Vorsitzende des Nabu Saarland Julia Michely stellt sich im Gespräch vor

Kostenpflichtiger Inhalt: Neue Landesvorsitzende des Nabus im Gespräch : Opas Garten hat sie zum Naturschutz gebracht

Die neue Vorsitzende des Naturschutzbundes Saarland spricht über ihren Werdegang und aktuelle Problemstellungen im Naturschutz.

Beim Naturschutzbund (Nabu) Saarland ist eine neue Ära angebrochen. 19 Jahre lange hatte Ulrich Heintz in dem Verband die Zügel in der Hand, doch zu einer möglichen weiteren Wiederwahl trat er im Oktober nicht mehr an. Seine Nachfolgerin ist die promovierte Biologin Julia Michely. Die 38-Jährige ist in Saarlouis geboren und wohnt heute in Beckingen. Sie hat in Freiburg studiert und ihren Doktor in Saarbrücken an der Universität des Saarlandes gemacht. Im Gespräch mit der SZ stellt sich die Bienenexpertin vor und erklärt, was sie als Landesvorsitzende erreichen will.

Wie sind Sie zum Naturschutz gekommen? Gab es da in Ihrer Kindheit eine Initialzündung?

MICHELY Mein Opa hatte früher einen Schrebergarten an der Saaraue. Das war für mich der erste Kontakt mit der Natur an sich. Ich weiß noch ganz genau, dass dort zum Beispiel im Sommer Gottesanbeterinnen gelebt haben. Also kommt mein Interesse an dem Thema ursprünglich von der Natur im Garten, weitergegeben von meinem Opa – so wie es sein soll.

Nach 15 Jahren beim Nabu sind Sie nun Landesvorsitzende geworden. Wie kam es zu Ihrer Kandidatur?

MICHELY Relativ spontan. Es war schon läger klar, dass jemand gesucht wird. Deshalb hatte ich mich bereits damit beschäftigt. Zudem kam aus unseren Reihen die Anfrage, „Julia, wieso machst du das nicht?“ Dann habe ich das abgewägt und bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich das unbedingt machen muss.

Warum „machen muss“?

MICHELY Das hört sich vielleicht ein bisschen komisch an, aber ich fühle mich einfach ein wenig dazu berufen, alles zu tun, was geht – gerade im Hinblick auf unsere Natur und den Klimawandel. Ich denke, da ist es jede freie Sekunde wert, sich einzusetzen.

Wie lief die Wahl ab, gab es eine Kampfkandidatur?

MICHELY Genau, es gab einen weiteren Kandidaten und ich habe mit drei Stimmen Vorsprung gewonnen, es war also sehr knapp. Mein Rivale ist ebenfalls Biologe. Wir verstehen uns gut und wollen natürlich weiterhin zusammenarbeiten.

Wie sah Ihr Wahlprogramm aus?

MICHELY Ich habe dafür geworben, die Jugendbewegung mehr einzubringen, also mit der Naju (Naturschutzjugend im Nabu) mehr zusammenzuarbeiten Außerdem möchte ich die Kinder- und Jugendbildung im Bereich Umwelt und Klima fördern. Da gibt es im Moment ein ganz großes Potenzial und das möchte ich gerne einbinden. Ein weiterer Fokus für mich ist der Insektenschutz.

Welche Themen sind darüber hinaus für den Nabu im Saarland wichtig?

MICHELY Wir wollen uns beim Energiesparen und der Bekämpfung des Klimawandelns einbringen und dazu auch mit Fridays For Future zusammenarbeiten. Ansonsten wollen wir natürlich unsere laufenden Projekte weiterführen. Dazu zählt etwa die Pflege der Naturschutzgebiete, die wir intensivieren wollen, um den Artenschutz zu stärken.

Die zwei vergangenen Sommer waren sehr trocken und haben die Wälder stark belastet, unter anderem durch den starken Borkenkäferbefall. Wie sieht der Nabu diese Situation?

