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Preismanipulationen in Europa
Weitere Millionenstrafe für Lkw-Hersteller

Schwere Jungs: Der Branchenverband der Spediteure geht davon aus, dass für über eine Million Fahrzeuge ein zu hoher Preis gezahlt wurde.
Schwere Jungs: Der Branchenverband der Spediteure geht davon aus, dass für über eine Million Fahrzeuge ein zu hoher Preis gezahlt wurde. FOTO: Patrick Pleul / gms
Brüssel. Die EU-Kommission hat dem Unternehmen Scania wegen unerlaubter Preisabsprachen eine Strafe von 880 Millionen Euro aufgebrummt. Detlef Drewes

14 Jahre lang trafen sich die Manager bei Handelsmessen oder Branchen-Veranstaltungen. Dann bekam die EU-Kommission einen Tipp und schritt 2011 gegen das Kartell der wichtigsten Lkw-Hersteller ein. Am Montag wurde einer der größten Fälle von Preismanipulationen in Europa abgeschlossen: Mit einer weiteren Rekordstrafe gegen das Unternehmen Scania in Höhe von 880 Millionen Euro. Bereits im Vorjahr hatten die übrigen Konzerne Daimler Volvo/Renault, Iveco und DAF einen Vergleich mit der Brüsseler Wettbewerbshörde geschlossen. Sie müssen insgesamt 2,93 Milliarden Euro in die Gemeinschaftskasse zahlen. Nur die VW-Tochter MAN ging straffrei aus, weil die Firma das Kartell hatte auffliegen lassen.



Der Fall gilt auch in der EU-Metropole als besonders eklatant. „90 Prozent aller in Europa verkauften schweren und mittelschweren Lastkraftwagen werden von einem dieser Hersteller produziert“, sagte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager gestern in Brüssel. „Anstatt ihre Preise untereinander abzustimmen, hätten die Lkw-Hersteller miteinander konkurrieren sollen.“ Doch die Manager stimmten offenbar nicht nur die Bruttoverkaufspreise miteinander ab. Auch ein Zeitplan zur Einführung von Emissionstechnologien für mittlere (sechs bis 16 Tonnen) und schwere (über 16 Tonnen) Lkw wurde ausgekungelt. Dabei ging es um die Frage, wann und wie die Fahrzeuge die Abgasnormen der Klassen Euro III bis VI schaffen sollten. Die Preise für die Entwicklung sauberer Motoren gaben die Konzerne an die Kunden weiter, anstatt in einen Wettbewerb miteinander zu treten, lautet ein weiterer Vorwurf der Kommission. Scania hatte sich im Vorjahr geweigert, dem Vergleich beizutreten und bekam deshalb gestern die ganze Härte der EU-Behörde zu spüren.

Beendet ist die Affäre damit noch längst nicht, weil nun die Käufer Geld zurückhaben wollen. Der Wettbewerbsverein des Transportgewerbes hat bereits seine Rechnung vorgelegt: „Geht man von einem Durchschnittspreis von 75 000 Euro pro Lkw und einer Überhöhung des Verkaufspreises von 15 Prozent aus, dann summiert sich der Schaden für unsere Mitglieder auf rund 100 Millionen Euro. Diese Summe fordern wir nun zurück“, sagte der Vorsitzende des Vereins, Kay Espey, schon vor einigen Wochen. Der Branchenverband der Spediteure (BGL) sprach von rund 1,1 Millionen betroffener Fahrzeuge, für die zu hohe Preise gezahlt wurden. Der BGL will die geschädigten Unternehmen (bisher haben sich rund 2000 Firmen gemeldet, die in der fraglichen Zeit 50 000 Fahrzeuge gekauft haben) vor Gericht vertreten. Der Verband geht davon aus, dass die Hersteller die Preise um bis zu 20 Prozent höher angesetzt hatten als eigentlich angebracht.

Die Brüsseler EU-Kommission greift seit vielen Jahren besonders hart durch. Bereits am heutigen Donnerstag steht die nächste Bewährungsprobe an: Dann muss das Internetunternehmen Google seine Suchmaschine zumindest in Europa völlig neu überarbeitet anbieten. Vestager wirft dem Unternehmen vor, bei den Suchergebnissen zahlende Kunden zu bevorteilen und stets an die Spitze der Trefferliste zu setzen. „Wir werden genau beobachten, was heute passiert“, betonte die Kommissarin gestern. Sollte Google unsere Vorgaben nicht einhalten, greifen wir durch.“