Vlexx in Neunkirchen: Weniger Züge sorgen für viel Ärger

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Der Anbieter Vlexx übernimmt den hiesigen Schienenverkehr. Der Unmut über die Folgen wächst bei den Kommunen.

Ab diesem Sonntag, 15. Dezember, wird die Deutsche Bahn den nordöstlichen Großraum des Saarlandes nicht mehr bedienen. In einer Ausschreibung des saarländischen Verkehrsministeriums hat das private Eisenbahnverkehrsunternehmen Vlexx (Vier-Länder-Express) als billigster Bieter den Zuschlag zum Bahnbetrieb in dieser Region erhalten. Dies bedeutet, dass in besagtem Großraum, also auch im Raum Neunkirchen, nur noch Schienenfahrzeuge der Vlexx GmbH verkehren werden. Nicht ohne Folgen für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), denn bereits jetzt ist klar, dass es zu Zugausfällen kommen wird. Ja sogar ganze Linien, wie etwa die RB 76 (Saarbrücken–Neunkirchen–Homburg) werden ersatzlos gestrichen. Bis Mitte Juni 2020 soll ein reduzierter Ersatzfahrplan eingerichtet werden. Vlexx gibt als Begründung Personalmangel an, zudem seien neue Fahrzeuge bestellt worden, deren Auslieferung sich aber verzögere. Deshalb müsse man einen Teil der Lokführer auf die vorgesehene Ersatzflotte umschulen.

Des Wegbrechen eines Teils des ÖPNV auf den Schienen führt zu Unmut in den Kommunen des Landkreises Neunkirchen. So teilt der Neunkircher Oberbürgermeister Jörg Aumann auf SZ-Anfrage mit, ihm stelle sich die Frage, wie die Landesregierung kurz-, mittel- und langfristig auf die aktuellen Einschränkungen im Bahnverkehr reagiere. „Daher habe ich bereits vergangene Woche Ministerpräsident Hans angeschrieben. Konkret habe ich gefragt, ob die Deutsche Bahn kurzfristig auf den Strecken etwas kompensieren kann, es Regressmöglichkeiten gegen die Firma Vlexx gibt und welche Auswirkungen die jüngsten Ausfälle auf zukünftige Ausschreibungen haben“, so Aumann. Es dürfe nicht sein, dass die Menschen, die auf den ÖPNV angewiesen sind, die Verfehlungen eines Privatunternehmens ausbaden müssten. Die heutigen Einschränkungen seien vor allem in Entscheidungen der Vergangenheit begründet, etwa Privatisierungen im Bahnbereich. „Menschen ohne eigenes Kraftfahrzeug sind auf gute Bus- aber auch Zugverbindungen angewiesen. Sie müssen ihre Arbeitsplätze erreichen und mobil sein. Zudem wird allerorts aufgrund des Klimawandels und der CO2-Einsparung die Nutzung des ÖPNV beworben. Einschränkungen wie sie jüngst von Vlexx verkündet wurden, wirken auf mich daher geradezu wie aus der Zeit gefallen“, erklärt Aumann, der nicht mit Kritik an Vlexx spart. Aus seiner Sicht sei das Unternehmen für seine Personalplanung selbst verantwortlich und habe – wenn es eine so wichtige Aufgabe wie den ÖPNV übernimmt – auch dafür Sorge zu tragen, dass es diese Aufgabe mit ausreichend Personal leisten kann. Auch die von Vlexx angegebene Verzögerung bei der Auslieferung von Fahrzeugen sei kein legitimer Grund für die Streichung von Verbindungen. Für die Beschaffung von Zügen sei ebenfalls das Unternehmen in erster Linie selbst verantwortlich. „Ich stehe in Kontakt mit den Bürgermeistern der betroffenen Kommunen des Landkreises Neunkirchen. In dieser Runde ist geplant, ein weiteres Schreiben an die Landesregierung zu verfassen, um unserer Position Nachdruck zu verleihen“, so Aumann weiter.

