Fachtagung in Losheim beschäftigte sich mit dem Thema Ess-Störungen

Kostenpflichtiger Inhalt: Losheim am See : Der Feind in meinem Kühlschrank

In Losheim befasst sich eine Fachtagung mit den verschiedenen Formen der Essstörungen.

Man hätte im Saalbau in Losheim vermutlich eine Stecknadel fallen hören können. Gespannt lauschen die 135 Teilnehmer den Ausführungen von Meike Pälmke. Sie ist Referentin der zweiten saarländischen Fachtagung „Leben.Gleich.Gewicht – Auffälliges Essverhalten – Essen als (Problem-) Lösungsversuch“.

„Ein Blick am Morgen auf die Waage endscheidet über den weiteren Tagesverlauf“, sagt Pälmke. Für an Magersucht erkrankte Patienten sind die Zahlen Freund und Feind zugleich. Die Diplom-Psychologin sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Saarbrücken erklärt in ihrem Vortrag „Ambulante Therapie von Ess-Störungen“ anschaulich die Schwierigkeit der Behandlung von Patienten mit einer Ess-Störung. Gleichzeitig unterscheidet sie drei Hauptformen: Magersucht, Bulimie und Binge-Eating). Alle drei haben gemeinsam, dass das Thema Essen ständig die Gedanken der Betroffenen bestimmt. Die Zahl der Menschen, die an Ess-Störungen leiden, steigt stetig. Häufig manifestieren sie sich bereits im Jugend- und frühen Erwachsenenalter. Die aktuelle Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert-Koch-Institutes (KiGGS) sagt, dass in Deutschland bereits jedes fünfte Kind zwischen elf und 17 Jahren unter den Symptomen einer Ess-Störung leidet. Vor einigen Jahren erkrankten von 100 000 Mädchen (Alter 15 bis 24 Jahre) 20 an Magersucht. Heute sind es bereits 50. Auch immer mehr Jungen und Männer sind von Ess-Störungen betroffen.

Neben dem von Pälmke rücken an diesem Tag fünf weitere Vorträge zum Thema in den Fokus. Diplom-Psychologe Florian Hammerle referierte über  Symptome, Entstehung und Behandlung von Ess-Störungen. Diplom-Psychologin Vanessa Wolter stellt „MaiStep“ vor, ein Schultraining zur Ess-Störungs-Prävention. Fachärztin Angelika Thönnes spricht über das Thema „Adipositas und Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen“.

Besonders der Vortrag von Sarah Herrmann sorgt für viele entsetzte Gesichter im Publikum. Neben Zahlen und Fakten zeigt sie schockierende Fotos von knochigen Körpern. Die Diplom-Soziologin und Fachreferentin vom Kompetenzzentrum „jugendschutz.net“, befasst sich mit den Auswirkungen von Internet und den sozialen Medien auf das körperliche Erscheinungsbild.

Nach Angaben von Hermann beeinflusst die zunehmende Digitalisierung des Alltags und die Kommunikation durch soziale Medien die Verbreitung und Wahrnehmung von Ess-Störungen.

Im Netz fänden sich zahlreiche „Pro Ana“- und „Pro Mia“-Seiten mit Anleitungen zum Abnehmen sowie zum Geheimhalten von Ess-Störungen, die diese als erstrebenswerten Lebensstil verherrlichen. „Ana“ sei eine beschönigende Abkürzung für Magersucht, „Mia“ für Bulimie, wie Herrmann erklärt.

Doch: Wie soll man an Erkrankte herankommen, wenn sie anonym Tipps bekommen, wie sie es vermeiden können zu essen? „jugendschutz.net“ versucht unter anderem solche Seiten aus dem Netz zu nehmen. „Heranwachsende können die Tragweite nicht so einschätzen wie Erwachsene“, sagt Herrmann. Anstelle der „Pro Ana“- und „Pro Mia“-Seite werde ein Platzhalter eingestellt, der versuchen soll, die Betroffenen über Links zu Beratungsstellen in Richtung Therapie und Hilfe zu lenken. Schwierig wird es bei geschlossenen Whats-App-Hungergruppen, wie Herrmann berichtet. Man könne nur gegen Aufrufe zur Gründung oder zum Eintritt in solche Gruppen vorgehen. Hermanns Fazit: Die meisten Dienste haben die Problematik von selbstgefährdenden Beiträgen erkannt, aber die Gefahr ist dennoch nicht gebannt. Häufig mangelt es an der Umsetzung der sogenannten „Anti-Selbstgefährdungs-Policys“. Den meisten Plattformbetreibern fehlt die nötige Sensibilität für die Thematik. Sie müssten unzulässige Inhalte schneller löschen und vorbeugende Schutzkonzepte entwickeln, wie Hermann ausführt. „Besonders die Reaktionen auf Meldungen von Verstößen sind unzureichend“ heißt es im Themenpapier Propagierung von Selbstgefährdungen in sozialen Netzwerken des Kompetenzzentrums.

Den Abschluss macht der Diplom-Psychologe Stefan Glasstetter mit seinem Vortrag „Aus Liebe getrennt: systematische Betrachtungsweisen zum Thema der Anorexie“.

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