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Wo die eitlen Fatzkes wohnen

Roland Schimmelpfennig in der Alten Feuerwache. Foto: Dietze
Roland Schimmelpfennig in der Alten Feuerwache. Foto: Dietze
Saarbrücken. Er kommt aus Göttingen und ist der Sohn eines Tierarzt-Ehepaares. Wer diese biografische Erwähnung für Zufall hält, hat nicht richtig zugehört, als Roland Schimmelpfennig, der zweite Preisträger der Saarbrücker Poetikdozentur, eine Szene aus seinem Stück "Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum" (2011) vorlas Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Saarbrücken. Er kommt aus Göttingen und ist der Sohn eines Tierarzt-Ehepaares. Wer diese biografische Erwähnung für Zufall hält, hat nicht richtig zugehört, als Roland Schimmelpfennig, der zweite Preisträger der Saarbrücker Poetikdozentur, eine Szene aus seinem Stück "Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum" (2011) vorlas. Dort geben sich Prinzessinnen, Kolibris und Hirschkäfer ein gespenstisch-skurriles Stelldichein. Hallo, hier spricht der Rätsel- und Märchenonkel der deutschen Bühne aus der Stadt der Brüder Grimm, ruft uns da einer zu. Macht Schimmelpfennig sich über dieses ihm von Kritikern aufgeklebte Etikett lustig? Oder setzt er ein Ausrufezeichen dahinter? Jawohl, Hinter-Sinn ist eine Schimmelpfennig-Spezialität. Nichts, was dieser Autor seinen Figuren in den Mund legt, sollte man un-interpretiert lassen. Auch (fast) nichts, was er selbst sagt an diesem ersten von drei Saarbrücker Vortragsabenden in der Alten Feuerwache. Nur seine nörglerisch-anmaßenden Attacken auf "charakterlose Schweine" und "eitle Fatzkes und Idioten" im "versoffenen, verwöhnten, verschissenen" deutschen Stadt- und Staatstheater-Betrieb muss man nicht auf doppelten Boden hin untersuchen. Es ist dies nur der oft gehörte, Stereotypen-behängte Theater-Verdruss eines Erfolgsverwöhnten. Geschenkt. Schimmelpfennig vermisst bei den deutschen Schauspielern Hunger und Furor und klagt über "flotte" Regisseure im "Show-Biz", die sich als "Bilder-Schaffer" definierten und dabei "Nöte und Konflikte" eines Textes übersähen. Es blieb offen, inwieweit sich der Autor Schimmelpfennig da selbst auf und in den Kopf sieht, wenn er, der Regie studiert hat, mitunter die eigenen Texte inszeniert oder die seiner Frau Justine del Corte.


An diesem Abend war Schimmelpfennig aber vor allem eines: ein schmissiger Rezitator eigener Dramen-Fragmente, die er unvermittelt in seinen Vortrag einflocht. So wurde nachvollziehbar, was diesen Vielgespielten auszeichnet - oder auch der Kritik aussetzt: Alltags-Slang und Magisch-Mythisches verhaken sich merkwürdig bedeutungsschwanger, unter banalen Sätzen reißen ozeanische Tiefen auf. Phrasenhuberei und Heißluft-Poesie hat man ihm vorgeworfen.

Schimmelpfennigs Vortrag folgte dem Prinzip der Collage von Kurz-Belichtetem, das er auch in den Stücken anwendet. Er mixte frühere Interview- und Essay-Passagen mit neuen biografischen Aussagen. Man erfuhr viel. Etwa, dass Schimmelpfennig Salinger, Joyce und Hemingway schätzt, aber weit stärker vom Film beeinflusst ist, von Fellini, Antonioni und Hitchcock. Auch dass "Verdichtung" der Wirklichkeit nicht nur Auslassung bedeutet, sondern leitmotivische Wiederholung einschließt. Im Zentrum des Theaters stehe nicht die Sprache, so Schimmelpfennig, sondern der Mensch. Schimmelpfennig folgt keinen Schreib-Regeln. Er denkt allerdings bereits in "Dialogen und Situationen". Und meint: "Ich falle durch mein Leben wie Alice im Wunderland". Orte und Menschen rauschten an ihm vorbei: "Es geht weiter ohne Antwort. Dass ist haltlos. Wäre es. Ohne Texte." Aber dieser Autor ist kein Luftkutscher. Er trägt massige Schnürboots und hat die Arme am Strickpulli hochgekrempelt - ein bodenständiger Kunst-Handwerker? Auf jeden Fall ein fleißiger Kern-Bohrer.



Auf einen Blick

Im Wintersemester 2011/12 hat die Uni Saarbrücken eine Poetikdozentur für Dramatik eingerichtet: Stückeschreiber geben öffentlich Auskunft über ihren Schreib-Prozess und ihren Begriff von Drama. Erster Preisträger war das Berliner Kollektiv Rimini Protokoll. Partner der Dozentur sind das Staatstheater, die Landeshauptstadt und die Volkshochschule des Regionalverbandes. Schimmelpfennig hält noch zwei Vorträge: 15. Januar, 20 Uhr, Festsaal im Saarbrücker Rathaus, 29. Januar, 20 Uhr, VHS-Zentrum. Eintritt frei. ce