Zu dieser Runde zählt auch der Illinger Bürgermeister Armin König. Die Gemeinde Illingen sei absolut unzufrieden mit dem, was jetzt kommt, betont König. „Das sind Qualitätsverluste mit Ansage. Ich hoffe, dass es kein Debakel gibt. Wir sind ja nur Stations-Gemeinden und können ungläubig verfolgen, was da passiert. Seit Monaten war erkennbar, dass es große Probleme mit Vlexx gibt. Mir ist es ein Rätsel, wie man eine solche Ausschreibung und eine solche Vergabe machen kann“, so der Illinger Bürgermeister. Er frage sich auch, seit wann bekannt war, dass der neue Betreiber die Leistungen zunächst nicht erfüllen kann. Dass in Zeiten des Klimawandels und der Stärkung des ÖPNV so etwas passiere, sei ihm ein Rätsel. Dies seien die Folgen einer Privatisierung um jeden Preis. Entscheidend seien aber die Kunden. Es gehe hier nicht um Politik. „Die Bahnkunden haben Fahrkarten und wollen rechtzeitig zur Arbeit, zur Schule, zu Institutionen und rechtzeitig zurück. Das Land kann es sich nicht leisten, dass jetzt massenhaft Leute aufs Auto umsteigen. Das wäre ein Treppenwitz“, erklärt König und macht seinem Ärger Luft: „Wir hatten bisher eine gut funktionierende Regionalbahn-Linie, die hervorragend angenommen wird. Jetzt gibt es Einschränkungen sowohl zu den Hauptverkehrszeiten, am Abend als auch auf den Verbindungsstrecken. Darunter leiden Attraktivität und Verlässlichkeit. So hatten wir nicht gewettet. Das ist auch völlig inakzeptabel.“ Vor wenigen Wochen hätte man erklärt, Vlexx habe zu wenig Lokführer. Trotz des geschlossenen Verkehrsvertrags seien nur zwei von 60 DB-Regio-Lokführern zu Vlexx gewechselt. Jetzt würden gemietete Alt-Fahrzeuge eingesetzt, auf denen die Lokführer geschult werden müssten. „Ich habe eine solche Ausschreibung in 23 Jahren noch nicht erlebt. Im kommunalen Bereich führen gravierende Probleme des Bieters zu Ausschluss oder Vertragsstrafen oder der Aufhebung einer Ausschreibung“, so König. „Jetzt geben wir dem Betreiber Vlexx und dem Land die Chance, dass es klappt. Wenn es nicht klappt, werden wir Rabatz machen.“

Diesen Worten kann sich der Merchweiler Bürgermeister Patrick Weydmann nur anschließen, zumal seine Gemeinde in gleichem Maß wie Illingen betroffen sei. Besonders ärgerlich sei im Falle von Merchweiler, dass man dort gerade viel Geld in den Bau der Eisenbahnbrücken Waldstraße/Eisenbahnstraße investiere. Ein 2,1-Millionen-Euro-Projekt, für das die Gemeinde einen Eigenanteil von 882 000 Euro zahlen muss. Außerdem muss die Gemeinde den Anteil der DB an dem Bauprojekt vorfinanzieren. Zudem liegen dort bereits Entwürfe für neue Haltepunkt vor, die die Anbindung vom Bus- an den Schienenverkehr verbessern sollen. „Das passt alles nicht zusammen mit dem, was die Bahn derzeit darstellt. Das Ganze ist super ärgerlich. Offenbar bekommt man es auch bei Vlexx nicht hin“, betont Weydmann.

Betroffen von der Vlexx-Umstellung sind auch die Anbindungen in Schiffweiler und Landsweiler-Reden. In Schiffweiler kommt es auf der Strecke Homburg-Neunkirchen-Illingen bei der Regionalbahn (RB) 74 und RB 76 zu Ausfällen, in Landsweiler-Reden bei der RB 73. Auf Nachfrage beim Unternehmen sollen 90 Prozent der Züge wie gewohnt verkehren, teilt die Pressestelle der Gemeinde mit. „Ein gutes Angebot im Öffentlichen Personennahverkehr ist ein wichtiger Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Daher betrachte ich den Ausfall von Zügen an beiden unserer Bahnhöfe kurz nach dem Anbieterwechsel mit Sorge“, teilt der Schiffweiler Bürgermeister Markus Fuchs mit. „Laut Fahrplan sollen nur einige wenige Züge ausfallen, ich hoffe stark, dass es dabei bleibt und das Unternehmen die Probleme schnell in den Griff bekommt“, so Fuchs weiter. Gerade Menschen in ländlichen Regionen ohne eigenes Auto seien auf eine gute Anbindung im ÖPNV angewiesen. Zudem sei es völlig ambivalent, auf der einen Seite für den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel zu werben und auf der anderen Seite fielen dann Züge aus, findet auch er. „Im Zweifelsfall muss die Landesregierung hier handeln. Wir behalten den Bahnverkehr in Schiffweiler und Landsweiler-Reden in den kommenden Wochen im Auge und versuchen, angesichts der bisher angekündigten, wenigen Zugausfälle optimistisch zu bleiben“, erklärt Fuchs abschließend.

In Ottweiler hat sich der Stadtrat in seiner jüngsten Sitzung mit der Vlexx-Umstellung befasst. Auf SZ-Anfrage wird auf einen Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen verwiesen. Der Antrag „zur Verbesserung des Zugangebots am Ottweiler Bahnhof und einen damit verbundenen Protest der Stadtverwaltung an die Landesregierung als Aufgabenträgerin für den Schienen-Personen-Nahverkehr im Hinblick auf die vorgesehene Reduzierung des Angebots traf schließlich in modifizierter Weise auf eine einstimmige Entscheidung“, teilt die Pressestelle mit. Weiter: „Der Rat möchte die Fortführung der bislang angeboten Verbindungen und fordert eine bessere Kommunikation.“

Um Stellungnahme zur Vlexx-Umstellung wurde auch die Gemeinde Eppelborn am Mittwoch dieser Woche gebeten. Bis zum Redaktionsschluss am Freitag lag keine Stellungnahme vor.

Die einzige Kommune im Kreis, die nicht von der Umstellung betroffen ist, ist Spiesen-Elversberg. Dort gibt es keinen Bahnhof.