezwängt und vollführen wie Showgirls in automatenhafter Tektonik und Makellosigkeit ihre Figuren,  um dann in einen Walzer zu verfallen. Der ironische Bruch, der Witz,  hat bei „Liedgut“ Methode, findet auch über die Musik (Atom TM) in die Szene. „Rauschrausch“ heißt es hier im Lied „Es klappert die Mühle“, es ist zugleich ein dadaistischer Titel für Siegals Gesamtkomposition. Potzblitz, sowas hat man noch nie gesehen. Und wie gesagt: Man will es wieder haben.