Zum Schwingen gebracht

Zum Schwingen gebracht

Eine einfache Handlung politisch aufladen und dabei Ironie gegenüber der eigenen Kunst beweisen: Die Stadtgalerie Saarbrücken zeigt die gerade auf der Biennale in Venedig vertretene Anahita Razmi.

Die 32-jährige Anahita Razmi, in Hamburg geboren und mit iranischen Wurzeln, nimmt sich dieser Stelle in ihrer Biografie an. Jedoch nicht, in dem sie in persönlichen Befindlichkeiten gründelt. Sondern indem sie, wie längst Standard bei aktuellen Performances, das längst historisch gewordene Medium reflektiert, umnutzt und so mit neuer Kraft auflädt. Ihre zwölfteilige Videoinstallation "Roof Piece Tehran" geht auf eine Performance der Choreografin Trisha Brown auf New Yorker Dächern Anfang der 70er zurück. Razmi inszeniert die Bewegungen mit rot gekleideten Tänzern auf Teheraner Dächern. Wohlwissend, dass im Iran Tanz und Performance öffentlich verboten sind. So gelingt es ihr, eine einfache Handlung, durch Ort und Zeit politisch aufzuladen und zum Schwingen zu bringen und eine Wechselwirkung zu erzeugen.

"Halal-Haram" bzw. "Erlaubt-Verboten" changiert es in Rot-Grün in einem Monitor in einem anderen Raum. Darin sind weitere Performance-Zitate, die Razmi nicht einfach übernimmt. Sondern sie setzt sie neu ein, wenn sie sich im reichen Dubai, in Anlehnung an die "Cut Piece"-Performance der ehrwürdigen Yoko Ono, ein Gucci-Kleid vom Leib schnipseln lässt. Oder wenn sie, in Anlehnung an Tracy Emins Zelt, mit den Namen ihrer Liebhaber brachial-erotische Losungen auf Perserteppiche(!) überträgt. Dabei macht sie den kulturellen Unterschied zwischen Achselzucken im Westen und Repressalien im Iran mittels Kunst deutlich. Dem folgt der Aufbau der Schau zwischen zwei Polen: "Roof Piece Teheran", der eine, "Arsenals" mit seinen wie zum Duell gereihten schwarzen Wasserpfeifen vor dem Video einer Rauch speienden Razmi - untermalt mit Talmi-Drama-Sound aus Hollywood-Blockbustern - der andere. Diese Ironie gegenüber der eigenen Kunst muss man sich erst mal leisten können. Anahita Razmi kann das.

Lichtgestalten erzeugt das Team um Lichtkünstler und HBK-Professor Daniel Hausig für die Fassaden der Berliner Promenade, wobei man über die Schulter blicken darf. Im Innenhof der Stadtgalerie agieren in den kommenden Wochen sechs Urban-Artisten aus der Großregion um Kurator Tobias "Mene Tekel" Müller.

Bis zum 1. September; Di - Fr, 12 bis 19 Uhr; Sa, So, Feiertag, 11 bis 19 Uhr. "Light act"-Tests an Berliner Promenade 24. Juni bis 17. Juli, ab 23 Uhr.

Mehr von Saarbrücker Zeitung