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Neues Projekt
Saarland testet Fahrten ohne Busfahrer

Einige Verkehrsunternehmen testen schon selbstfahrende Fahrzeuge – wie hier die Genfer Verkehrsbetriebe auf einer städtischen Linie.
Einige Verkehrsunternehmen testen schon selbstfahrende Fahrzeuge – wie hier die Genfer Verkehrsbetriebe auf einer städtischen Linie. FOTO: dpa / Salvatore Di Nolfi
Saarbrücken. Großprojekt mit Hilfe der EU soll den vollautomatischen Einsatz von Elektrobussen im Pendlerverkehr ermöglichen. Von Thomas Sponticcia
Thomas Sponticcia

Im Saarland findet zu Beginn des neuen Jahres eine kleine „Revolution“ im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) statt. Als einer der ersten Regionen überhaupt werden im Rahmen eines von der Europäischen Union (EU) mit finanzierten Großprojektes unter dem Namen „Terminal“ Einsatzmöglichkeiten vollautomatischer Busse getestet. Es geht um vollautomatische kleine Elektrobusse für rund 15 Fahrgäste.


Um möglichst optimale, störungsfreie Testbedingungen zu haben und auch keinen Individualverkehr in Ballungsräumen zu behindern, wurde extra eine Teststrecke mit wenig Verkehr ausgewählt: die Verbindung vom Industriegebiet Häsfeld in Überherrn zum benachbarten Creutzwald in Lothringen. Das hat zudem den Charme, dass bei dem Projekt mehrere internationale Partner mit ins Boot genommen werden: Frankreich und das Großherzogtum Luxemburg. Und das erleichtert die Finanzierung des Großprojektes, das zunächst auf drei Jahre ausgelegt ist.

Professor Horst Wieker von der Forschungsgruppe Verkehrstelematik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) ist einer derjenigen, die das Projekt federführend mit betreuen. „Es geht in dem Projekt nicht darum, Busfahrer wegzurationalisieren. Die werden weiter gebraucht.“ Vollautomatisierte Elektrobusse könne man aber in bestimmten Regionen für den Pendlerverkehr einsetzen, vor allem jedoch die Versorgung in ländlichen Gebieten deutlich verbessern, auch nachts und an Sonntagen, wo in bestimmten Räumen kaum oder keine Busse fahren. Junge Menschen könnten so beispielsweise länger ausgehen, ältere Mitbürger bekämen mehr Flexibilität, um Besorgungen besser zu erledigen oder mehr Freizeitangebote wahrzunehmen. Vollautomatische Busse könnten auch touristische Aushängeschilder besser an das Verkehrsnetz anbinden. Generell soll das Großprojekt neue Möglichkeiten der Mobilität testen.



Aus den Erfahrungen der nächsten Monate und Jahre sollen Handlungsempfehlungen für die Betreiber des Öffentlichen Personennahverkehrs, die Politik und die Busunternehmen hervorgehen. Beteiligt sind zahlreiche Partner, darunter die HTW, das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Verkehr, die Communauté du Warndt, das Département Moselle, die Region Grand Est sowie die Gemeinde Überherrn. Zunächst müssen die unterschiedlichen technischen Normen in Deutschland und Frankreich berücksichtigt werden. Das Fahrzeug muss jederzeit alle technischen Anforderungen beiderseits der Grenze beherrschen. Es muss alle Verkehrsregeln erkennen, verstehen und ständig umsetzen. Weiterhin muss auch die Strecke, auf der der Bus  fahren soll, technisch aufgerüstet werden. Denn der Bus muss riesige Datenmengen verarbeiten können. Deshalb ist die Teststrecke auch eine Herausforderung für die Mobilfunknetze diesseits und jenseits der Grenze. Hier können die „Macher“ des Projektes auch auf Testerfahrungen mit autonom fahrenden Autos zurückgreifen, deren Möglichkeiten im Rahmen eines Testfeldes zwischen Merzig und Luxemburg getestet werden. Da hier ebenfalls enorme Datenmengen verarbeitet werden müssen, damit die Fahrzeuge jederzeit zuverlässig sind, setzen die Projektpartner auf das neueste Mobilfunknetz 5G, das ein deutlich höheres Tempo in der Datenübermittlung ermöglicht als gegenwärtig.

Hier hilft ein weiteres Projekt der EU, das zum 1. November 2018 gestartet ist und der Großregion Saarland, Frankreich, Luxemburg neue technologische Vorteile bringt. So wirken an diesem Projekt mit dem Namen „5GCroCo“ europäische Mobilfunkanbieter, Autohersteller sowie zahlreiche renommierte Industrieunternehmen mit, die über Ländergrenzen hinweg kompatible, neue, vernetzbare Mobilitätsdienste entwickeln sollen. Mit Unterstützung der jeweiligen Straßenverkehrsbehörden sowie der jeweiligen nationalen Regierungen. Es warten noch zahlreiche Herausforderungen. Professor Wieker verweist beispielsweise auf die Anforderung, die Fahrten mit vollautomatischen Elektrobussen so zu überwachen, dass nicht in die Privatsphäre des Menschen eingegriffen wird. Heißt konkret: Wer greift zum Beispiel ein und hilft, wenn einem Fahrgast plötzlich schlecht wird? Ein Busfahrer ist ja dann nicht an Bord. Schon in zwei bis drei Jahren sollen verlässliche Erkenntnisse vorliegen. Auch darüber, welche Elektronik entlang der Strecke vorhanden sein muss.