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So rockt der Jedermann

Ein Mann spielt alle Rollen: Philipp Hochmairs „Jedermann"-Solo-Projekt. Foto: Dietze
Ein Mann spielt alle Rollen: Philipp Hochmairs „Jedermann"-Solo-Projekt. Foto: Dietze FOTO: Dietze
Saarbrücken. Kann man sich an ihm satt sehen? Philipp Hochmair steht als Marke für exzessive Bühnen-Alleingänge. Bereits zwei Mal war er bei den Saarbrücker Perspectives mit Solo-Auftritten zu Gast. Nun kam er am Montagabend mit „Jedermann Reloaded“ wieder – mit überraschend unverbrauchten Energien. Cathrin Elss-Seringhaus

Wenn eine Band "Elektrohand Gottes" heißt und sich Hugo von Hofmannsthals Salzburger Mysterienspiel-Ikone vornimmt, was sagt einem das? Das Versprechen lautet, dass da Leute mit einer gesunden Portion Unverfrorenheit und Selbstironie an das bitterernste christliche Bekehrungsstück vom "Sterben des reichen Mannes" (1911) herangehen - und mit einem ziemlichen Ego.


Klar doch, denn Philipp Hochmair ist der Bandleader, ein kraftvoll-charismatischer Schauspieler, früher sprach man von einer "Rampensau" - ein Kompliment. Und es hieße, Hochmairs Temperament und Talent zu verkennen, vor allem aber seine Rolle als Frontmann einer dreiköpfigen Band misszuverstehen, wollte man ihm Eitelkeit vorwerfen. Denn Hoffmannsthals Klassiker wird in Hochmairs "Jedermann Reloaded"-Version zur Rock-Sprechoper: druckvoll, effektverliebt, emotionsgetrieben. Da darf es schon mal ein bisschen wirr und penetrant zugehen. Und beschweren sollte man sich auch nicht, wenn nicht jeder einzelne Knittelvers durch das E-Bass-Gewummer, den Harmonium-Hall und das Gezirpe einer Säge dringt. Bei Rocksongs bestehen wir ja auch nicht auf Textverständlichkeit. Und die formidable Soundkulisse, sie strafte die Ankündigung von einem Hochmair-Solo sowieso Lügen: Die Musik (Tobias Herzz Hallbauer, Jörg Schittkowski) ist ein starker Mitspieler. So war denn dieser Abend ein Fressen für alle Liveshow-Fans, zugleich eine Frustration für Bühnen-Perfektionismus-Liebhaber. Es herrschte eine Hierundjetztundalles-Atmosphäre, die am Ende nicht wenige Zuschauer im Saarbrücker Staatstheater aus den Sitzen riss.

Auf den ersten Blick erzeugt dieser "Jedermann" eine frappierende Gegenwärtigkeit und Rotzigkeit, zugleich schleppt er weiterhin das kreuzbrave Prädikat "pädagogisch wertvoll" mit sich rum. Denn der Plot läuft unverändert. Auch bei Hochmair schleudert der Tod einen reichen Lebemann aus der Genussbahn und der Selbstgewissheit, und führt den um Aufschub Bettelnden zum Glauben zurück.



Rot flackern die Friedhofs-Lichtchen auf der Bühne, Hochmair agiert mit ruppig-rustikaler Körperlichkeit, zeigt viel nackte Haut unterm Lurex-Jackett, greift sich in den Schritt, gibt den Charmebolzen und den Rabauken, durchwühlt und durchpflügt die Gefühlslagen - und hält dennoch eine bewundernswerte Disziplin. Denn nirgendwo schrumpft dieser empathieunfähige Jedermann zu einer bösen Parodie, sondern bleibt ein Vollblutcharakter. Ein Glückskind und Selfmade-Typ, dem zu viel Gutes widerfuhr, als dass man ihm seine Hybris vorwerfen könnte.