Zurück zu den Wurzeln

Zurück zu den Wurzeln

In Großbritannien scheint nach harten Krisenjahren ein Umschwung stattzufinden. In diesem Jahr soll die britische Wirtschaft über zwei Prozent wachsen. Dabei besinnt sich das Land auf seine industriellen Wurzeln.

. Dieses Jahr soll das Jahr der Briten werden. So jedenfalls stellt sich das Premierminister David Cameron vor. Er wolle die "Erfolgsgeschichte" in Europa schreiben, kündigte er vor einigen Tagen an. Der britische Aufschwung gibt ihm zumindest teilweise Recht. In diesem Jahr wird die Wirtschaft Prognosen zufolge 2,4 Prozent wachsen - ein europäischer Spitzenwert. Deutschlands Plus wird auf 1,9 Prozent geschätzt. Und schon schlussfolgerte Cameron: "Die Wirtschaft ist über den Berg."

Nachdem das Land, die drittgrößte Volkswirtschaft Europas, über drei Jahrzehnte vor allem auf Finanzdienstleistungen gesetzt hatte und damit in seine vielleicht schwerste Krise gerissen wurde, stehen die Zeichen auf Umschwung.

Reindustrialisierung heißt seit Längerem das Zauberwort. Das Königreich hat seine industriellen Wurzeln wiederentdeckt. Durch eine Rückbesinnung auf die fertigende Industrie soll mehr Wirtschaftsleistung durch das produzierende Gewerbe generiert werden. Noch erbringt der britische Dienstleistungssektor mehr als 70 Prozent der Wirtschaftsleistung. Doch in Zukunft lediglich auf die Finanz- und Servicebranche zu setzen, gilt mittlerweile selbst den Briten als zu heikel. "Wir versuchen, gute Deutsche zu sein", sagte Wirtschaftsminister Vince Cable im Dezember mit Blick auf den starken Industriesektor in Deutschland. In England macht der zurzeit nur elf Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung aus.

Großbritannien ist hochverschuldet. Das Land hat in den Krisenjahren mit Milliardenspritzen strauchelnden, zum Teil auf dem Boden liegenden Großbanken wie der Royal Bank of Scotland zurück auf die Beine geholfen. Zudem hinterließ die jahrelange Vernachlässigung der britischen Fabriken ihre Spuren, vor allem in der maroden Autoindustrie, die von ausländischen Investoren gestützt werden musste.

Damit die Absätze weiter steigen, pumpt die Regierung in den kommenden Jahren umgerechnet etwa 9,5 Milliarden Euro in diesen Sektor. Trotz der positiven Aussichten unterbricht der britische Schatzkanzler George Osborne regelmäßig die Freudenfeiern. Seinen 2010 angeordneten und heftig umstrittenen Sparkurs will er konsequent fortsetzen. "Die Arbeit ist noch nicht getan", betont der Tory-Politiker immer wieder. Man sei noch nicht mal halb fertig.

Deshalb will die britische Regierung in den kommenden Jahren weiter massiv sparen, kündigte Osborne in der BBC an. Er rechnet damit, dass seine Regierung nach den Wahlen im kommenden Jahr drastische Ausgabenkürzungen durchsetzen muss. Umgerechnet rund 30 Milliarden Euro sollen eingespart werden. Um die Finanzierungslücke zu schließen, sind Einschnitte bei den Sozialausgaben wahrscheinlich. Einsparmöglichkeiten sieht er etwa bei Wohnzuschüssen für Besserverdienende oder bei Bustickets für Ruheständler. Großbritannien müsse "sein Schicksal selbst kontrollieren können", sagt Osborne. Dies sei ohne eine erhebliche Senkung der hohen Staats- und Neuverschuldung nicht möglich.

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