Münster ist nicht nur die Fahrradstadt Nummer eins in Deutschland

Kostenpflichtiger Inhalt: Kurztrip nach Münster : Picasso, Pils und Pedaleure

Wer durch Münster radelt, lernt dabei das Lebensgefühl der Einwohner der Kultur-, Krimi- und Fahrradhauptstadt am besten kennen.

Von überall kommen sie her – Alt und Jung radeln am Samstagvormittag in Münsters Zentrum hinein. Manche Radler sind Akrobaten, schlängeln sich auf ihrer „Leeze“ (so nennen die Münsteraner Fahrräder) beim Überholen kess bis kunstvoll an den übrigen Verkehrsteilnehmern vorüber. An Münsters großen Kreuzungen genießen Pedaleure die Vorzüge eigener Ampeln und können am Hauptbahnhof ihr Zweirad im Fahrradparkhaus mit Waschanlage und Service-Werkstatt abstellen. Über 500 000 Zweiräder soll es angeblich geben, bei 314 000 Einwohnern. Die Fahrradhauptstadt weist knapp 300 Kilometer Radwege auf.

Das erste Ziel am Morgen ist auch der Treffpunkt vieler Radler: der St. Paulus-Dom. Westfalens größte Kirche wurde zwischen 1162 und 1264 errichtet und ist seit Jahrhunderten das Zentrum des Bistums Münster. Vor der Sandsteinfassade des Domes bieten mittwochs und samstags Händler aus dem Umland ihre Waren feil, Gemüse und Obst, Fleisch und Fisch, Textilien und Haushaltswaren. Wer sich die Muße nimmt, kann bis zum frühen Nachmittag über den Markt schlendern.

Nach dem Marktbummel geht es ins traditionsreiche Gasthaus Stuhlmacher, das seit 1890 gleich neben dem historischen Rathaus am Prinzipalmarkt steht. Wortfetzen umfangen eintretende Gäste, manch einer spricht Plattdeutsch mit seinen Nachbarn. Politisches wird mitunter heiß diskutiert, die jüngsten Beschlüsse des Stadtrates ebenso wie das Neueste aus Berlin. In Dreierreihen drängeln sich die Gäste bei „Stuhls“ vor der Theke, lassen bei herbem Pils die Woche Revue passieren. Westfälische Küche kommt auf die blank gescheuerten Wirtshaustische – Schinkenbrote, Töttchen und Pfefferpotthast.

Münsteraner Kaufleute waren es, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg um den Wiederaufbau ihrer Stadt kümmerten. Der Prinzipalmarkt, genannt die „Gute Stube“, mit den zerstörten Kaufmannshäusern, der Dom und die Lambertikirche wurden nach alten Plänen wieder aufgebaut. Die treppenförmigen Renaissancegiebel der Kaufmannskontore mit noblen Geschäften entstanden ebenso wie das Buckelpflaster mittendrin.

Wer sich nicht der täglichen Stadtführung anschließen möchte, startet seine persönliche Tour in die Museen und zu den Baudenkmälern am Rathaus am Prinzipalmarkt. In dessen Innern ist der Friedenssaal ein Muss für jeden Besucher Münsters. Die Holz getäfelte Halle erinnert an das Jahr 1648, als der Westfälische Friede von Münster und Osnabrück das Ende des 30-jährigen Krieges besiegelte. Europa erhielt eine neue Ordnung und die Niederlande entstanden.

Das Picasso-Museum in Münster präsentiert seit 2000 umfangreich die grafischen Werke des großen Künstlers. Am Domplatz lädt das Westfälische Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte mit seiner hochkarätigen Sammlung vom frühen Mittelalter bis zur Moderne zum Besuch.

Münster ist die Stadt des Barock-Baumeisters Johann Conrad Schlaun, der das Stadtpalais Erbdrostenhof (1753–1757) an der Salzstraße plante sowie die hübsche Clemenskirche (1745–1753) mit ihrem kleinen Barockgarten – eine stille Oase inmitten des geschäftigen Treibens.

Am heutigen „Kreativkai“ bieten Szene-Restaurants und Diskotheken eine bunte Mischung für Ausgehfreudige. An der Uferpromenade des Hafenbeckens am Dortmund-Ems-Kanal wurden ab 1996 alte Kornspeicher und verlassene Lagerhallen um- und ausgebaut. Nebenan ist der Speicher II, die städtische Ausstellungshalle und Platz für junge bildende Künstler. Das Land Nordrhein-Westfalen und der umtriebige Verleger Wolfgang Hölker haben gemeinsam diese Stätte zeitgenössischer Kunst geschaffen.

Mit dem Fahrrad geht es weiter nach Nordwesten hinaus übers grüne Gievenbeck zum Haus Rüschhaus, dem Landsitz der westfälischen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Von 1826 bis 1846 wohnte die Dichterin hier, schrieb ihr bekanntestes Werk „Die Judenbuche“. Die Radtour führt vorbei an sattgrünen Weiden, stattlichen Bauerngehöften und Äckern weiter zur Wasserburg Hülshoff, zur Geburtsstätte der Autorin. „Du Vaterhaus mit deinen Türmen, vom stillen Weiher eingewiegt“, so beschrieb die große westfälische Dichterin ihr Geburtshaus, in dem sie am 10. Januar 1797 zur Welt kam. Erinnerungen an „die Annette“ hält das Museum in der Burg wach. Die schönen, gepflegten Parkanlagen lohnen einen längeren Aufenthalt.

Zurück in Münsters Zentrum, führt der Weg vorbei am Antiquariat Solder. Der kleine Laden verwandelt sich regelmäßig fürs Fernsehen ins Antiquariat Wilsberg. Seit 1998 verkörpert Leonard Lansink den kauzigen münsterschen Privatdetektiv im ZDF. Und seit Oktober 2002 ermittelt das ungleiche Duo Kommissar Frank Thiel und Professor Karl-Friedrich Boerne, gespielt von Axel Prahl und Jan-Josef Liefers, im „Tatort“ aus Münster in fiktiven Mordfällen. Münster ist nicht nur Fahrradhauptstadt, sondern auch Deutschlands Krimihauptstadt Nummer eins.