Zuwanderer wollen nicht bleiben

Zuwanderer wollen nicht bleiben

Deutschland gilt bei Arbeitssuchenden aus den Krisenländern der EU als erste Adresse. Doch viele bleiben nicht lange hier. Dabei hat sich vor allem die Arbeitssituation zuletzt deutlich verbessert.

Sie gelten als eine der großen Hoffnungen der Bundesagentur für Arbeit angesichts des drohenden Fachkräftemangels: Gut ausgebildete Zuwanderer aus dem Ausland. Doch viele der Migranten aus europäischen Krisenländern kehren Deutschland schon bald wieder den Rücken. Das geht aus dem gestern veröffentlichten Internationalen Migrationsausblick der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor. So ist in den vergangenen Jahren nur jeder zweite Grieche und sogar nur jeder dritte Spanier länger als ein Jahr geblieben.

Die Staaten-Organisation mit Sitz in Paris ermuntert die Politik und die Wirtschaft, mehr zu tun, um Zuwanderern in den Arbeitsmarkt zu helfen. Gerade die Integration hochqualifizierter Menschen könnte der Bundesrepublik viel bringen: "Die potenziellen Mehreinnahmen für den Staat lägen bei über 3,5 Milliarden Euro", rechnen die OECD-Experten vor. Demnach könnten die Staatseinnahmen um etwa 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wachsen, wenn Menschen mit deutschen und ausländischen Wurzeln gleichermaßen auf dem Arbeitsmarkt vertreten wären.

Deutschland braucht dringend dauerhafte Zuwanderung, um dem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken. Anders als in den 60er Jahren, als die Intention war, Gastarbeiter auf Zeit nach Deutschland zu holen und wieder nach Hause zu schicken, wenn der Aufbau erledigt ist, geht es nun darum, Zuwanderer langfristig nach Deutschland zu holen - möglichst gleich mit Kind und Kegel. Nur so kann das Land dem demografischen Schwund entgegenwirken.

Dem OECD-Bericht zufolge erhöhte sich zwischen 2007 und 2011 die Zahl der Einwanderer aus Griechenland um 73 und aus Spanien um knapp 50 Prozent. Kräftige Zuwächse gab es in demselben Zeitraum zudem bei Portugiesen und Italienern (35 Prozent). Im vergangenen Jahr setzte sich die Entwicklung fort: "Vorläufigen Zahlen für 2012 zufolge stieg die krisenbedingte Wanderung vor allem aus Griechenland und aus Spanien weiter an", teilte die OECD mit.

Dass viele der Zuwanderer aber nur kurz bleiben, führt OECD-Experte Thomas Liebig auch auf falsche Erwartungen zurück: Vielfach gebe es Sprachprobleme oder die Leute brächten nicht die geforderten Qualifikationen mit, sagte Liebig. "Das heißt sie kommen, machen vielleicht ein paar Gelegenheitsjobs - haben aber nicht das gefunden, was sie sich eigentlich erhofften", sagte Liebig.

Unter den Migranten, die länger als ein Jahr im Land bleiben, sind vor allem Einwanderer aus den neuen EU-Ländern. Führend sind hier Polen mit 40 Prozent und Rumänien mit 25 Prozent.

Die aktuelle deutsche Debatte über Armutszuwanderung, etwa aus Rumänien und Bulgarien, sieht die OECD hingegen mit Skepsis. "Ich denke, dass Menschen wegen Jobs auswandern und nicht wegen Sozialleistungen", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. "Ein Migrant liefert in der Regel einen positiven Beitrag für das Wohlergehen einer Gesellschaft", unterstrich der Wirtschaftsexperte aus Mexiko.

Gut vier Millionen Menschen wanderten 2011 dauerhaft in die 34 OECD-Staaten ein. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Plus von zwei Prozent, der Zuzug war aber trotzdem geringer als vor der Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise (4,7 Millionen). In Deutschland war der Anstieg so stark wie in kaum einem anderen OECD-Land. Knapp 300 000 Menschen kamen, ein Zuwachs von 68 000 im Vergleich zu 2010.