Zurück ins Leben

Zurück ins Leben

Saarbrücken. Der Titel deutet den Ernst und die Hoffnung an, von dem der neue Roman von Kathrin Schmidt handelt: Helene Wesendahl hat einen Hirnschlag erlitten und wird sich des Verlustes ihres Sprachvermögens, der Kontrolle über ihren Körper, ihrer Erinnerung bewusst. Es ist kein Geheimnis, dass das Buch der 1958 geborenen Autorin stark autobiographisch ist

Saarbrücken. Der Titel deutet den Ernst und die Hoffnung an, von dem der neue Roman von Kathrin Schmidt handelt: Helene Wesendahl hat einen Hirnschlag erlitten und wird sich des Verlustes ihres Sprachvermögens, der Kontrolle über ihren Körper, ihrer Erinnerung bewusst. Es ist kein Geheimnis, dass das Buch der 1958 geborenen Autorin stark autobiographisch ist. Die Heldin ist Schriftstellerin, hatte vor ihrem Schlag eine auf der Kippe stehende Ehe geführt. Ähnlich wie das Bewusstsein in kleinen Quanten wiederkehrt, enthüllt die Autorin das, was sich in Helenes Kopf langsam wieder sortiert.

Die Autorin entwickelt das Leben nach dem Hirnschlag wie ein Pendel: Es schwingt zurück in eine zunächst unbekannte Vergangenheit. Und es schlägt in eine unklare, sich allmählich mit Perspektive füllende Zukunft aus. Die Mitte der Erzählung ist die Gegenwart im Krankenhaus, angefüllt mit wechselnd distanzierten Beobachtungen der Reha-Maßnahmen. Helene wird nicht wieder völlig gesund, aber aus dem Krankenhaus entlassen. Sie hat ihre Sprache wieder gewonnen - das war der schwierigste Genesungsschritt. Eine schwerkranke junge Frau entdeckt sich selbst wieder und erlangt eine autonome Lebensfähigkeit wieder. Wir nehmen an dem Prozess teil, nehmen Anteil an dem Schicksal dieser Frau, für die die Autorin kein Mitleid einfordert. Wir erfahren die zentrale Bedeutung der Sprache für den Menschen auf eine bewegende Weise mit und schöpfen eigene Hoffnung aus dem für die Heldin wiedergewonnen Wort.

Zum Roman wird diese Geschichte von der schleppenden Genesung nach schwerer Krankheit nicht durch das Gewicht ihres Inhalts. Der verdrängt den sprachlichen und literarischen Gehalt des Buches nicht. Inhalt und Form gehen hier eine glückliche Verbindung ein - wenn man das in diesem Zusammenhang so sagen kann. Der Umgang der Autorin mit der Sprache spiegelt deren Wiedergewinn in Helenes Krankengeschichte. Den stochernden Genesungsschritten entspricht ein abwechslungsreich differenzierter Stil, der sich keine Extravaganzen erlaubt, sondern aus seinem inneren Reichtum die Geschichte beglaubigt - Demut gegenüber dem Schicksal, einer gelingenden Heilung, der schrittweise wiedererlangten Hoffnung: Du stirbst nicht. hal

Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht. Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten, 19,95 €.