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Kurseinbruch nach Urteil in den USA
Bayers Problem heißt Glyphosat

Monsanto wird in den USA zu 250 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Ein Gericht sieht das glyphosathaltige Mittel Roundup als ursächlich für eine Krebserkrankung an. Georg Winters

Seit Jahren wird in Europa über mögliche gesundheitliche Gefahren des Herbizids Glyphosat diskutiert, das der amerikanische Saatguthersteller Monsanto in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf den Markt brachte. Das hat Bayer nicht davon davon abgehalten, umgerechnet 60 Milliarden Euro für die Übernahme von Monsanto zu bezahlen und dafür etliche Auflagen der Wettbewerbsbehörden zu akzeptieren. Jetzt erlebt der Leverkusener Konzern einen neuerlichen Rückschlag: Ein US-amerikanisches Geschworenengericht hat Monsanto zu einer Zahlung von 290 Millionen Dollar (etwa 250 Millionen Euro) an  einen Mann verpflichtet, der seit vier Jahren an Lymphdrüsenkrebs leidet und dafür das glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel Roundup verantwortlich macht.


Der Mann heißt Dewayne Johnson, ist 46 Jahre alt und war als Hausmeister früher auch für die Schädlingsbekämpfung an Schulen zuständig. Seine Klage, die vorgezogen wurde, weil er im Sterben liegt, könnte eine wahre Prozessflut in den Vereinigten Staaten auslösen, die das Thema Glyphosat für Bayer endgültig zum Alptraum machen könnten. Mehrere tausend Amerikaner haben geklagt; allein bei der Kammer des Gerichts in San Francisco, bei der jetzt der Fall Johnson verhandelt wurde, haben mehr als 400 Bauern, Gärtner und Verbraucher Klage eingereicht. Sie werfen Monsanto vor, die Gefahren verschleiert zu haben, und sagen, dass sie durch den Unkrautvernichter das Non-Hodgkin-Lymphom bekommen hätten. Als Non-Hodgkin-Lymphome werden mehrere bösartige Erkrankungen des Lymph-Systems bezeichnet. Für Bayer ist das ein schwer kalkulierbares Risiko, weil der deutsche Konzern in letzter Konsequenz für die finanziellen Folgen haften müsste. Verhandelt werden solche Fälle jenseits des Atlantiks von Geschworenengerichten. Deren Mitglieder sind  in der Regel keine Wissenschaftler, sondern Laien, die emotional entscheiden.

Das verstärkt für Bayer die Gefahr teurer Urteile. Entsprechend „irritiert“ hat der Konzern am Wochenende reagiert.„Das Urteil steht im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, wonach kein Zusammenhang besteht zwischen dem Einsatz von Glyphosat und dem Non-Hodgkin-Lymphom“, sagte ein Sprecher des Konzerns. Der Konzern sei überzeugt, dass Glyphosat „sicher und nicht krebserregend ist“. Seit Jahren berufen sich das Unternehmen und seine Tochter Monsanto auf Hunderte von Studien, die belegten, dass Glyphosat bei sachgemäßem Gebrauch nicht krebserregend sei. Sie verweisen auf das Bundesinstitut für Risikobewertung, das vor Jahren zu dem Schluss kam, dass man täglich 1000 Liter Bier trinken müsste, um die Grenzwerte für Glyphosat zu überschreiten. Und auf amerikanische Umwelt- und europäische Aufsichtsbehörden, die den Einsatz des Pestizids für unbedenklich hielten. Dagegen hatte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) 2015 erklärt, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend bei Menschen“ sei. Und auch Umweltpolitiker argumentieren permanent gegen den Einsatz von Glyphosat.