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Nach dem Abgang der Chefs
Führungskrise bei Thyssen-Krupp

Ex-Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger (l) und Ex-Aufsichtsratschef Ulrich Lehner: 2016 waren sie noch im Konzern aktiv.
Ex-Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger (l) und Ex-Aufsichtsratschef Ulrich Lehner: 2016 waren sie noch im Konzern aktiv. FOTO: dpa / Rolf Vennenbernd
Essen. Der Industriekonzern sucht zeitgleich nach einem Vorstands- und Aufsichtsratschef. Gleichzeitig droht ein weiterer Stellenabbau. dpa

Beim Industriekonzern Thyssen-Krupp sind gleich zwei hoch dotierte Posten frei. Seit rund zwei Monaten läuft die Suche nach neuen Chefs für Aufsichtsrat und Vorstand bei dem Stahlkonzern. In Medienberichten wird bereits über reihenweise Absagen spekuliert. Auch nach einer vor wenigen Tagen angesetzten Aufsichtsratssitzung konnte der Öffentlichkeit kein Kandidat präsentiert werden.


Zuvor hatten Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner kurz hintereinander ihre Jobs überraschend hingeworfen. Mit dem früheren Telekom-Chef René Obermann hat unterdessen ein weiterer Aufseher das Kontrollgremium verlassen.

Der Job ist aktuell auch nicht sehr attraktiv: Gleich an mehreren Fronten müssten die neuen Chefs aktiv werden: Als Sorgenkind gilt die schwächelnde Sparte Anlagenbau und auch die kurz vor seinem Abgang noch von Hiesinger eingefädelte Stahlfusion mit Tata ist noch nicht vollzogen. Im Anlagenbau hat das Unternehmen gerade einen weiteren Stellenabbau angekündigt. Schon 2017 hatte der Konzern die Streichung von bis zu 2000 Stellen in der Anlagen- und Schifffahrtsparte avisiert. Insgesamt arbeiten im Geschäftsbereich Industrial Solutions mehr als 21 000 Menschen. „Derzeit überprüfen wir, ob der Personalabbau angesichts der veränderten Marktperspektiven ausreichend ist“, sagte gestern ein Unternehmenssprecher



Nach Einschätzung von Personalberater Wolfram Tröger wartet auf die Kandidaten derzeit tatsächlich eine Art „Feuerstuhl“. Noch sei in dem in eine Führungskrise geratenen Konzern keine ausreichend starke Persönlichkeit in Sicht, die in der Lage sei, die Interessen innerhalb der Gesellschafter zu ordnen, so der Chef der Frankfurter Personalberatung Tröger & Cie und Vorsitzende des Fachverbands Personalberatung im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. Im Zweifelsfall könne jedoch auch ein Sanierer antreten. Realistischerweise müsse man für die Neubesetzung derartiger Chefposten jedoch einen Zeitraum zwischen zwei und vier Monaten einplanen, sagte Tröger. Fraglich sei nur, ob bislang die Zeit sinnvoll genutzt worden sei.

Doch die aktuellen Probleme dulden eigentlich keinen Aufschub: Weil der als Interimschef eingesetzte langjährige Finanzchef Guido Kerkhoff kein Mandat für eine neue Strategie hat, bleibt die wichtige Neuordnung in der Warteschleife.

Thyssen-Krupp steht unter Druck. Wegen der anhaltenden Schwäche im Anlagen- und Schiffsbau sowie Problemen bei Großprojekten hatte der Konzern Anfang August seine Prognose senken müssen. Kerkhoff kündigte daraufhin einen „tiefgreifenden Umbau“ der Sparte an. Die Aufstellung müsse an die veränderten Marktbedingungen angepasst und die Kosten gesenkt werden, erklärte er damals.

Klarheit über die weitere Strategie könne allerdings erst nach der Lösung der Personalfrage erzielt werden, urteilen Analysten. Die Credit Suisse bezeichnet die Vorstandsfrage als Kernproblem des Unternehmens. Der Druck aller Beteiligten habe zugenommen, stelle Holger Fechner von der Nord-LB fest.

Neue Chefs, sollten sie gefunden sein, müssen sich auch mit starken Kräften im Kreis der Eigentümer auseinandersetzen. Eine gewichtige Rolle spielt neben der Krupp-Stiftung der Großaktionär Cevian, der zuvor monatelang Druck auf das Management ausgeübt hatte und einen schnelleren und radikalen Umbau des Konzerns fordert – flankiert wird Cevian bei dieser Forderung vom Hedgefonds Elliott des US-Milliardärs Paul Singer.