Zwergdiktatur Familie

Zwergdiktatur Familie

Sie ist ziemlich extravagant, die Interpretation, die Michael Talke zu Maxim Gorkis selten gespieltem Drama über eine durch Geld zerrüttete Familie liefert. Am Samstag war in der Alten Feuerwache Premiere. Dem Publikum gefiel es außerordentlich.

Wer Michael Talke engagiert, bekommt keine Regie-Stromlinienware. Das hat das hiesige Publikum bereits drei Mal erlebt, auch Talkes Affinität zum Film. Für Gorkis "Wassa Shelesnowa" (1910) bedient sich Talke beim Stummfilm, im Nosferatu-Fach sowie bei Hitchcock, zumindest musikalisch und atmosphärisch. Der Sturm peitscht Staubwolken und Geschäftspapiere auf die Bühne, es rumpelt und kracht - ein Konzert des Untergangs. Die bleichen Darsteller stieren uns mit schreck geweiteten Pupillen aus schwarzen Augenhöhlen entgegen, versteinern in melodramatischer Gestik oder wachsen zu riesigen Schatten-Scherenrissen. Und dann gibt es auch noch krasse Brüche durch Playback-Szenen, in denen alle mit einer Stimme sprechen, und wir verstehen: In dieser Nattern- und Lemuren-Brut sind alle gleich. Also doch eine Familie. Willkommen im Grusical.

Ästhetisch geht es aufdringlich zu, grell, die Regie wirkt überambitioniert - zugleich ist das alles ziemlich gut, weil außergewöhnlich. Und die Horror-Anmutung passt vorzüglich zur giftigen Botschaft des Autors: Der Kapitalismus frisst die Moral und ökonomisiert auch die intimsten Beziehungen. Was bleibt, sind Gefühlsmonster. Gorki führt uns eine von Wassa (Gertrud Kohl) befehligte Zwergdiktatur im Zerrüttungsmodus vor. Eine Horde von Erbschleichern und Egoisten, lauernd auf den Absprung, auch wenn es die Firma kostet. Sohn Pawel (Cino Djavid) ist verhaltensauffällig, der andere, Semjon, ein Nichtstuer und -Könner: Johannes Quester zeichnet ihn fabelhaft, als quengeligen Mama-Bubi mit erheblichem Boshaftigkeits-Potenzial. Und die Schwiegertöchter? Semjons Frau fehlt es an Hirn, aber nicht an Hinterhältigkeit. Yevgenia Korolov will offensichtlich zu viel. Verkrümmt sich, greint als verzogene Göre und kommt trotzdem nicht bei der Frau an, "aus der keiner schlau wird". Über Ljuda (Sophie Köster), die ihr Vater (Marcel Bausch) in eine Zwangsehe mit Pawel gesteckt hat, muss man nicht viel grübeln. Aus Selbstmitleid wirft sie sich Onkel Prochor zum Fraß vor. Der provoziert gern und will sein Geld aus der Firma ziehen. Georg Mitterstieler erlebt man als widerlichen und zugleich anziehenden Erotomanen, als arroganten, dreisten Proleten, der sich wie ein Deckhengst auch über seine Nichte Anna (Christiane Motter) wirft. Die verstoßene Tochter hat die eisernen Überlebenswillen-Gene der Mama, die Brüder fürchten und bewundern sie.

Da kommt viel Konfliktpotenzial zusammen. Deshalb wird bei Talke viel gerauft, getreten und geschlagen, vorzugsweise nach unten: Das Dienstmädchen (Charlotte Krenz) und der klein gewachsene Pawel müssen herhalten. Cino Djavid - mal Jammerlappen, mal Giftzwerg - erlebt man als Körper gewordenen Hilfeschrei, das ist grandios. Überraschenderweise ertappt man sich auch gegenüber Wassa mit ähnlichen Gefühlen. Aber hat Gorki sie nicht als unterkühlte Kommando-Mutter gezeichnet, die erkannt hat: "Mit Tränen wird nicht mal ein Fußlappen sauber" und die Erziehung als organisatorische Arbeit exerziert? Aber Wassa ist auch eine Überforderte. "Wassawassawassawassa" murmeln, schimpfen, flehen, schreien ihre Kinder - ein grausamer Chor der Bedürftigen, ein großer sinnerhellender Moment des Abends. Mama soll's richten. Doch Gertrud Kohl ist eine Zarte, eine von Geld- und Liebes-Vampiren Erschöpfte. Kohl knallt nicht die eiserne Lady auf die Bretter, sie lässt uns die Schmerzensfrau ahnen, verurteilt zur Mütterlichkeit. Unter den Schmuddel-Klamotten-Trägern ist sie die einzige Eingezwängte, sie trägt die steifen historischen Kleider der Gorki-Zeit.

Letztere findet sich auch auf dem Repin-Gemälde "Unerwartet" (1884) wieder, das als riesige Reproduktion die Bühnenwand füllt (Bühne/Kostüme: Barbara Steiner). Es zeigt die Rückkehr eines Verbannten in den Kreis seiner vermeintlich Liebsten. Freude? Von wegen. Schrecken steht über dieser Szene, über der gesamten Inszenierung. Talke hat sich nicht an Gorki angekuschelt, obwohl sich dieses starke Stück mühelos hätte ins Zeitgenössische transportieren lassen. Seine Annäherung gibt sich selbstbewusst bis zur Aufschneiderei. Das Publikum mochte es.

Die nächsten Termine: 6., 10., 13. Juni; Karten unter Tel. (06 81) 3 09 24 86