JVA Ottweiler: Kunstprojekt für junge Strafgefangene

Kostenpflichtiger Inhalt: Kunstprojekt im Strafvollzug in Ottweiler : Im Knast kann Kunst ein Schlüssel sein

Die eigene Kreativität zu entdecken, stärkt junge Straftäter für ein Leben nach dem Knast, so die Hoffnung. In der Justizvollzugsanstalt Ottweiler gab es dazu ein Kunst-Projekt.

An Zelle 24 steht „Musikraum“. Hier wird gelegentlich gerappt.  Die jungen Männer kommen gerne hierher.  68  sitzen derzeit in der Justizvollzugsanstalt  (JVA) Ottweiler ein – in Untersuchungshaft oder in Strafhaft. Der Jüngste ist erst vierzehn,  der Älteste 24 Jahre alt, die übrigen im Alter zwischen 15 und 23. Das Gebäude ist alt, soll renoviert werden. In einem Trakt ist – quasi zur Ansicht – eine neue Zellentür eingehängt: schwarz-grau, modern.

Marco Bauer, der die JVA leitet, sagt in einem Gefängnis seien zwei Dinge wichtig: Schlüssel und ein gutes Bauchgefühl. Als Psychologe verfügt er über weiteres Rüstzeug: Er kann die jungen Straftäter gut einordnen. Und aus Erfahrung weiß er: „Der überwiegende Teil kommt nur ein einziges Mal.“

Viele, die hier ihre Strafe absitzen, das will er nicht verschweigen, sind Flüchtlinge. Jung, unbegleitet, ohne familiären Halt, mit posttraumatischen Belastungsstörungen, viele auch mit Kriegserfahrungen. „Stellen Sie sich mal vor, direkt neben Ihnen wird Ihr Bruder erschossen“, sagt Bauer. Die Delikte: Einbruch, Raub, Drogenhandel. Sie tun viel, um an Geld zu kommen. So wie deutsche Straftäter auch.

Wojciech Piontek ist Sonderpädagoge und arbeitet mit den jungen Gefangenen. Sie brauchen „psychologische und pädagogische Korrekturen“. Marco Bauer spricht von „korrigierenden Beziehungserfahrungen“. Für jeden, sagt er, gibt es den richtigen Schlüssel. Schönes Wortspiel.

Ein solcher Schlüssel kann Sport sein, Musik – oder Kunst. Seit elf Monaten hat die Künstlerin Leslie Huppert, die in Saarbrücken ihr Atelier hat,  Zugang zu acht jungen Strafgefangenen. Sie nehmen teil an einem Kunstprojekt, das der Bund Bildender Künstler (BBK) fördert und das Bundesministerium für Bildung und Forschung bezuschusst. „Home sweet home“ heißt es. Es steht unter dem Dach von „Wir können Kunst“, ausgeschrieben vom BBK.

Die ästhetische Erziehung, sagt Piontek, der das Projekt begleitet, sei grenzenlos. Die jungen Männer müssten nichts sagen, sie müssten nur tun.  Doch wenn sie erst einmal Zutrauen gefasst haben, reden sie auch. Die Kontaktaufnahme war nicht einfach, sagt Leslie Huppert. Da ist es schon wichtig, dass ein solches Projekt langfristig angegangen wird. „In 12 Monaten“, sagt Piontek, „kann man etwas verändern.“

Als Leslie Huppert mit der künstlerischen Arbeit in Ottweiler begann, hatte sie ein anderes Gefängnis-Projekt gerade abgeschlossen.  Nur ein paar Monate zuvor gab es für eine Kunstgruppe von erwachsenen Gefangenen  in der JVA Saarbrücken eine Vernissage. Dieser Tage war Vernissage in Ottweiler. Mehr oder weniger hinter verschlossenen Türen, dennoch offiziell, wie es sich für die Präsentation von Bildender Kunst gehört.

Leslie Huppert hätte gerne mit der JVA Ottweiler einen neuen Antrag auf Förderung gestellt. Das geht nicht, weil es dort an Beamten fehlt. Und Sicherheit geht vor Kunst. Anders gesagt: Kunst geht hier nicht ohne Sicherheit.

Leslie Huppert  ist nicht nur eine renommierte Künstlerin. Sie hat auch Erfahrung im Formulieren von Anträgen. Denn vor der Kunst kommt die Bürokratie. Sie tut es dennoch immer wieder. Auch weil freie Künstlerinnen und Künstler schließlich Geld verdienen müssen. Dabei ist diese Art des künstlerischen Arbeitens durchaus strapaziös.  Am Anfang, sagt sie, hätte sie beim Verlassen des Gefängnisses jedes Mal heulen können. Man lässt die Lebensgeschichten der jungen Männer nicht hinter Gittern zurück, wenn man geht. Nimmt sie mit in die Freiheit.

Henri Rohr, der Leslie Huppert bei der  Arbeit unterstützte, ist Anfang 20. Hatte vielleicht deswegen einen anderen Blick auf die jungen Gefangenen, einen anderen Zugang zu ihnen.   Er erinnert sich an Prahlereien, Rangeleien. Auch daran, dass gelegentlich der Wachdienst eingreifen musste. Bei aller Anstrengung wertet er sein Tun in der JVA dennoch als lohnenswert.

In einem der Flure hat der 16-jährige J. einen übergroßen Markenturnschuh an die Wand gemalt. Dicht daneben ägyptische Motive. Die sind nicht in Leslie Hupperts Kurs entstanden. Kunst im Knast gibt es schon länger, die Beschäftigung mit Ägypten liegt 20 Jahre zurück. Der Verein für Förderung von Kunst und Kultur im saarländischen Strafvollzug steckt dahinter, er ist auch zusammen mit der JVA Kooperationspartner von Hupperts Projekt. Getragen wird es vom BBK-Landesverband Saar.

Das eigentliche Kunstwerk findet sich nicht zwischen den ägyptischen Motiven, sondern in einem Raum des Gefängnisses, in dem auch Dart oder Billard gespielt werden kann.

Die Häftlinge dürfen üblicherweise eine Stunde am Tag außerhalb der Zelle verbringen. Der Bewegungsdrang ist folglich groß. Die Kunst brachte ihnen ein bisschen Freiheit in den Knast. Drei Stunden pro Woche. Immerhin.

Die Motive sind aus einer Vorgabe Hupperts entstanden: Träumen! Alles beginnt mit dem Bild eines jungen Mannes, der schlafend am Boden liegt. Die Träume, die farbig auf der Wand aufgetragen wurden, sind teilweise erwartbar, dann wieder völlig überraschend. Eine schöne junge Frau, ein Adler, der einen Brief mit der Aufschrift „nach Hause“ im Schnabel hält. Vögel,  Pandabären, ein Eisbär mit weit aufgerissener Schnauze. Heimweh, Trauer, Wut. Und eine so genannte Lebensweisheit, die den ein oder anderen wohl hierher geführt hat: „Geld regiert die Welt.“ B. ist wegen Raub verurteilt, J. wegen Einbruch.

„Träumen“, das war das Motto des Kunstprojektes in der JVA Ottweiler. Foto: Iris Maria Maurer

Das Kunstwerk an sich ist der Künstlerin Leslie Huppert gar nicht so wichtig, sagt sie.  Sie spricht lieber im Sinne von Joseph Beyus von „sozialer Plastik“, die das kreative Denken und Handeln einschließt.  Sie hat ein bisschen Freiheit in das Eingeschlossensein  gebracht. War ein Schlüssel zu den jungen Gefangenen. Und Schlüssel sind in Gefängnissen ja sehr wichtig.

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