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Online-Zahlsysteme
Paydirekt nimmt nur sehr langsam Fahrt auf

Wie kommt das Geld vom Kunden zum Händler? Die deutsche Finanzwirtschaft hofft, dass die deutschen Nutzer sich künftig mehr für die Sicherheit der Transaktionen interessieren.
Wie kommt das Geld vom Kunden zum Händler? Die deutsche Finanzwirtschaft hofft, dass die deutschen Nutzer sich künftig mehr für die Sicherheit der Transaktionen interessieren. FOTO: dpa / Jens Wolf
Das Zahlungssystem der Banken, Sparkassen und Volksbanken kommt mühsam in Gang. Die Institute halten es aber als Paypal-Konkurrenz für unverzichtbar. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Saarbrücken (jwo) „Es gibt Projekte, die muss man einfach zum Erfolg tragen“, sagt Cornelia Hoffmann-Bethscheider zum Online-Bezahl-System Paydirekt. Damit gibt sich die Sparkassen-Präsidentin im Saarland zweckoptimistisch, denn bisher hat Paydirekt, ein Projekt der deutschen Banken und Sparkassen, eine noch überschaubare Bilanz. Nur 50 der führenden 1000 Online-Shops würden Paydirekt anbieten, bilanzierte eine Studie des Einzelhandels-Instituts (EHI) im vergangenen Sommer. Der damalige Präsident des Sparkassen- und Giro-Verbandes, Georg Fahrenschon, kündigte im Herbst an, von Sparkassen-Seite noch einmal 107 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um das System schneller zum Laufen zu bringen. Unter anderem auch unter neuer Führung: Seit Dezember leitet Christian von Hammel-Bonten den Zahlungs-Service. Der Wirtschaftsinformatiker hatte zuvor bei mehreren Bezahldienstleistern in Entwicklung und Vertrieb gearbeitet.


2015 war Paydirekt als Pilotprojekt der Commerzbank und der Hypo-Vereinsbank an den Start gegangen, hatte anschließend weitere Institute eingebunden. Mitte 2016 war auch die Sparkassen-Organisation mit an Bord gekommen. Die Idee bei Paydirekt: ein Online-Zahlungssystem zu bieten, bei dem die Server in Deutschland stehen und bei dem Online-Zahlungen statt über einen Dienstleister direkt vom Giro-Konto gebucht werden. Letztlich war es auch ein Angriff auf den Marktführer, den US-Konkurrenten Paypal. Denn dessen Schwachpunkt ist, dass kein Datenschutz nach europäischem Recht gewährleistet ist.

Im Vergleich mit Paypal allerdings sieht Paydirekt noch sehr bescheiden aus: Zwar hätten sich bis Ende des vergangenen Jahres 1,65 Millionen Kunden bei Paydirekt registriert, teilt das Unternehmen mit, 2017 sei die Zahl der Registrierungen damit um rund 90 Prozent gestiegen. Außerdem könnten die Kunden in rund 1600 Online-Shops einkaufen, unter anderem waren 2017 Händler wie Rossmann, Walbusch, Globus Baumärkte oder Aldi Fotos dazugekommen. Paypal mit knapp 19 Millionen Nutzern und rund 50 000 Internet-Shops macht da allerdings eine andere Figur. Paydirekt-Sprecherin Evelyn Paulus verweist entsprechend auch darauf, dass Paypal ja schon deutlich länger am Markt ist. Allerdings ist Paydirekt auch vom eigenen Ziel offensichtlich weit entfernt: Die Welt schreibt, dass ursprünglich sieben Millionen Kunden  bis Ende 2017 geplant waren.



Horst Rüter, Experte für Zahlungssysteme beim Einzelhandels-Institut EHI, erwartet in den kommenden Wochen mehr Klarheit über den Paydirekt-Erfolg. Dann erhebt das Institut die E-Commerce-Umsätze und die jeweiligen Zahlungsvorgänge für 2017. „Es würde mich wundern, wenn der Paydirekt-Anteil an den Umsätzen über 0,5 Prozent gestiegen wäre“, sagt er. 2016 habe er noch unter 0,1 Prozent gelegen. Rüter sieht die Angaben von Kunden- und Händlerregistrierungen kritisch. Denn die Registrierung alleine heiße ja noch nicht, dass auch über Paydirekt bezahlt werde.

