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Zwischen Kung Fu und Kuhstall

Saarbrücken. "Tränen sind ein Ausdruck von Unfähigkeit." - Ein brutaler Satz, der einen umso mehr erschauern lässt, wenn er aus dem Mund eines neunjährigen Mädchens kommt. Xin Chenxi ist Schülerin an der größten Kung-Fu-Schule Chinas, in der 26 000 junge Menschen mit einer Härte trainiert werden, die wohl selbst GSG-9-Mitglieder nicht in ihrer Ausbildung erfahren Von SZ-Redakteur Johannes Kloth

Saarbrücken. "Tränen sind ein Ausdruck von Unfähigkeit." - Ein brutaler Satz, der einen umso mehr erschauern lässt, wenn er aus dem Mund eines neunjährigen Mädchens kommt. Xin Chenxi ist Schülerin an der größten Kung-Fu-Schule Chinas, in der 26 000 junge Menschen mit einer Härte trainiert werden, die wohl selbst GSG-9-Mitglieder nicht in ihrer Ausbildung erfahren. Der Filmemacher Inigo Westmaier hat dort faszinierende Bilder gedreht und mit "Drachenmädchen" eine großartige, verstörende Doumentation über das Innenleben der Eliteschmiede vorgelegt. Er sprach mit Eltern, Trainern, dem Schulleiter, Mönchen des benachbarten Shaolin-Tempels, aber auch einem Mädchen, das dem Druck nicht stand hielt und floh. Der Film vermittelt das komplexe Bild eines Systems, in dem menschliche Wärme und das, was wir unbeschwerte Kindheit nennen, geopfert werden - zu Gunsten der vagen Hoffnung auf sozialen Aufstieg.Zu den stärksten Beiträgen gehört auch Andy Wolffs "Der Kapitän und sein Pirat". Vier Monate war 2009 das Frachtschiff "Hansa Stavanger" in der Hand somalischer Piraten. Nachdem die Reederei 2,75 Millionen Euro Lösegeld gezahlt hatte, kamen die Geiseln frei. So weit das Bekannte. Wolff hat nun das Kunststück vollbracht, den Anführer der Piraten in Somalia ausfindig zu machen, um mit ihm über die Entführung, vor allem aber über sein Verhältnis zum Kapitän des Frachters, Krzysztof Kotiuk, zu sprechen. Ließ sich Kotiuk auf ein Bündnis mit dem Piratenanführer ein, wie Crewmitglieder heute behaupten? Wolff zeigt einen traumatisierten, gefeuerten Kapitän, der um seine Ehre kämpfen muss, sowie einen gewissenlosen Gangster, der durch die Beschreibung des Alltags in Mogadishu eine Ahnung davon vermittelt, wie er dazu wurde. Das parallel montierte Doppelporträt, das in unglaublichen Bildern Piraten bei der Planung weiterer Kaper-Aktionen zeigt, ist spannend bis zu letzten Minute.


Ein Kalb kommt zur Welt: Mit vereinten Kräften ziehen Bauer Konrad und sein Sohn Philipp das Neugeborene an einem Strick auf die Welt. Die Kamera zeigt staunende Kinderaugen und strahlende Hofbesitzer. Landromantik? Der Eindruck täuscht. Tobias Müller demonstriert in "Sauacker" am Beispiel des schwäbischen Jungbauern Philipp eindrucksvoll, wieviel Willenskraft und Selbstbewusstsein heute nötig ist, einen Hof zu führen. Phlipp muss sich mit Kreditgebern auseinandersetzen, mit seinem Vater, den er als Innovationsverweigerer betrachtet und mit seiner Freundin, die das Landleben nicht mehr aushält. Müller ist stiller Beobachter eines starken Charakters, der sich durch nichts und niemand von seinem Weg abbringen lässt.

Zu empfehlen ist auch "Nowhereman" von Leonie Stade und Annika Blendl. Das Thema - die Geschichte eines straffällig gewordenen Jugendlichen - ist nicht neu, Protagonist Cajo jedoch ein Glücksfall für die Filmemacherinnen, da der junge Mann erstaunlich differenziert über seine Gefühle zu sprechen vermag. Man möchte den charmanten 22-Jährigen wachrütteln - und weiß doch nach diesem Film, dass nur er alleine sich aus dem Sumpf ziehen kann. In "Nägel mit Köpfen" geht Marko Doringer der Frage nach: Kann man ein Leben als Paar führen, ohne eigene Wünsche aus den Augen zu verlieren? Doch statt tatsächlich "Paare, die symbolhaft für meine Generation stehen" zu zeigen, lässt Doringer (Jahrgang 1974) ein Grüppchen selbstbezogener Mittdreißiger in 93 langen Filmminuten darüber lamentieren, dass Kinder zu bekommen Kompromisse schließen bedeutet. Allerhöchstens das Zerrbild einer Generation.



Strapaziös auch Florian Barons biografische Reflexion "The final call". Der monotone Monolog vor dem Hintergrund verwackelter Bilder aus Fukushima und epischer Naturaufnahmen von den Osterinseln verlangt viel Aufmerksamkeit ab und liefert nur wenig Erkenntnis-Gewinn.

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