| 21:17 Uhr

Bahn-Fernverkehr
Neue ICE-Strecke unter einem schlechten Stern

Berlin. Die neue ICE-Schnellstrecke von Berlin nach München ist schlecht gestartet. Doch die Bahn gelobt für Weihnachten Besserung.

Die Deutsche Bahn will bis zum Ende dieser Woche auf ihrer neuen Paradestrecke Berlin-München wieder halbwegs zuverlässig in die Spur kommen. Bis zum Wochenende werde sich die Situation im Linienverkehr weiter stabilisieren, sagte die Bahn-Fernverkehrschefin Birgit Bohle in einer Telefonkonferenz. Schon am Montag und Dienstag seien nur noch wenige Züge ausgefallen oder umgeleitet worden. Technische Probleme mit dem Zug­sicherungssystem ETCS hatten seit Beginn des Regelverkehrs am Sonntag einige ICE-Züge ausgebremst. Die Abkürzung ETCS steht für European Train Controm System. Es steuert und sichert Zugfahrten ohne Signale vollautomatisch ab und soll auch den grenzüberschreitenden Verkehr einfacher machen.


Nicht nur zwischen München und Berlin, auch auf den anderen Strecken will die Bahn „die Reisenden im Weihnachtsverkehr zuverlässig an ihr Ziel bringen“, wie Bohle sagte. Sie sei „zuversichtlich, dass wir das bis dahin weitgehend im Griff haben“. Den Start auf der neuen Strecke nannte Bohle „missglückt“. Sie entschuldigte sich bei den Fahrgästen für Zugausfälle und Verspätungen. „Vieles ist nicht gut gelaufen“.

Hauptursache sei das am Sonntag von West nach Ost über das ganze Land ziehende Schneeband gewesen. Es führte zum Beispiel auf der wichtigen Strecke Köln-Frankfurt am Sonntagnachmittag zeitweise zu einer Vollsperrung. Auch habe es bundesweit viele Weichenstörungen gegeben. 16 ICE-Züge seien beschädigt ausgefallen, zwei weitere durch Wildunfälle. Noch am Montag habe sich das massiv ausgewirkt, weil Züge und Personal an den falschen Stellen gestrandet waren. Inzwischen habe sich die Lage aber stabilisiert. Die Werkstätten seien kurzfristig um 40 Leute verstärkt worden, es werde „rund um die Uhr“ gearbeitet, um alle Züge wieder auf die Schiene zu bekommen. Die Probleme auf der Neubaustrecke waren hingegen laut Bohle vor allem technischer Natur, wobei just am Eröffnungstag eine sechsstündige Sperrung wegen eines Selbstmordes bei Ingolstadt für zusätzliche Umleitungen sorgte.



Während am Sonntag nur 81 Prozent aller Fahrten auf der neuen Strecke stattfinden konnten, waren es am Dienstag 88 Prozent. Die besonders schnellen „Sprinter“-Züge, die für die Fahrt weniger als vier Stunden benötigen, kamen am Dienstag alle pünktlich an. Bohle sagte, auch beim ICE 1 handele es sich nicht um ein systematisches Problem, sondern „um eine zu hohe Zahl von Einzelproblemen“. So sei bei einem Zug in der Werkstatt aus Versehen die Größe eines Rads falsch in die Computer eingegeben worden – mit der Folge, dass das Fahrzeug die Geschwindigkeit nicht mehr exakt messen konnte und eine Notbremsung ausgelöst wurde.

Bei anderen Zügen sei plötzlich das Display im Führerstand ausgefallen, ebenfalls mit der Folge eines Stillstandes. Es habe zuvor hunderte von Testfahrten gegeben, beteuerte die Managerin. Den Vorwurf des Chefs der Lokführergewerkschaft GDL, Klaus Weselsky, dass es für die Fahrer auf der Strecke zuvor keinen Probebetrieb gegeben habe, wies Bohle entschieden zurück. Ohne entsprechende Streckenkenntnis dürfe niemand auf den Führerstand, sagte sie.

Als Kulanzregel legte die Bahn bis zum Jahresende fest, bei Verspätungen von mehr als einer Stunde auf der Strecke München-Berlin den Kaufpreis komplett zu erstatten. Die Fahrgastrechte sehen in diesem Fall sonst 25 Prozent Erstattung vor. Die Bahn will Betroffenen außerdem einen Reisegutschein im Wert von mindestens 50 Euro zukommen lassen.

Mit der Kostenexplosion beim Prestigeprojekt Stuttgart 21 beschäftigte sich gestern der Aufsichtsrat der Bahn. Ein Beschluss zum neuen Zeit- und Kostenplan soll im Januar in einer Sondersitzung gefasst werden. Das Projekt verteuert sich um eine Milliarde auf 7,6 Milliarden Euro.