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ZF-Mitarbeiter fürchten Zeitenwende

Über zwei Millionen Acht-Gang-Getriebe haben die ZF-Mitarbeiter im Saarland gebaut.
Über zwei Millionen Acht-Gang-Getriebe haben die ZF-Mitarbeiter im Saarland gebaut. FOTO: ZF
Saarbrücken. Dass der Technik-Konzern ZF trotz schwarzer Zahlen harte Einsparungen plant, ist seit Wochen bekannt. Doch jetzt erreichen die Pläne eine neue Dimension. Prozesse werden ausgelagert, ein neues Werk in Ungarn soll Saarbrücken demnächst Konkurrenz machen. Die Mitarbeiter sind fassungslos. Fatima Abbas

Wer Matthias Scherer zuhört, spürt sofort: Es brodelt bei ZF. Der stellvertretende Betriebsratschef des Autozulieferers sieht eine "schleichende Entwicklung", die dem Standort Saarbrücken langfristig schaden könnte.



Erst vor wenigen Wochen hatte ZF Sparmaßnahmen angekündigt, in deren Folge Mitarbeiter auf Zuschläge verzichten müssen. Jetzt der nächste Schock: Innerhalb der kommenden zwei Jahre plant das Unternehmen erstmals eine Auslagerung von Dienstleistungen nach Osteuropa. Darüber hinaus soll in Ungarn ein neues Werk für Automatikgetriebe entstehen. "Aufträge werden gegeneinander ausgespielt. Saarbrücken muss gegen den Billigstandort konkurrieren", sagt Scherer. Vor vier Wochen sei der Betriebsrat "vor vollendete Tatsachen" gestellt worden. Ein weiterer Plan ist die Auslagerung der Buchhaltung nach Polen, wodurch laut ZF deutschlandweit zwischen 100 und 120 Arbeitsplätze und 24 Stellen im Saarland wegfallen. "Das war ein Paukenschlag, der nichts mit dem Stiftungs charakter und der Tradition des Konzerns mehr zu tun hat", sagt Scherer.

Ein ZF-Sprecher bestätigte gestern "die Zusammenlegung der europäischen Buchhaltungen von ZF an einem zentralen Standort" und führte dafür Effizienzgründe an. Darüber sei man mit dem Gesamtbetriebsrat in Verhandlungen. ZF begründet die Schritte mit der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit.

Gleichzeitig bestätigte der Konzernsprecher Planungen für ein Getriebe-Werk in Osteuropa. Ein konkreter Standort stehe aber noch nicht fest. Die aktuelle Produktion von 2,4 Millionen Getrieben jährlich am Standort Saarbrücken werde nicht angerührt. Auch betriebsbedingte Kündigungen werde es nicht geben. Vielmehr sollen in Osteuropa "zusätzliche Getriebestückzahlen" produziert werden.

Richtig sei, dass die Unternehmensleitung den Betriebsrat nicht in die Werksplanung einbezogen habe, sie sei aber "frühzeitig informiert" worden.



Die Mitarbeiter hätten für das Vorgehen nur wenig Verständnis, sagt Scherer. In den vergangenen 40 Jahren hätten die Arbeitnehmer Konzernentscheidungen stets mitgestaltet. "Das, was ZF über Jahrzehnte stark gemacht hat, die volle Identifikation mit dem Unternehmen, ist am Bröckeln." Für die weiteren Verhandlungen habe der Betriebsrat erstmals einen zusätzlichen Rechtsanwalt engagiert und eine Markteinschätzung des Standorts Saarbrücken in Auftrag gegeben. Es sei ein offener Prozess, man werde nun die Ergebnisse dieser Studie abwarten.

Auch für die IG Metall sind die Pläne des Konzerns, Prozesse nach Ost-und Mitteleuropa auszulagern, eine Überraschung. Gewerkschaftssekretär Thorsten Dellmann befürchtet, dass in Zukunft auch andere Dienstleistungen ins Ausland wandern werden.