Junge Winzer läuten Stilwechsel ein

Mainz · Nussig im Abgang, auf Kalkboden gediehen, ganz klar Südhang – über Wein lässt sich bestens im Fachchinesisch parlieren. Besonders locker kommt man dabei selten rüber. Eine neue Generation Winzer und Weinhändler will das ändern.

An den Weinbau, wie ihn deutsche Heimatfilme oder auch gerne Gourmet-Reiseführer beschreiben, erinnert in Sedat Aktas' Räumlichkeiten eigentlich nur ein kleines Holzschild mit der Aufschrift "Wein aus deutschen Landen". Ein großer Holztisch steht in dem Altbau - mit Stühlen, von denen keiner dem anderen gleicht. Wer Cafés in Berlin-Prenzlauer Berg mag, fühlt sich zu Hause. Aktas lebt aber in Mainz . Und bei ihm geht es um Weine - genau genommen um "Geile Weine". So heißt das Startup, mit dem er als Geschäftsführer seit gut eineinhalb Jahren Wein verkauft. Die Firma schwimmt auf einer Welle, die seit einiger Zeit durch die Branche schwappt. In vielen Weingütern hat sich ein Generationswechsel vollzogen, der mit einer anderen Sprache und einer anderen Optik einhergeht. "Wir wollen Leute ansprechen, die den Zugang zu dem Produkt normalerweise nicht so haben", sagt Aktas. Die nicht wissen, was der Weinführer Gault-Millau ist. Oder wie es Aktas - Jahrgang 1977, Vollbart und Hornbrille - ausdrückt: "What the fuck is Gault-Millau?"

Zu haben ist heutzutage etwa "Dreck und Speck", ein Weißwein, der vor der Gärung nicht vorgeklärt wurde. Oder der "Pornfelder" aus der Pfalz, einer Komposition aus Portugieser (Por-) und Dornfelder (-nfelder), wurde der junge Winzer Lukas Krauß zu einer Art Rockstar der Szene.

Der traditionsbewusste Weintrinker fragt an dieser Stelle: Muss das sein? "Der erste Kontakt ist ein visueller", sagt Aktas. Danach komme der Geruch und am Ende der Geschmack. Optik und keckes Gehabe allein reichten natürlich nicht aus. Am Ende müsse alles zusammenpassen. Es gebe aber einen gewissen Zusammenhang zwischen Aussehen und Verkauf. Die "Geilen Weine"-Kunden seien zu 90 Prozent zwischen 20 und 45 Jahre alt.

Beim Wein vollzieht sich eine Entwicklung, die beispielsweise auch bei Gin oder dem sogenannten Craft Beer zu beobachten ist: Lebensmittel werden Gegenstand der jungen Kultur. Individualität ist das Stichwort. "Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einem lachenden, weil sich so viele um einen frischeren Auftritt bemühen, was gut ist", sagt Robert Göbel, Professor an der Hochschule Geisenheim für strategisches Management und Beratung. Auf der anderen Seite bleibe dabei oft auch Authentizität auf der Strecke. "Das ist wie ein lautes Feuerwerk, das abbrennt", sagt er. "Die permanente Neuerfindung geht zulasten der Glaubhaftigkeit und kostet Geld."

Andi Weigand hat den Stilwechsel trotzdem gewagt. Der 24 Jahre alte Franke krempelt seit einem Jahr das elterliche Weingut in Iphofen (Unterfranken) um und verkauft nun Wein wie "Der Wilde", "Der Held" und "Der Franke", erzählt Weigand, der sich selbst als "ein bisschen freakig" bezeichnet und Elektro-Musik mag. Wein sei weder kompliziert noch altbacken. Natürlich sei zu Hause erst mal Überzeugungsarbeit notwendig gewesen. Jetzt ziehe aber auch der Papa mit.

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