MICHELY Der Wald ist hier im Saarland natürlich besonders wichtig. Wir haben ja 36 Prozent Waldanteil und den bundesweit höchsten Anteil an Laubbäumen. Unser Projekt „Wertvoller Wald“, bei dem es um Alt- und Totholz ging, ist gerade abgeschlossen. Unsere Arbeit in diesem Bereich wollen wir weiterführen. Im Hinblick auf den Hitze­stress wäre es natürlich ideal, mit den Förstern zusammenzuarbeiten und herauszufinden, welche Baumarten mit dem Klimawandel besonders gut zurechtkommen. Ein Klimagewinner könnte wohl die Weißtanne sein, die besser geeignet sein soll als die Fichte.

Nach Jahren der Diskussion soll nun doch noch die Nordsaarlandstraße gebaut werden – aus Ihrer Sicht eine gute Idee?

MICHELY Der Bau einer Nordumfahrung für Merzig hat im Wesentlichen den klimaschädlichen, motorisierten Individualverkehr im Fokus. Zudem würde der Bau der neuen Straße die Zerstörung von Lebensräumen streng geschützter Arten bedeuten.

Es sollte zunächst ein aktueller Nachweis des Bedarfs erbracht werden und dann die Wirtschaftlichkeit der Straße belegt werden, bevor man überhaupt konkret weiter über eine neue Straße nachdenkt. Im August 2018 (SZ vom 2. August) wurde angekündigt, dass im Herbst 2019 eine großräumige Verkehrsstudie vorliegen würde, die die aktuellen Verkehrszahlen und -Ströme zwischen Losheim und der Autobahn mit besonderem Fokus auf die Ortsdurchfahrten von Merzig und Mettlach untersuchen sollte. Falls eine solche Studie bestünde, sollte sie für alle Bürger öffentlich gemacht werden, damit man sich anhand der Datengrundlagen selbst ein Bild über den Bedarf für diese Straße machen könnte.

Vor allem mit Blick auf die hochaktuelle Klimaschutzdiskussion sollten die vorgesehenen Steuermittel für nachhaltige und damit zukunftsfähige Verkehrskonzepte, etwa im Sinne einer Stärkung des ÖPNV und der Radinfrastruktur, verwendet werden. Gleichzeitig sollten die bereits vorliegenden Optimierungsvorschläge am bestehenden Merziger Straßennetz konsequent und vollständig umgesetzt werden.

Was läuft Ihrer Meinung nach hier im Saarland in Sachen Naturschutz darüber hinaus nicht gut, was müsste die Regierung besser machen?

MICHELY Sie sollte mehr Förderprogramme für den Umstieg auf den Ökolandbau auflegen. Gerade in der Landwirtschaft sollte darauf geachtet werden, dass weniger Pestizide benutzt werden. Das Gleiche gilt innerorts und innerstädtisch für die Gemeinden und deren Bauhöfe. Da müsste der erste Schritt gemacht werden in Richtung insektenfreundlicher Bewirtschaftung.
Da spielen natürlich auch Blühflächen eine Rolle. Generell wird einfach viel zu viel gemäht. Daher möchte ich dringend dazu aufrufen – egal ob Bürgermeister oder Bewohner zu Hause: bitte so wenig wie möglich mähen. Wenn man vielleicht bisher zehn mal städtische Flächen oder im Garten gemäht hat, lässt sich das vielleicht auf ein oder zwei mal im Jahr begrenzen.

Sie appellieren also an die Faulheit der Menschen?

MICHELY Genau, das hört sich doch gut an! (lacht) Ich denke, da wird es noch einiges an Arbeit für uns geben, das durchzusetzen, solange dieses Ordnungbewusstsein so verbreitet ist. Wenn man mal eine Wiese stehen lässt, bemängelt das zwar vielleicht der Nachbar. Da kann aber jeder argumentieren, dass man damit etwas für unsere Insekten tut. Beim Gebrauch von Chemikalien müssen wir auch noch etwas tun – davon sollte sich jeder Gartenbesitzer entfernen, seien es Unkrautvernichtungsmittel oder chemische Dünger. Das ist alles nicht nötig und da berät der Nabu auch gerne zu Alternativen. Wir schätzen, dass pro Ort oder kleiner Stadt fünf bis zehn insektenfreundlich gestaltete Gärten ausreichen würden, um richtig viel gegen das Insektensterben zu tun.

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