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„Carmen“ und „A night’s game“ beim Tanzfestival Saar

Kostenpflichtiger Inhalt: „Carmen“ und „A night’s game“ beim Tanzfestival Saar : Weibliche Befreiungs-Tänze

„Carmen“ und „A night’s game“ beim Tanzfestival Saar: Bei beiden Aufführungen ging es um die Erfahrung des Eingesperrtwerdens.

Die Erwartungen für „Carmen“ waren selten hoch geschraubt. John Ingers Stück, 2015 uraufgeführt, wurde schließlich mit dem Tanz-„Oskar“, dem Prix Benois de la Danse, ausgezeichnet. Und hätte man sich am Samstagabend beim Tanzfestival Saar im Anschluss an das Gastspiel des Theaters Basel nicht auch noch „A Night’s game“ angeschaut, womöglich wäre einem das Ingersche Handlungsballett nicht ganz so zahm und dekorativ vorgekommen. Denn im Anschluss an „Carmen“ wartete bei den beiden farbigen Zwillingsschwestern Kristina und Sadé Alleyne in der Alten Feuerwache ein Kontrastprogramm, eine ganz auf Physis reduzierte, uneitle, ursprüngliche Körpersprache, die sich stark am Afro-Dance orientierte. Die sehr persönliche, intim anmutende Zwei-Personen-Performance „A night’s game“ packte das Publikum mit einer unmittelbaren, unverfälschten Gefühlsintensität, die die zuvor erlebten „westlichen“ Gefühls-Turbulenzen aus Erotik, Gewalt und Eifersucht ziemlich poliert aussehen ließen. Obwohl man Ingers Stück doch in vollen Zügen genossen hatte – diese frische, jeder Zigeuner-Folklore entkleidete  Version der Prosper-Merimée-Erzählung von 1847, die Carmens „Opfer“ Don José im Blick hat.

Die Titelheldin selbst erhielt erst durch George Bizets Oper (1875) ikonografische Bedeutung: Carmen, das war seitdem das den Machismo verhöhnende Ur-Weib, ein lasziver Vamp, ein triebhaftes Tier. Bei Inger? Ein kleines Luder (Andrea Tortosa Vidal) im wippenden roten Volant-Röckchen, kein Magnet an sich, sondern eine erotisch pro-aktive Frau, kess bis zur Obszönität, wenn sie die Beine aufgrätscht oder ihren Oberkörper in einer halsbrecherischen Brücke nach hinten kippt, bis nur noch ihr Becken vor Don José steht. Es sind immer wieder diese natürlichen, treffsicheren Körper- wie Seelen-Bilder, die Inger mühelos in eine gediegen zeitgenössische Bewegungs-Sprache einpflegt – wunderbar. Dem unsicheren Don José (Javier Rodriguez Cobos) beispielsweise hat Inger ein aggressiv-verdruckstes Bewegungsmuster auf den feingliedrigen Leib geschrieben. Er, Antiheld, steht oft nur auf einem Bein, eigentlich müsste dieses Stück nach ihm heißen. Denn der Choreograf erzählt die Geschichte aus Don Josés, einer psychologisierenden Perspektive. Die unerbittliche Atmosphäre, die die Musik-Collage erzeugt, lässt vermuten, dass wir es mit einem schicksalhaft unausweichlichen Absteiger-Schicksal zu tun haben. Bizets spanisches Melodien-Kolorit wird durch dunkle und nüchterne Kompositionen (Schtschedrin/Álvarez) das Pathos und die Lieblichkeit entzogen. Inger will kein Melodram vertanzen, sondern über Gewalt- und Unterdrückungs-Mechanismen nachdenken.  Deshalb gibt er auch einer Horde schwarz maskierter Männer  einen breiten Raum. Doch dann kreiert er für diese inneren Dämonen, die auch Don Josés Gangster-Umfeld nach dem ersten Mord sein könnten, recht harmlose, harmonische statt aufpeitschende Ensemble-Szenen. Das wirkt recht konfektioniert und legt sich als Gesamteindruck auf dieses Stück. Charme hat es, doch innere Dynamik und emotionaler Aufruhr sehen anders aus. So wie Alleyne Dance das zeigt, bei „A night’s game“. Wie zuvor „Carmen“ nahm das Publikum dieses Gastspiel begeistert auf.

"A night's game" beim Tanzfestival Saar. Foto: Alleyne Dance

Die beiden dunkelhäutigen  Schwestern, die vor der Tanz-Karriere auf ihrer Heimatinsel Barbados als Kurzstrecken-Läuferinnen antraten, servieren eine eigenwillige Mischung aus afrikanischen Stammes-Schritten, Hip-Hop-Figuren und Sport-Akrobatik, nehmen die Zuschauer mit in eine bedrückende Kerker-Situation kurz vor einer endgültigen Inhaftierung. Das Klang-Design schneidet Ethno, altmodische Klaviermelodien, Industrial, Möwengeschrei und Kantinen-Stimmengewirr gegeneinander, immer wieder eingestreut werden Stampfen und Klatschen auf nackte Haut und Stille. Trommeln sei der Ursprung des Tanzes, heißt es, einer Selbst-Ermächtigung über den Körper. Genau dies führen uns die Tänzerinnen vor, jeder Fuß-Step löst rhythmische und physische Kettenreaktionen im eigenen Körper aus, die Bewegungen der jeweils anderen werden zum Weckruf und zur Befreiung. Man spiegelt sich gegenseitig. Das alles vollzieht sich in einer raffinierten Lichtinstallation (Hansom/Scollo), meist in mystischem, beängstigenden Halbdunkel. Radikal authentisch wirkt diese Hommage an Solidarität und innere Verbundenheit, sie steckt voller Kraft und Zärtlichkeit.