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Wo Sterne aufeinander schmettern

Saarbrücken. Kurz, intensiv, aus einem Guss: Kristo Sagor inszeniert die wohl unbegreiflichste Liebesgeschichte der Theaterhistorie. Das Premierenpublikum reagierte am Sonntag mit großer Konzentration – und begeistert. Cathrin Elss-Seringhaus

Wir sind dankbar. Endlich wird die Antike mal nicht auf bequeme Augenhöhe gebracht. Der monströse Mythos der Amazonenkönigin Penthesilea funkelt vor Fremdheit, und wirkt gleichzeitig durchschaubar und klar. Geradezu handlich erlebt man in der Saarbrücker Feuerwache die Geschichte zweier antiker Superhelden, die ihre Liebe in einem mörderischen Machtkampf aufpeitschen und strangulieren. Regisseur Kristo Sagor leuchtet den finsteren archaischen Kern von Heinrich von Kleists Stück "Penthesilea" (1808) meisterlich aus. Seine ausgenüchterte, stilsichere Reduktionsästhetik, die das personenreiche Kolossalstück auf sechs Figuren und zwei hochintensive Stunden eindampft, erinnert an die gefeierte Regie-Handschrift des "Antiken-Meisters" Michael Thalheimer . Sagor macht die dahinjagenden Verse des Gefühlsextremisten und Sprachexzentrikers Kleist, in denen es romantisierend-märchenhaft raunt oder nervös zuckt, nackt und bloß und roh, als stammten sie von Sophokles oder Aischylos . Ein Vorzug? Für die, die Kleists Gedankenstriche suchen, zugleich ein Einwand gegen diese wuchtige und glatte "Penthesilea".

Ohne Zweifel liefert sie uns die wohl großartigsten Bilder, die wir in jüngster Zeit im Staatstheater gesehen haben. Die immense Suggestivkraft resultiert aus einer Bühnenidee von Alexandre Corazzola, die an ein antikes Theater denken lässt. Rechts und links neben einer berückend in Dunkelrot spiegelnden Wasserfläche ragen steile graue Mauerstufen auf - Logenplätze für Penthesileas und Achills Gefolgsleute, die hier riskante Kletterpartien absolvieren, wenn sie Mauerschau-Kommentare abgeben oder das Liebesspiel ihrer Anführer beobachten.

Diese Bühne ist ein großer Wurf, die dezent, aber effektsicher eingesetzte Musik von Felix Rösch sorgt für eine zusätzliche markante Setzung. Hier schreiten Akteure zur Kunst-Anordnung - und können und sollen im Leben nicht ankommen. Drei Kerle tauchen im weißen Smoking auf, drei Mädels in langen grünen Abendkleidern mit Glitzer-Handtäschchen. Zwischen den Geschlechterfronten vor Trojas Toren herrscht kein feindlich-aggressiver, sondern ein provokant-neckischer Party-Ton heutiger Zeit. Wobei die männlichen Darsteller (Klaus Müller-Beck/Odysseus, Sebastian Volk/Diomedes) kaum gegen die Schablonenhaftigkeit ihrer Figuren ankommen. Dem hingegen schafft es Yevgenia Korolow, der Moralinstanz, der Oberpriesterin, mehr als nur Unerbittlichkeit abzupressen: Immer größeres Entsetzen schraubt sich in Stimme und Körperhaltung. Und Saskia Petzold legt mit ihrer handfest-mütterlichen, rustikalen Prothoe ein Kabinettstückchen natürlicher Textdurchdringung hin.

Vier Figuren repräsentieren also die Besonnenheit, die die wohl leidenschaftlichste und brutalste Liebesgeschichte der Theatergeschichte als Kontrastfolie braucht. Kleist lässt in ihr zwei Menschen "wie Sterne aufeinander schmettern". Den stolzen Achill (Cino Djavid), der, seiner Macho-Rolle gemäß, Penthesilea als Beute zu Hause abliefern möchte, und Penthesilea (Sophie Köster), der die Staatsräson keine freie Partnerwahl erlaubt. Sie darf nur lieben, wen sie im Felde bezwungen hat. Es müsste also heftig knistern, ja mörderisch lodern zwischen dem Paar. Tatsächlich klatschen Sophie Kösters nasse Haare wie Peitschenhiebe auf Cino Djavids Körper nieder, Wassertropfen sprühen wie rote Funken. Nebel wallt, archaisches Stammestrommeln ertönt, und Köster heult Gutturales-Musikalisches in ein Mikro, es echot wie im Horrorfilm. Doch diese ästhetisch bezwingenden Momente sind nicht selten größer als das, was uns die Schauspieler vermitteln. Insbesondere Köster hat einen Wackelkontakt zur Rolle. Mal trifft sie den verstörten, verstörenden Kleist-Ton ihrer Heldin, dann wieder kippt sie ins Angestrengte, Aufgesetzte. Köster bläht die Nüstern, bleckt die Zähne, rollt die Augen, doch sie flutet Penthesilea innerlich nicht mit Hysterie, Begierde, Rachedurst. Dem hingegen gewinnt der zierliche Djavid beachtliche Präsenz. Hinter der Fassade eines Latin-Lovers pulsieren Majestät, Klugheit, Zartheit und Unschuld. Achill vertraut Penthesilea blind. Dagegen gibt es für die Kriegerin kein Rettungsmittel . Mit Hunden zerreißt sie, was sie selbst nicht zu geben vermag: unbedingte Liebe.

Termine: 20., 27., 31. März, 3., 11., 31. April; Karten: Tel. (0681) 3092 482.