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Emmericher Firma baut Lüftungssysteme
Smarte Luft vom Niederrhein

Multicross installiert seine Lüftungsanlagen überall in Europa. 2015 rüstete das Emmericher Unternehmen das Polizeilagezentrum beim G7-Gipfel auf auf Schloss Elmau aus.
Multicross installiert seine Lüftungsanlagen überall in Europa. 2015 rüstete das Emmericher Unternehmen das Polizeilagezentrum beim G7-Gipfel auf auf Schloss Elmau aus. FOTO: Multicross / Martin Wagenhan
Ein neues Gesetz machte vor zehn Jahren den Weg frei für die Gründung von Multicross. Heute verbaut das Emmericher Unternehmen Lüftungsanlagen überall in Europa – und profitiert von der jungen Firmengeschichte. Von Alexander Triesch

Frank Reimann erinnert sich noch gut an den 7. August 2008. Der Donnerstag war einer der heißesten Tage des Jahres und in Berlin hatte der Bundestag mitten in der Sommerpause das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz, kurz EEWärmeG, beschlossen. Reimann, heute 49 Jahre alt und seit 1995 in der Branche tätig, rief sofort einen Kollegen an, machte ihm einen Vorschlag. Der willigte ein. Und plötzlich war Multicross geboren – keine Sportart, wie man glauben könnte, sondern ein Unternehmen, das Lüftungssystemen entwickelt. Nicht für den Hausgebrauch, sondern hocheffiziente Anlagen für Firmen- und Verkaufshallen, ausgestattet mit Wärmerückgewinnung, und das alles made in Emmerich am Rhein.


„Ich kannte die Branche gut“, sagt Reimann. „Ich wusste, es gibt keine Anbieter, die die neuen Vorgaben des Bundes zu hundert Prozent erfüllen.“ Er wusste auch: Aus dem neuen Gesetz kann man Kapital schlagen. Also verkaufte Reimann alte Firmenanteile und nahm einen Förderkredit für Unternehmer auf. Heutet leitet er die Firma zusammen mit dem Maschinenbauer Peter Kraus. „Wir haben am Anfang gar nicht auf den Markt geschaut“, sagt Reimann. „Wir haben einfach gemacht. Und es hat geklappt.“ Mittlerweile hat Multicross 30 Mitarbeiter, der Vertrieb wird von 13 Service-Standorten im Bundesgebiet gesteuert. Zu den Kunden zählen unter anderem die Deichmann-Gruppe, die Handelskette Snipes und mehrere Möbelhäuser.

Um zu verstehen, was Multicross eigentlich genau macht, müssen wir zurück ins Jahr 2008. Mit dem EEWärmeG will der Bund damals den Ausbau erneuerbarer Energien fördern. Das Gesetz sieht vor, dass der Wärmebedarf von Neubauten anteilig aus nachhaltigen Quellen gedeckt sein muss. Diese Pflicht gilt bereits dann als erfüllt, wenn die Hälfte des Wärme- und Kälteenergiebedarfs eines Gebäudes aus erneuerbaren Energie stammt, in dem Fall: Abwärme.



Multicross nutzt dafür die Wärmerückgewinnung. Dabei kommt das Kreuzgegenstrom-Prinzip zum Einsatz. Bei dem Verfahren wird die thermische Energie der Innenluft genutzt, um Räume im Winter zu heizen und im Sommer zu kühlen. Frischluft von außen wird dabei mit der Innenluft über die Wärmerückgewinnung geführt Das spart den viel Geld. „Unsere Geräte sorgen permanent für Frischluft – und das mit so wenig Energie wie möglich“, sagt Reimann. 2010 – da standen die ersten Prototypen bereits – gründeten Reimann und Kraus dann die Firma. Aus dem Nichts, wie die beiden heute sagen.

Besonders stolz sind die Emmericher auf einen Auftrag für den Modehändler Zalando. In Logistikzentrum in Mönchengladbach hat Multicross insgesamt 27 Belüftungsgeräte verbaut. „Auf einer Fläche von 30 Fußballfeldern tauschen wir dort jede Stunde eine Million Kubikmeter Luft aus“, sagt Reimann. 2015 rüstete das Unternehmen das Polizeilagezentrum beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau aus. Für ein kleines Unternehmens ist das ein beachtlicher Erfolg, das weiß auch Reimann. In der Ostermayerstraße, nur wenige Meter vor der niederländischen Grenze, entwickeln er und seine Kollegen alles aus einer Hand. „Selbst die Software kommt von uns“, sagt der 49-Jährige. Und mit der lässt sich so einiges anstellen. „Die Daten der Anlagen können in eine Cloud geladen werden. So kann der Kunde sehen, ob das Gerät gerade effizient arbeitet – oder, ob die Einstellungen korrigiert werden müssen.“

Der Vorteil eines so jungen Unternehmens: Die Digitalisierung musste nicht erst mühsam durch alle Firmenbereiche getrieben werden. „Wir fingen sofort so digital wie möglich an“, sagt Reiman. Und trotzdem machte man Fehler. „Zu Anfang unterschätzten wir, wie wichtig es ist, Vertrieb und Produktion voneinander zu trennen, wir waren schließlich eine kleine Mannschaft. Jeder machte alles.“ Mittlerweile installiert Multicross die Geräte unter anderem in Bulgarien, Ungarn und Slowenien. Ihre Wurzeln haben Reimann und seine Kollegen aber nie vergessen. Einer der ersten Aufträge führte sie zu einem Gymnasium der Nachbarn, nach Kleve.

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