Zweite Bildungskonferenz im Landkreis

Losheim : Was junge Menschen wirklich wollen

„Wie ticken Jugendliche 2016?“ war das Thema von Christine Uhlmann von der SINUS:akademie am Donnerstag bei der zweiten Bildungskonferenz im Landkreis. Wir haben mit der Erziehungswissenschaftlerin gesprochen.

Der Landkreis Merzig-Wadern ist eine ländliche Region. Unterscheiden sich die Lebenswelten von Jugendlichen in städtischen und ländlichen Regionen? Sticht in den ländlichen Regionen eine Gruppe besonders heraus?

CHRISTINE UHLMANN: Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass es in allen Regionen alle Lebenswelten gibt. Regionale Abweichungen sind natürlich durchaus möglich, vor allem hinsichtlich der quantitativen Ausprägung. Hier müssten wir uns also für Merzig-Wadern in einer eigenen Erhebung die Verteilung vor Ort ganz spezifisch anzuschauen, um diese Frage zu beantworten.

Spannend finde ich aber auch die Frage, wie unterschiedlich Jugendliche aus verschiedenen Lebenswelten mit dem Aufwachsen in einem ländlichen Landkreis umgehen: Die einen finden ihr Leben und ihr Umfeld so wie es ist, wunderbar und wollen dableiben und so wenig wie möglich verändern – das wären nach dem SINUS-Lebensweltmodell die Konservativ-Bürgerlichen.

Expeditive wissen bereits sehr früh, dass sie nach Beenden der Schule auf alle Fälle weg und in eine Stadt ziehen wollen. Und Sozialökologische beginnen beispielsweise sehr früh, Dinge, die ländliche Regionen für sie unattraktiv machen, „anzuprangern“ und sich für eine Verbesserung einzusetzen.

Die Studie belegt bei aller Unterschiedlichkeit der Lebenswelten und Milieus, dass der Wertekanon der Jugendlichen heute nahezu derselbe ist wie bei Erwachsenen. Dem „Mainstream“ anzugehören erscheint den meisten Jugendlichen als erstrebenswert und wird von der Studie als „neue Sehnsucht nach Normalität“ beschrieben. Gibt es überhaupt noch größere Konfliktlinien zwischen den Generationen? Wenn ja, welche sind das?

UHLMANN: In der Tat klingen die Antworten der befragten Jugendlichen nicht nach Generationenkonflikt oder rebellischen Jugendbewegungen. Das liegt nicht allein an der Jugend, sondern auch an der Elterngeneration: Die sieht sich sehr gerne als „jugendlich“, kleidet sich dementsprechend in denselben Modegeschäften ein wie ihre Kinder und hört auch noch dieselbe Musik – wie will man denn da rebellieren?

Jugendliche sind heute vor allem am gegenwärtig Machbaren, das heißt an realistischen Optionen, orientiert und suchen nach Aufgehoben- und Akzeptiertsein und nach Halt. Obwohl die Jugendlichen versiert und kritisch die digitalen Medien nutzen, sehen sie jedoch die Möglichkeiten die digitale Zukunft aktiv zu gestalten eher nicht. Woran liegt das? Was sollte die schulische Medienbildung, aus Sicht der Jugendlichen beinhalten?

UHLMANN: Digitale Kompetenzen sind in den Lebenswelten immer noch unterschiedlich ausgeprägt. Doch gerade sie sind zunehmend relevant für soziale Teilhabe und berufliche Zukunft. Hier einen Ausgleich zu schaffen, und auch diejenigen Jugendlichen mitzunehmen, für die Internet nur ein Unterhaltungsmedium ist, ist eine wichtige Aufgabe der Schulen. Jugendliche selbst wünschen sich von Schulen weniger gefahrenzentrierten Unterricht und mehr Hilfestellungen, wie sie sich sicher und trotzdem frei im Netz bewegen können. Junge Menschen möchten digitale Medien nicht nur nutzen, sondern auch verstehen. Auch ein stärkerer Fokus auf technische Fragen wird deutlich: wie verbindet man Windows mit einem Apple-Handy?

Aus Perspektive der Jugendlichen ist der Höhepunkt der digitalen Durchdringung des eigenen Alltags erreicht. Dahinter steckt bei manchen ein Wunsch nach Entschleunigung, andere geraten geradezu ins Schwärmen, wenn es um „analoge“ Tätigkeiten  geht. Und insgesamt haben Jugendliche nüchterne Visionen, was die digitale Zukunft angeht – ein „noch mehr und noch toller“ ist nicht vorstellbar. „Mehr Internet geht nicht“ – hieß es in einem der Interviews.

Jugendliche finden zurzeit einen Ausbildungsmarkt vor, auf dem die Arbeitgeber um ihre Gunst werben müssen. Auch im Landkreis Merzig-Wadern bleiben Ausbildungsstellen unbesetzt. Was erwarten die jungen Menschen aus den verschiedenen Lebenswelten von einem Arbeitgeber?

