| 20:45 Uhr

Industrie 4.0
Wie ZF sich Vorsprung verschafft

Mit Datenbrille und schnell übermittelten Infos beheben ZF-Mitarbeiter Probleme in der Produktion.
Mit Datenbrille und schnell übermittelten Infos beheben ZF-Mitarbeiter Probleme in der Produktion. FOTO: ZF
Saarbrücken. Mitarbeiter können sich weltweit miteinander vernetzen und Störungen an Maschinen schneller beheben. Von Thomas Sponticcia
Thomas Sponticcia

Auf den ersten Blick sieht alles aus wie Zauberei. Ein ZF-Mitarbeiter im Werk Saarbrücken setzt sich einen Helm und eine Helmkamera auf, bedient seinen I-Pod und nimmt per Skype Verbindung zu seinem Kollegen in Amerika auf. Der versucht gerade, im ZF-Werk Gray Court in South Carolina eine Störung an einer Maschine zu beheben. Beide Kollegen arbeiten nun gemeinsam an der Beseitigung der Störung. So wird Fachwissen zusammengebracht. Gleichzeitig sinken Kosten, denn viele Dienstreisen zur Beseitigung solcher Produktionsstörungen entfallen. Modernste Digitaltechnologie bietet den Mitarbeitern in der Produktion von ZF mittlerweile zahlreiche Hilfen an, wie man im Werk Saarbrücken besonders gut sehen kann.


So hat man hier auch schon eine digitale Wissensdatenbank aufgebaut, in der zahlreiche Arbeitsabläufe inklusive kleiner Filme hinterlegt sind. Jeder Mitarbeiter in der Produktion, an dessen Arbeitsplatz ein größeres technisches Problem auftritt, kann sich sofort in die Datenbank einwählen. Dort stehen ihm zahlreiche Lösungsvorschläge zur Verfügung. Hilft auch das nicht, ist jederzeit eine Direktverbindung zu einem Experten möglich. Trägt der Mitarbeiter eine Datenbrille (Holo Lens), kann man ihm zudem zahlreiche Informationen und Bilder direkt einspielen. Das alles erleichtert die Störungssuche und verkürzt zahlreiche Abläufe. Ein Hauptvorteil des Verfahrens ist, dass der Mitarbeiter sein I-Pod direkt an die Maschine mitnehmen und noch im laufenden Verfahren selbst einen Lösungsvorschlag entwickeln kann. Mit Hilfe dieses Verfahrens können sich verschiedene ZF-Standorte auch zusammenschalten und gemeinsam bestimmte Produktionsabläufe verbessern oder Störungen beseitigen. Klaus-Peter Fritsch koordiniert im ZF-Werk Saarbrücken alle Aktivitäten im Bereich Industrie 4.0. Er hält große Stücke auf die neuen technischen Hilfen, wie er bei einem Besuch von Mitgliedern des regionalen Netzwerkes „Automotive.Saarland“ vor Ort verdeutlichte. So können sich auch schon Maschinen von selbst melden, wenn eine Störung droht. Sie zeigen zugleich an, wann mit der Störung zu rechnen ist.

Einen Hauptvorteil der neuen digitalen Möglichkeiten, die ZF gemeinsam mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken entwickelt, sieht Fritsch darin, die komplette Produktion inklusive aller Produktionslinien miteinander vernetzen zu können. Die Störanfälligkeit einzelner Maschinen sowie ganzer Produktionslinien lasse sich so deutlich verringern. Fritsch sieht allerdings noch eine große Herausforderung. Will man ein ganzes Werk digital miteinander vernetzen, müssen auch alle Maschinen unterei-
nander die gleiche Sprache „sprechen“. Hier seien noch viel zu viele Maschinen mit völlig unterschiedlichen Programmen am Markt. Deshalb müssen sich nach Ansicht von Fritsch die Maschinenbauer und Maschinenlieferanten stärker einbringen, damit einheitlichere Lösungen entstehen.



Auch Hermann Becker, ZF-Chef in Saarbrücken, steht zu den Vorteilen einer konsequenten Digitalisierung im Werk. Die Zunahme der Technik und Beschleunigung von Produktionsabläufen sei nicht dazu da, den Menschen zu ersetzen, sondern ihm zu helfen und die Produktion noch weiter zu verbessern.

Aus Konzernsicht gedacht, müsse der Getriebehersteller ZF natürlich weltweit erfolgreich sein. „Aus regionaler Sicht gedacht möchte ich, dass die Produkte auch weiterhin in Deutschland hergestellt werden, wir hier Wertschöpfung schaffen, hier weiter produzieren und mit unseren Produkten und Herstellungsmethoden an der Spitze bleiben.“ Dabei helfe modernste Technik. Pascal Strobel, Chef des regionalen Netzwerkes „Automotive. Saarland“, unterstützt diese Argumentation. Dank der vielen Forschungsinstitute an der Saar und dem Einsatz modernster Technologien müsse es gelingen, die Industriebetriebe im Saarland nicht nur zu stabilisieren sondern ihren Wettbewerbsvorsprung noch auszubauen. Strobel sieht die Autoindustrie im Land mit ihren Zulieferern gut aufgestellt.