Zwischen Trance und Wahnsinn

Zwischen Trance und Wahnsinn

Die scheidende Ballettchefin Marguerite Donlon fasst ihr Publikum mit ihrem neuen Stück hart an. Dennoch gab es für die Uraufführung starken Applaus im Saarbrücker Theaterzelt.

Die eine an den Händen gefesselt, eine Zweite vom Kopf bis zur Hüfte in Macramée geknebelt, so schickt Marguerite Donlon ihre Tänzer diesmal auf die Bühne (aparte Kostüme: Laura Theiss). In "Wings" (Flügel), so hatte sie angekündigt, gehe es um all jene Menschen, die in ihrer Energie, ihren Entfaltungsmöglichkeiten gebremst werden und trotzdem nicht aufgeben. Ein Schelm, wer da nicht an Donlon selbst denkt, die mit ihren Wachstumsplänen fürs Ballett scheiterte.

Da will Donlon in ihrer vorletzten Arbeit für Saarbrücken, die am Donnerstag das von ihr begründete Festival Now Dance Saar eröffnete, noch einmal zeigen, was sie kann. Hieß es nicht oft, sie sei zu gefällig? Also mutet sie dem Publikum diesmal Heftiges zu. Eine einzige Liedzeile über Zuversicht und Gottvertrauen, brüchig gesungen von einem Obdachlosen, begleitet als Endlosschleife das ganze Stück. Was einen entweder in den Wahnsinn treibt oder in eine wohlige Trance. Die Streicher variieren nur leicht. Genau wie das Thema von Donlons szenischen Folgen. Zwar gibt da ein Tänzer auf, der von den anderen mit gespannten Seilen in Schach gehalten wird. Zwar lässt Donlon einen Dichter zu von der Stadtautobahn live aufgefangenen Geräuschen sarkastisch "Mehr Lärm!" fordern. Meist reicht eine Gruppe den Einsamen, Gequälten, Deprimierten am Ende die haltenden (Netzwerk-)Hände. Donlon beweist, was sie kann: ihre formidablen Tänzer in elegante, filigrane Bewegungen versetzen. Die sich in Variationen wiederholen. Wenig aber will haften bleiben. So rauschen denn mit der musikalischen Endlosschleife auch die tänzerischen Bilder in "Wings" so dahin.Tänzer in salopper Alltagskleidung. Kein Bühnenbild, keine ausgeklügelten Beleuchtungseffekte. Nichts fehlt, nichts lenkt ab von dem, was sich zwischen zwei Menschen ereignet, die sich in Roy Assafs Tanzstück "Six years later" wiederbegegnen. All die Phasen der Wiederannäherung eines früheren Liebespaars dekliniert der israelische Choreograf so präzise und spannend durch, dass man als Zuschauer in der Alten Feuerwache das Knistern zwischen den beiden spürt. Für all das findet Assaf unprätentiöse Bewegungen, die frisch und unverbraucht wirken. Herrlich parodistisch wirken sie zu Militärmusik im zweiten Stück "The Hill": Drei Tänzer spielen Männlichkeitsgehabe durch, aus Volkstanz wird tödlicher Kampf. Trotz Längen ein berührendes, unterhaltsames Stück eines jungen Talents, von dem man noch viel erhoffen kann.

Das Theater im Viertel zeigt am Sonntag um 19 und 21 Uhr das surrealistische "Bastard!" von Duda Paiva.

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