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Mangel im ÖPNV
Rehlinger macht Bus-Notstand zur Chefsache

Die saarländische Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger will neue Zielgruppen ansprechen.
Die saarländische Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger will neue Zielgruppen ansprechen. FOTO: dpa / Oliver Dietze
Saarbrücken. Eine Taskforce soll Konzepte entwickeln, um im Saarland neues Personal für den Busverkehr zu gewinnen. Im Fokus stehen Ältere und Flüchtlinge. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) will eine Taskforce einsetzen, um Lösungen gegen den massiven Personalmangel bei den Busfahrern zu entwickeln. Am Montag kamen deshalb Vertreter von mehr als einem Dutzend Verkehrsunternehmen im Wirtschaftsministerium zusammen, um entsprechende Maßnahmen zu diskutieren.


Der Notstand bei den Busfahrern ist längst auch bei den Fahrgästen angekommen. In Saarbrücken waren über Wochen immer wieder Busse ausgefallen – ein Problem, das zahlreiche Schüler und Arbeitnehmer zu spüren bekamen, wenn sie morgens vergeblich auf den Bus warten mussten. Die Saarbahn hat nun mit einem Notfahrplan reagiert. 16 von 42 Linien sind ausgedünnt, um mit weniger Fahrern zwar einen weniger häufigen aber dafür zuverlässigen Busverkehr zu ermöglichen.

Die Gewerkschaft Verdi bemängelt seit Monaten die Zustände, sowohl bei privaten als auch bei kommunalen Unternehmen des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Die Kollegen würden immer wieder zu Extra-Schichten einbestellt, weil Kollegen ausgefallen waren. Zahlreiche Überstunden seien ebenso die Folge wie erhebliche Einschränkungen in der Freizeitplanungen, weil es keine zuverlässigen freien Wochenenden gebe.



Die Taskforce aus Arbeitsmarkt-Experten des Ministeriums und Vertretern der Verkehrsunternehmen sollen nun konkrete Maßnahmen zur Personalrekrutierung entwickeln. „Der Arbeitsmarkt gibt keine Busfahrer mehr her“, sagt Rehlinger. Und es hätte auch keinen Sinn, wenn sich die Unternehmen gegenseitig Busfahrer abwerben, weil der Mangel auf diese Weise nur verschoben wird. Deshalb müsse es jetzt darum gehen, neue Zielgruppen anzusprechen, auszubilden und zu qualifizieren.

Potenzial sehen die Verkehrsunternehmen unter anderem bei älteren Arbeitnehmern, aber auch bei geflüchteten Menschen. Sie könnten für die Arbeit als Busfahrer qualifiziert werden. Bei den Geflüchteten wären ergänzende Sprachkurse sinnvoll.

Für die Integration Geflüchteter in den Arbeitsmarkt gibt es aus Sicht des Wirtschaftsministeriums bereits Erfolgsbeispiele. So starteten im vergangenen Mai zwanzig Ingenieure mit Fluchthintergrund eine Weiterbildung in der Energie- und Wasserwirtschaft. „Nach diesem Vorbild könnte auch ein Qualifizierungsprozess für Busfahrer im ÖPNV aussehen“, sagt Rehlinger. Das Projekt wurde von den Jobcentern, der Wirtschaft, dem Ministerium und der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit koordiniert.

Rehlinger zufolge besitzen 3000 Menschen im Saarland einen Busführerschein, aber nur 2000 seien auch als Busfahrer im Einsatz. Ein Grund dafür seien unter anderem die Arbeitsbedingungen. Diese stehen schon lange in der Kritik der Gewerkschaft Verdi. Busfahrer müssen nicht nur frühmorgens, spätabends und an Wochenenden fahren, häufig haben sie, vor allem bei den privaten Busunternehmen, sogenannte geteilte Schichten. Bei ihnen fährt ein Busfahrer mehrere Stunden, beispielsweise im Schülerverkehr, hat dann eine mehrstündige Pause, um dann noch einmal mehrere Stunden zu fahren. Die Pausen allerdings werden nicht vergütet, sondern als Freizeit behandeln. Hier fordert Verdi schon lange eine Lösung, da dies häufig zu Einsatzzeiten der Busfahrer von um die 15 Stunden führe.

Auch die Ausbildung in Busunternehmen will die Taskforce stärker fördern. So könne beispielsweise bei den Ausschreibungen eine feste Ausbildungsquote gefordert werden. Insgesamt, so Rehlinger, müsse das Berufsbild des Busfahrers attraktiver werden: „Wer jeden Tag Verantwortung für Hunderte Fahrgäste, darunter viele Kinder, trägt, hat Anerkennung, Sicherheit und attraktive Arbeitsbedingungen verdient.“