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Arbeitsmarkt
Vollbeschäftigung bleibt ein fernes Ziel

Der Gang zur Arbeitsagentur bleibt immer mehr Menschen erspart. Doch die Arbeitslosigkeit ist regional noch immer sehr unterschiedlich.
Der Gang zur Arbeitsagentur bleibt immer mehr Menschen erspart. Doch die Arbeitslosigkeit ist regional noch immer sehr unterschiedlich. FOTO: picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck
Nürnberg. Der Arbeitsmarkt brummt. Dennoch sind immer noch 800 000 Menschen seit mehr als einem Jahr ohne Beschäftigung.

Die Arbeitslosigkeit steuert inzwischen unter die Marke von 2,3 Millionen Menschen. Die Quote könnte bald unter fünf Prozent fallen, und die Auftragsbücher vieler Unternehmen sind weiterhin voll. Der deutsche Arbeitsmarkt brummt – und das trotz wachsender Handelskonflikte und Konjunkturskepsis. Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland kennt seit Jahren nur einen Trend: Nach unten. Und das wird sich in naher Zukunft auch nicht ändern, sind sich Fachleute sicher.


Längst hat sich die Bundesregierung die Vollbeschäftigung als Ziel auf die Fahne geschrieben. Doch der Weg dahin ist noch weit und vor 2030 auch kaum realistisch, sagt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Gilt hier also das alte Konfuzius-Zitat, der Weg ist schon das Ziel? Denn eine gewisse Anzahl arbeitssuchender Menschen lässt sich Experten zufolge nicht vermeiden.

Was ist also gemeint mit Vollbeschäftigung? Die schwarze Null ist es nicht. Rein rechnerisch sprechen Volkswirte schon bei einer Arbeitslosenquote von zwei bis drei Prozent von Vollbeschäftigung. Das entspräche etwas mehr als einer Million Arbeitslosen. Andere sehen Vollbeschäftigung schon bei einer Quote von bis zu vier Prozent. „Die eine Definition gibt es nicht“, sagt IAB-Prognose-Chef Enzo Weber. Amtliche Werte gebe es nicht.



In einer IAB-Studie definiert Weber Vollbeschäftigung als Zustand, in dem alle Menschen, die arbeiten können und wollen, auch Arbeit bekommen. Das heiße jedoch nicht, „dass alle gleichzeitig immer Arbeit haben“, sagt Weber. Das könne nur erreicht werden, wenn man alle Leute in irgendwelche Jobs presse. „Das ist aber nicht der Sinn eines Arbeitsmarkts.“ Dieser müsse die richtigen Leute mit den richtigen Qualifikationen zu den richtigen Stellen bringen. „Diese passenden Jobs zu finden, braucht seine Zeit.“

Denn auch in einem Land mit äußerst guter Beschäftigungslage gibt es ständig Zu- und Abgänge am und vom Arbeitsmarkt. Menschen kündigen, melden sich arbeitslos und suchen nach einem neuen Job. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, spricht von etwa jeweils rund 600 000 Menschen pro Monat, die sich an- und abmelden.

Bis sie einen neuen Job gefunden haben, können Wochen und Monate vergehen. In solchen Fällen sprechen Fachleute von Sucharbeitslosigkeit, wie Weber erklärt. „Das ist aber keine Arbeitslosigkeit, die man auf Teufel komm raus drücken muss“ sagt er.

Schwierig werde es bei der Langzeitarbeitslosigkeit, die durch fehlende Qualifikationen oder gesundheitliche Einschränkungen zustande kommt. „Die wirklich reine Vollbeschäftigung, in der es nur Sucharbeitslosigkeit gibt, die werden wir niemals haben, weil soziale und ökonomische Probleme immer auftreten werden“, sagt der Experte.

Rund 800 000 Menschen in Deutschland sind laut BA aktuell seit einem Jahr oder länger ohne Job. Einen baldigen Rückgang könnte der für 2019 geplante soziale Arbeitsmarkt bringen. Dort sollen bundesweit öffentlich geförderte Jobs entstehen, die für Langzeitarbeitslose ohne echte Chance einen Wiedereinstieg bedeuten könnten. Das IAB rechnet damit, das die Zahl der Langzeitarbeitslosen über kurz oder lang dadurch um 200 000 sinken könnte.

Ein Turbo auf dem Weg zur Vollbeschäftigung ist der soziale Arbeitsmarkt nach Ansicht von Weber und IAB-Chef Joachim Möller aber nicht. „Das ist etwas für Menschen mit ganz gravierenden Problemen – ein begrenzter Bereich also“, sagt Weber.

Für Möller sind auf dem Weg zur Vollbeschäftigung die regionalen Unterschiede bei der Arbeitslosigkeit weiterhin viel zu groß. In Bayern und Baden-Württemberg habe man bereits quasi das Ziel der vollen Beschäftigung erreicht. In Ruhrgebietsstädten wie Gelsenkirchen und Essen sehe die Lage dagegen ganz anders aus. „Da sind wir weit entfernt von Vollbeschäftigung“, so Möller.