Die Institute hoffen trotzdem, mit den Neuzugängen auf Händlerseite auch mehr Umsatz zu generieren. Vor allem Otto.de als zweitgrößter Online-Händler in Deutschland steht da im Fokus. „Otto könnte ein Game-Changer sein, der Paydirekt neuen Schub gibt“, sagt Philipp David Schneider, Sprecher des Saar-Sparkassenverbandes. Er vergleicht die Entwicklung mit der der EC-Karte. Die hätte sich auch erst richtig durchgesetzt, als die Discounter sie akzeptiert haben.

Die Finanzinstitute im Saarland geben sich ingesamt zweckoptimistisch: „Für uns gehört Paydirekt als eine Möglichkeit im Zahlungsverkehr einfach dazu“, sagt Carlo Segeth, Vorstandschef der größten Saar-Volksbank Bank 1 Saar. Seine Bank wirbt offensiv in Beratungsgesprächen für eine Aktivierung von Paydirekt. Allerdings noch mit überschaubarem Erfolg. Rund sechs Prozent der Kunden hätten sich bisher registriert. „Allerdings nimmt das in den vergangenen Monaten deutlich zu“, sagt er. Auch bei der Sparda-Bank Südwest ist die Resonanz bescheiden: Hier hätten sich etwa zwei Prozent der Kunden registrieren lassen. „Wir sind mit der Entwicklung aktuell noch nicht zufrieden“, sagt Sparda-Sprecher Andreas Manthe. „Allerdings hoffen wir, dass Paydirekt unter der neuen Führung sich mit mehr Schwung entwickelt.“

Alle Saar-Institute sind der Überzeugung, dass die deutsche Finanzindustrie nicht umhinkommt, Paypal ein alternatives Bezahlverfahren entgegenzusetzen. „Die Argumente sprechen für sich“, sagt Segeth. „Alleine schon wegen der höheren Sicherheits- und Datenschutzstandards von Paydirekt.“ Paypal dagegen beobachte über Monate die Kontobewegungen der Kunden, sekundiert Hoffmann-Bethscheider. Zahlungsexperte Rüter hält es zwar grundsätzlich für ein gutes Argument, ein sicheres System anzubieten. „Den Kunden scheint das für einen Wechsel von Paypal zu Paydirekt aktuell allerdings nicht zu genügen.“ Da seien weitere Argumente nötig. Als guten Schritt bewertet er die Möglichkeit, Geld von Handy zu Handy per Paydirekt zu senden.

Letztlich steht der Erfolg mit der Zahl und der Qualität der Händler, die Paydirekt als Zahlungssystem anbieten. Und die lassen sich die Einrichtung von Paydirekt teilweise mit hohen Marketing-Zuschüssen vergüten. Hoffmann-Bethscheider zeichnet die Strategie, vor allem große deutsche, aber auch viele regionale Händler im Paydirekt-Universum aufzunehmen.

Bisher ist Paydirekt für die Institute allerdings vor allem ein teures Engagement. Die von den Sparkassen angekündigte weitere Investition von 107 Millionen Euro zieht nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung noch einmal ähnliche Beträge der Privatbanken und Genossen nach sich. Für Bank-1-Saar-Chef Segeth ist das nicht überraschend: „Anlaufkosten sind bei einem Produkt, das neu in den Markt kommt, ganz normal“, sagt er. „Das ist aber kein Grund, es nicht zu machen.“ Rüter geht davon aus, dass das Geld auch dazu dient, Händler über „Marketingbeihilfen“ zu überzeugen, Paydirekt zu etablieren. „Eigentlich sollte es so sein, dass die Händer Paydirekt haben wollen“, sagt er. Dafür müssten die Nutzungsquoten allerdings deutlich steigen. Mindestens auf zwei, eher auf fünf Prozent des E-Commerce-Umsatzes.

Wann genau Paydirekt Geld verdient, ist offen. Weder über Umsätze noch Transaktionszahlen gibt das Unternehmen Auskunft. Klar ist nach Aussage der Sparkassen, dass der Break Even noch mehrere Jahre hin ist. Die Hoffnung aber bleibt: „Am Ende ist es natürlich so, dass wir auch mit Paydirekt Geld verdienen wollen“, sagt Hoffmann-Bethscheider.