Junge Ärzte kritisieren Krankenhauslandschaft

Kostenpflichtiger Inhalt: Kliniken im Saarland : Junge Ärzte kritisieren Krankenhauslandschaft

Die Zukunft der Kliniken im Saarland sorgt für Streit zwischen Krankenhausgesellschaft und Ministerium. Was sagen junge Mediziner?

„Die Krankenhausplanung im Saarland ist ineffizient“, erklärt B., der am Winterberg-Krankenhaus seine Facharztausbildung macht. Die Leidtragenden seien die Patienten. So habe er einen Notfall miterlebt, bei dem der Patient nach einem Unfall in ein Krankenhaus in Saarbrücken gekommen sei, in dem es zwar eine Notaufnahme sowie Unfallchirurgie gebe, diese sei aber eher breit gefächert und nicht spezialisiert. Eine sofortige und sehr komplizierte OP sei notwendig gewesen. Der Patient sei viel zu spät auf dem Winterberg angekommen, wo die richtige Expertise vorhanden gewesen sei, so der Nachwuchsmediziner. Dort retteten die Ärzte dem Mann das Leben. „Hätte man, wie es zum Beispiel die Bertelsmann Stiftung vorschlägt, nur wenige, aber dafür erfahrene Kliniken mit spezialisierten Zentren, wäre zum einen sofort klar, in welche Klinik ein solch schwerer Fall muss, und zum anderen wäre so gesichert, dass der Patient die bestmögliche Versorgung erhält.“ Die vielen kleinen, nicht gut ausgestatteten Kliniken im Saarland würden so zu einer qualitativ schlechteren Behandlung beitragen, sagt der angehende Facharzt.

„Hohe Fallzahlen derselben Operation sorgen dafür, dass ein Standort viel Erfahrung generieren kann, was wiederum die Grundlage dafür ist, solche Eingriffe routiniert und mit gutem Ergebnis durchführen zu können“, erklärt B. Viele kleine Standorte mit nur wenig Fallzahlen würden dies verhindern, denn je mehr Häuser, umso mehr müsse man um Fallzahlen konkurrieren.

Der neue Krankenhausplan für das Saarland sieht eine solche Neuordnung nicht vor. Im Gegenteil – im Norden des Saarlandes soll sogar eine weitere Klinik entstehen, zumindest wenn sich ein Investor finden lässt. In Wadern wurde 2017 die Marienhausklinik geschlossen, was sich in starken Protesten der Bevölkerung niederschlug (wir berichteten). Es habe zu wenig Auslastung der vorhandenen Betten gegeben, so der Präsident der Saar-Ärztekammer Dr. Josef Mischo. Er kennt jedoch auch die „Widersprüchlichkeit“ von menschlichem Verhalten: „Dass die Klinik geschlossen wurde, liegt daran, dass sich die meisten Menschen lieber in größeren Häusern behandeln lassen – nun, nach der Schließung, protestieren sie aber dagegen.“

Die Grundversorgung zu garantieren, sei im Norden des Saarlandes das Hauptproblem, es gebe genug sehr gut spezialisierte Zentren im Saarland, wie zum Beispiel das Herzzentrum in Völklingen, sagt auch Dr. Dorothea Kerner, die sich im dritten Jahr ihrer Facharztausbildung zur Radiologin an der Uniklinik Homburg befindet. „Das Problem ist, dass die lokale Verteilung der Kliniken und auch das Überleben eines Hauses dem freien Markt überlassen wird“, erklärt sie. Dies müsse eigentlich ein gut durchdachter und koordinierter Krankhausplan regeln und nicht die Profitabilität eines Hauses. Ein Krankenhaus habe in erster Linie einen gesellschaftlichen Auftrag. Die Bezahlung nach Fallzahlen könne auch dazu führen, dass bestimmte Operationen bevorzugt würden.

Dr. Dorothea Kerner macht eine Facharztausbildung zur Radiologin an der Uniklinik Homburg. Foto: MB Saarland

Krankenhäuser finanzieren sich durch ein duales System: die Einordnung eines Patienten in die DRG-Fallpauschalen („Diagnosis Related Groups“) bestimmt die Höhe der Zahlung der Kassen an die behandelnde Klinik. Die Landesregierung hingegen sei verantwortlich für die Zahlungen für Bau- und Sanierungsmaßnahmen, erklärt Ärztekammer-Chef Mischo: „Leider zahlt das Land jedoch in der Regel 30 bis 50 Prozent von dem, was eine Klinik eigentlich bräuchte.“ Die Saarländische Krankenhausgesellschaft (SKG) hat dies vergangenen Mittwoch bei der Vorstellung der neuen Krankenhauspläne des Gesundheitsministeriums angeprangert. Heute trifft sich die SKG mit Ministerin Monika Bachmann (CDU) zum Gespräch.

Kliniken hätten nur eine Möglichkeit, wirtschaftlich zu bleiben, indem sie die fehlenden Investitionen des Landes durch mehr Fälle und die dazugehörigen Zahlungen der Kassen ausgleichen, so Dr. Dorothea Kerner. Dies führe auch dazu, dass komplizierte Operationen wirtschaftlich lukrativ für eine Klinik sein könnten, selbst wenn sie nur sehr selten durchgeführt werden, erklärt der junge Arzt B. Nicht auszuschließen sei, dass Patienten auch aufgrund der zu erwartenden Fallzahlsteigerung in das falsche Krankenhaus kommen. Die Ökonomisierung des Krankenhaussystems könne für Patienten gefährliche Auswirkungen haben, beklagt er.

Man könne jedoch nicht einfach übergehen, was die Bevölkerung möchte, sagt Ärzte-Vertreter Mischo: „Es ist auch wichtig, dass sich ein Patient sicher fühlt, was in kleinen lokalen Häusern zum Beispiel dadurch gegeben ist, dass Patienten den Arzt schon kennen.“ B. sieht dies anders: „Ich halte es für verantwortungslos, sich in der Koordination von medizinischer Versorgung nach den Gefühlen von Patienten zu richten“. Hier fehle die richtige Art der Aufklärung, um den Unsicherheitsgefühlen der Bevölkerung entgegenzuwirken, wenn ein lokales Krankenhaus geschlossen werden soll, meint er. So schlägt er eine Umgestaltung der saarländischen Krankenhauslandschaft ähnlich dem Dänischen System vor: „Zehn große, spezialisierte und ausgeglichen verteilte Häuser reichen völlig aus. Die Rehabilitation, die nach einem Eingriff kommt, könnte nach der Versorgung im Krankenhaus in externen Reha-Kliniken durchgeführt werden.“ So habe man den Vorteil, dass qualitativ hochwertige Technik wie auch gut ausgebildete, erfahrene Mediziner an wenigen Zentren gesammelt würden. Gerade die kleine Fläche und die kurzen Wege des Saarlandes seien prädestiniert für eine solche Gestaltung. So könne man auch mehr Personal an weniger Standorten anstellen, was auch den Personalmangel in Kliniken verringern würde, sagt B. In diesem Punkt sind sich die zwei jungen Ärzte einig. Gefühlte Unsicherheit würde sich gerade bezüglich der Themen Krankheit und Alter zeigen und hätten doch viel komplexere, gesellschaftliche Gründe als ein kleines Krankenhaus, das schließt.