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Streik im öffentlichen Nahverkehr
Busfahrer wollen echte Wertschätzung

Die Fahrer in Saarlouis wünschen sich unter anderem eine Annäherung der verschiedenen Tarifverträge im Betrieb.
Die Fahrer in Saarlouis wünschen sich unter anderem eine Annäherung der verschiedenen Tarifverträge im Betrieb. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken/Saarlouis. Bei den kommunalen Busunternehmen im Saarland blieben gestern die Fahrzeuge auf dem Hof. Landesweit waren die Fahrer im Warnstreik. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Bei der Frage, worum es bei dem Streik der Busfahrer geht, nennt Ömer Dogan ein Beispiel: „Wenn ich mit meinen beiden Kindern im Sommer mal ein Eis essen möchte, ist das keine Erfrischung, das ist ein Luxus. Drei Kugeln Eis für über einen Euro, das ist eine Ausgabe, über die ich schon nachdenken muss.“ 1500 Euro netto habe er pro Monat. Wenn er die Kosten für Miete, Versicherung und Auto herausrechne sind, blieben noch 300 bis 400 Euro zum Leben. „Das ist nicht viel“, sagt Dogan, der bei der KVS in Saarlouis Bus fährt. Schon gar, wenn es darum gehe, jungen Menschen den Beruf schmackhaft zu machen.


Doch es ist nicht nur das Geld. Seine Kollegin, Ruth Bourgeois, nennt untragbare Arbeitsbedingungen mit Überstunden, geteilten Schichten und zahlreichen Zusatzdiensten als ein weiteres Argument für die Unzufriedenheit der Busfahrer. Und auch als einen Grund, warum es immer schwieriger wird, Nachwuchs zu finden. Tatsächlich haben die Verkehrsbetriebe Mühe, genug Personal zu bekommen, um den Betrieb am Laufen zu halten. In Saarbrücken sind wochenlang immer wieder Schüler stehen geblieben, weil Schulbusse nicht fuhren.

Zu geringe Entlohnung, schwierige Arbeitszeiten, viele Überstunden und Sonderschichten – für Verdi-Verhandlungsführer Christian Umlauf sind das Faktoren, die den Beruf der Busfahrers immer unattraktiver machen. Die Gewerkschaft hat angekündigt, in den aktuellen Tarifverhandlungen vor allem für bessere Arbeitsbedingungen zu streiten. Der Job des Busfahrers müsse aufgewertet werden. Es müssten Bedingungen geschaffen werden, die junge Menschen dazu bewegen, sich wieder für diese „verantwortungsvolle Tätigkeit“ zu bewerben. „Wir wünschen uns die Bereitschaft bei den kommunalen Arbeitgebern, etwas für diesen Beruf zu tun“, sagt er.



Diese Bereitschaft allerdings sieht er nicht. Und deshalb hat die Gewerkschaft gestern die 900 Mitarbeiter der kommunalen Verkehrsbetriebe in Saarlouis, Völklingen, Saarbrücken und Neunkirchen zum Ausstand aufgerufen. Chaos im Schulbus- und Pendelverkehr soll, so die Hoffnung von Verdi, die Verhandlungsbereitschaft erhöhen.

Streik Busfahrer FOTO:

Barbara Beckmann-Roh, Geschäftsführerin des Kommunalen Arbeitgeberverbandes, entgegnet, dass die Forderung der Gewerkschaft, „die Branche attraktiver zu gestalten“ keine Basis für Manteltarifverhandlungen sei. „Das ist nicht sehr konkret“, sagt Beckmann-Roh angesichts der Verdi-Forderungen. „Uns würde schon interessieren, was Verdi genau will.“ Darüber könne man dann auch reden. Bei der Entlohnung jedenfalls hätten die Arbeitgeber bereits ein Angebot gemacht. Dieses habe unter anderem mehr Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie eine Möglichkeit enthalten, Busfahrer ohne einschlägige Berufsausbildung höher zu gruppieren. Bei Verhandlungen gehe es um Fakten. „Die Branche attraktiver machen“, das sei doch sehr wolkig.

Bei der Frage, was die Branche attraktiver machen würde, nennen die Busfahrer vor allem eine ausreichende Personalausstattung. Aber auch – beispielsweise in Saarlouis – weniger Tarifunterschiede im Betrieb. Teilweise lägen diese Unterschiede zwischen Alt- und Jungfahrern bei 1200 Euro, sagt Günter Schmitt. Hier müsse angeglichen werden. Beckmann-Roh erwidert, dass eine Aufwertung unterer Tarifgruppen bei geringerem Zuwachs der Altverträge bisher abgelehnt wurde. „Das kam bei den älteren Mitarbeitern auch nicht so gut an“, sagt sie.

Peter Edlinger, Geschäftsführer der Stadtwerke Saarbrücken, die den ÖPNV in Saarbrücken verantworten, kritisiert die Verdi-Aussage, die Gehälter seien zu gering. Das Einstiegsgehalt liege bei der Saarbahn bei 2500 Euro brutto. Außerdem gebe es noch Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit sowie für Überstunden. Er widerspricht auch der Aussage, es sei nicht möglich, neue Busfahrer zu bekommen. Die Saarbahn habe sogar gerade 60 Busfahrer zusätzlich eingestellt. Und die Nachwuchsprobleme seien nicht größer als in anderen Branchen. Letztlich könne aber auch nicht mehr Geld ausgegeben werden, als es den Betrieben zur Verfügung stehe. „Wir müssen auch wirtschaftlich arbeiten“, sagt Stadtwerke-Chef Edlinger.

Umlauf sieht hier denn auch die Politik in der Pflicht. Der Öffentliche Nahverkehr müsse finanziell letztlich besser ausgestattet werden. „Es kann nicht sein, dass wir politisch darüber diskutieren, dass der Nahverkehr attraktiver werden muss, gleichzeitig aber nicht bereit sind, dafür auch das Geld in die Hand zu nehmen.“ Auch Beckmann-Roh stimmt zu, dass es in dieser Sache möglicherweise einer politischen Diskussion bedarf.

Das Busdepot in Saarbrücken war gestern das Zentrum der Streikmaßnahmen. Hierher kamen Fahrer aus dem gesamten Saarland.
Das Busdepot in Saarbrücken war gestern das Zentrum der Streikmaßnahmen. Hierher kamen Fahrer aus dem gesamten Saarland. FOTO: Oliver Dietze