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Prozess gegen Bordell-Chef
Sein „Paradise“ war die Hölle

Jürgen Rudloff (r.), Chef der Bordell-Kette „Paradise“, muss sich vor Gericht wegen Beihilfe zu Menschenhandel, Zuhälterei und Betrugs verantworten.
Jürgen Rudloff (r.), Chef der Bordell-Kette „Paradise“, muss sich vor Gericht wegen Beihilfe zu Menschenhandel, Zuhälterei und Betrugs verantworten. FOTO: Marijan Murat / dpa
Stuttgart/Saarbrücken. Er propagierte saubere und faire Prostitution, doch seine riesigen Bordelle – von denen auch eins im Saarland steht – boten wohl genau das Gegenteil. Jetzt steht der Chef der Kette in Stuttgart vor Gericht. Die Vorwürfe wiegen schwer. Von Roland Böhm

Genau so sah man ihn einst auch in etlichen Talkshows sitzen: dunkler Anzug, offenes weißes Hemd, das grau melierte Haar zurückgekämmt. Am Freitag jedoch trägt der Chef der Bordellkette „Paradise“, Jürgen Rudloff, Handschellen. Seit September sitzt der 64-Jährige in Stuttgart in Untersuchungshaft. Im wohl bis März 2019 laufenden Mammutverfahren wird dem Schwaben die Förderung von schwerem Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung, Beihilfe zur Zuhälterei und Betrug vorgeworfen. Ihm drohen mehrere Jahre Haft. Mitangeklagt sind drei seiner Mitarbeiter, darunter sein Presse- und Marketingchef sowie der ehemalige Geschäftsführer eines Bordells.


Über Jahre propagiert der Bordellchef medienwirksam die ehrliche und saubere Prostitution. 2008 öffnet er sein erstes Rotlichthaus bei Stuttgart. Es kommen weitere Großbetriebe in Frankfurt, Saarbrücken-Burbach (eröffnet 2014) und Graz hinzu. Die Idee: Er bietet die Plattform, sprich die Räume, und ein Wellness-Drumherum. Die Prostituierten arbeiten dort selbstständig. Was auf den Zimmern passiert, verhandeln sie mit den Kunden.

Was Oberstaatsanwalt Peter Holzwarth dann anderthalb Stunden in seiner Anklage berichtet, klingt ganz anders: In den Bordellen hätten die Rockerclubs Hells Angels und United Tribuns das Sagen. Sie ließen dort Frauen anschaffen, kassierten ab, beuteten sie aus, bis ihnen im Grunde kein eigener Verdienst mehr bleibe. Etliche Frauen trügen Tätowierungen mit den Vornamen ihrer „Besitzer“. Frauen, die raus wollten, würden geschlagen und bedroht. Natürlich führe nicht jede Zimmervermietung zur Ausbeutung, sagt Holzwarth. Studien zeigten aber, dass auch anderswo 75 Prozent der Prostitution nicht sauber sei. Rudloff, sein Geschäftsführer (52) und sein Marketingchef (51) hätten vom Vorgehen der Rocker gewusst, dies gebilligt und über Jahre Geschäfte mit ihnen gepflegt.

Die Anklage geht zurück auf eine Razzia im Milieu Ende 2014. Zeitgleich wurden vier Großbordelle, zahlreiche Geschäftsräume und Wohnungen in sechs Bundesländern sowie in Österreich, Bosnien und Rumänien durchsucht. Ermittler durchsuchten damals auch das „Paradise“ in Burbach und eine Terminwohnung in Saarbrücken.

Elf Personen, die zur Tatzeit den United Tribuns oder Hells Angels zuzuordnen waren, wurden bereits angeklagt und zu Haftstrafen bis zu sechs Jahren verurteilt. Bordell-Chef Rudloff setzte sich laut Staatsanwaltschaft zunächst in die Schweiz ab, kehrte aber nach Stuttgart zurück. Beim Vorwurf Menschenhandel drohen ihm der Staatsanwaltschaft zufolge bis zu zehn Jahre Haft.



Im September wurde Rudloff festgenommen. Die Anklage wirft ihm vor, in einer Art Schneeballsystem im Zusammenspiel auch mit einem vierten Angeklagten in betrügerischer Weise Investoren und Darlehensgeber um mehr als drei Millionen Euro geschädigt zu haben. Einen Großteil des Geldes soll er sich selbst in die Tasche gesteckt haben. Zu den Vorwürfen schweigt das Quartett am Freitag. Gelegenheit zum Reden ist noch reichlich. Die Kammer hat in Stuttgart gut 80 Termine bis Ende März kommenden Jahres eingeplant.