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Kirche und Globalisierung
Was Luther der Wirtschaft zu sagen hat

Martin Luther hat wachsende Unterschiede zwischen Arm und Reich kritisiert. Unser Bild zeigt ein Denkmal von Luther in Wittenberg.
Martin Luther hat wachsende Unterschiede zwischen Arm und Reich kritisiert. Unser Bild zeigt ein Denkmal von Luther in Wittenberg. FOTO: Hendrik Schmidt / dpa
Saarbrücken. Soll sich Kirche heute stärker in Wirtschaft und Gesellschaft einmischen? Darüber diskutierte eine Expertenrunde in Anlehnung an Luther. Von Thomas Sponticcia

Die weitere Globalisierung bringt nach einer Untersuchung wachsende Risiken mit sich. Demnach drohe immer mehr Menschen ein Armutsrisiko. Zugleich versuchen zunehmend reiche Kaufleute sich durch finanzielle Unterstützung ihnen gesonnener politischer Kreise, Vorteile auf wichtigen internationalen Rohstoffmärkten zu verschaffen. Lobbyismus blühe, wachsende Korruption drohe. Auch sei ein Ausnutzen kleiner Leute in Notlagen durch Wucherzinsen zu beobachten. Viele Kaufleute verfolgten nur das Ziel eines maximalen Gewinns, statt auch das Wohl ihrer Mitarbeiter im Auge zu haben.



Man reibt sich die Augen, wenn man die Quelle dieser Betrachtungen sieht: sie ist 500 Jahre alt. Martin Luther hat bereits zu jener Zeit einer beginnenden Globalisierung wirtschaftliche und moralische Zustände kritisiert, die von ihrer Brisanz her bis heute nichts an Aktualität verloren haben. „Beim Gedanken an Gewinnmaximierung oder auch an Wachstum um jeden Preis hätte sich Luther geschüttelt“, ist der Bundesbanker und Historiker Christian Hecker überzeugt. Er suchte auf Einladung der Evangelischen Akademie im Saarland sowie der Volkshochschule im Regionalverband Saarbrücken gemeinsam mit weiteren Experten Antworten auf die Frage, ob es heute angemessen ist, wie zu Zeiten Luthers, sich als Kirche in die Wirtschaft einzumischen. Anlass war das Reformationsjubiläum.

Hecker verweist darauf, dass Zustände wie jene, in denen der damals bedeutendste Montanunternehmer und Banker Jakob Fugger die Wahl von Karl V. zum römisch-deutschen Kaiser finanziell unterstützt und dieser ihm im Gegenzug Monopole für Montanerzeugnisse zugesichert habe, Luther zuwider gewesen seien. Er habe aus einem Akt der Verzweiflung heraus die engen Verbindungen zwischen Kaufleuten und Politik kritisiert, zugleich nach der Verantwortung von Unternehmern gefragt. Es gehe bis heute um die Frage, wozu der Unternehmenszweck dient: dem Wohl aller Mitarbeiter oder nur der eigenen Bereicherung?

Sogleich bieten sich aktuelle Beispiele an. So kritisierte Eugen Roth als Landeschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Diskussion das jüngste Verhalten des Siemens-Vorstandes, trotz schwarzer Zahlen Personal an deutschen Standorten abzubauen. Stahlmanager Albert Hettrich wiederum, Generalbevollmächtigter der SHS Stahl-Holding-Saar, sieht diese Maßnahme eher als vorausschauend und verantwortungsvoll an. Es nutze nichts, wenn Märkte zusammenbrechen und dann Belegschaften ganzer Standorte ihre Arbeitsplätze verlieren. Das Beispiel der Saarschmiede habe gezeigt, dass man durch rechtzeitige Reaktionen Arbeitsplätze retten und nötigen Personalabbau sozialverträglich gestalten kann. Hettrich unterstützt, dass sich die Kirche heute auch zu aktuellen Fragen in der Wirtschaft äußert. Sie solle sich aber nicht in die Tagespolitik einmischen, sondern aufzeigen, welche Verhaltensweisen jeweils bestimmten Werten entsprechen – nach dem Vorbild der Nächstenliebe und im Sinne von Gott. Eine Gesellschaft ohne ein bestehendes Wertegerüst hält Hettrich für zum Untergang verurteilt. Luther sei ein Mann seiner Zeit gewesen, heute verlaufe vieles besser. So verfüge Deutschland über eine unabhängige Justiz. Die soziale Marktwirtschaft liefere die Grundlage für gerechtere Zustände, die Tarifautonomie von Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern stelle sozialen Frieden sicher.

Nach Ansicht des Gewerkschafters Roth kann sich die Kirche nicht aus aktuellen wirtschaftlichen Debatten heraushalten, etwa dem wachsenden Armutsrisiko. Sie habe die soziale Verpflichtung, immer wieder darauf hinzuweisen, dass man auch die Schwächeren in der Gesellschaft mitnehmen muss. Sie sei auch gefordert, wenn es darum geht, wie im Zeitalter der Digitalisierung eine menschengerechte Gesellschaft aussehen kann.



Peter Mörbel, Landespfarrer an der Evangelischen Akademie im Rheinland, sieht die Kirche in einer komplizierten Lage. Viele Mitglieder forderten von ihr, sich um ihr Kerngeschäft zu kümmern und aufzuzeigen, was Gott jeweils unter Nächstenliebe versteht. Das Tagesgeschäft solle die Kirche Unternehmern sowie Politikern überlassen mit dem Hinweis darauf, „dass die selbst einen Kopf zum Denken haben“, sagte Mörbel. Die Kirche habe ein großes Interesse an sozialer Gerechtigkeit. Sie beteilige sich an der Debatte, wie man diese im Sinne Gottes und im Sinne der Nächstenliebe umsetzen kann. Leider müsse man aber auch zur Kenntnis nehmen, dass sich seit Luther etwas Wesentliches bis heute nicht verändert hat: „Die reale Welt ist Egoismus.“