UHLMANN: Die Erwartungen an Beruf und Arbeitgeber sind in den unterschiedlichen Lebenswelten sehr verschieden: Adaptiv-Pragmatische erwarten in erster Linie Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten und möchten Möglichkeiten der Karriereplanung aufgezeigt bekommen. Konservativ-Bürgerlichen ist die Wohnortnähe und Familienfreundlichkeit besonders wichtig. Materialistische Hedonisten freuen sich, wenn es im Betrieb mehrere Auszubildende gibt, Experimentalistische Hedonisten legen Wert auf ein sehr gutes Verhältnis zwischen Mitarbeitern, Vorgesetzten und Kollegen. Expeditive möchten gerne ihre eigenen kreativen Ideen einbringen und ausprobieren, Sozialökologische legen Wert darauf, dass der Beruf nicht nur ihren eigenen Neigungen und Fähigkeiten entspricht, sondern auch noch ihren Ansprüchen an CSR. Und Prekäre Jugendliche wüschen sich, den schwierigen und unsicheren Verhältnissen ihrer Herkunftsfamilien zu entkommen und daher ein hohes Einkommen. Diese Aufzählung macht deutlich, wie wichtig es für Ausbildungsbetriebe geworden ist, sich zu überlegen, welche Lebenswelten zu ihnen passen und wie sie sich genau diesen Jugendlichen als attraktiver Ausbildungsbetrieb präsentieren können.

Jugendliche bemängeln auf dem Land insbesondere die schlechte Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Beeinflussen diese Bedingungen die Entscheidung, ländliche Regionen zu verlassen oder spielt dies eine eher untergeordnete Rolle?

UHLMANN: Ich vermute, dass diese Entscheidung weder diejenigen beeinflusst, die auf alle Fälle in der Region bleiben möchten und auch nicht jene, die schon frühzeitig wissen, dass sie Großstadtatmosphäre möchten, wenn nach der Schule ein neuer Lebendabschnitt beginnt. Aber für alle, die noch unentschieden sind und unterschiedliche Szenarien abwägen, schauen natürlich bei ihrer Entscheidung durchaus auf alle Rahmenbedingungen. Wenn „da bleiben“ mit sehr langen Wegzeiten verbunden ist oder mit teuren Fahrkarten zu weit entfernten Berufsschulen, dann ist es meiner Meinung nach nicht verwunderlich, wenn man sich auch Alternativen genauer anschaut.

Fachkräftemangel und Mobilität: Da stellenweise das ÖPNV-Netz nicht gut ausgebaut ist, kann es in ländlichen Regionen auch schwierig sein, die Wege zu Ausbildungsstätten und Berufsschulen zu finden. Welche Maßnahmen sollten Kommunen und Betriebe anpacken, damit eine Ausbildung unter diesem Aspekt attraktiver wird?

UHLMANN: Gerade Konservativ-Bürgerliche Jugendliche, die ja betonen, dass sie sehr gerne in ihrer Heimatregion bleiben möchten, legen großen Wert darauf, dass sie ihre Ausbildungsstätten und Berufsschulen problemlos erreichen können und nicht viel Zeit auf den Wegen verlieren. Materialistische Hedonisten wünschen sich, direkt nach Arbeitsende jugendgerechte Orte vorzufinden, in denen sie den Feierabend genießen können. Sozialökologischen wiederum ist es wichtig, dass sie während der Ausbildung aber auch danach auf ein Auto verzichten können.

Interessierte Zuhörer bei der Bildungsmesse am Donnerstag in Losheim. Foto: Sylvie Rauch

Oft nennen die von uns befragten Jugendlichen Verkehrsanbindung und Wegezeiten auch im Zusammenhang mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist vielleicht für Auszubildende noch nicht das wichtigste Argument, für spätere Fachkräfte aber durchaus – wenn der Takt der öffentlichen Verkehrsmittel es nicht zulässt, nach Öffnung der Kita pünktlich an der Arbeitsstelle zu sein. Wenn man abends die Kinder nur noch schlafend antrifft, da der Bus verpasst wurde und der nächste erst eine Stunde später fährt, ist diese Arbeitsstelle nicht familienfreundlich und damit nicht unbedingt attraktiv. So verschieden diese Wünsche auch sind: Ausbildungsbetriebe und Arbeitgeber sollten sie unbedingt ernst nehmen und für gute Rahmenbedingungen sorgen: Azubi-Tickets, ein Firmenticket, das vielleicht auch noch den Besuch des Lieblingsclubs oder die Fahrt ins Fitnesscenter mit abdeckt und Verbindungen, die auch für den Schichtdienst möglich sind.