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Gründung für Migranten
Wenn Flüchtlinge Unternehmer werden

Die Syrerin Basma Kaldi hat im Rahmen des Projekts einen Catering-Service ins Leben gerufen. Hier präsentiert sie sich auf dem Orientalischen Markt in Burbach.
Die Syrerin Basma Kaldi hat im Rahmen des Projekts einen Catering-Service ins Leben gerufen. Hier präsentiert sie sich auf dem Orientalischen Markt in Burbach. FOTO: Rich Serra
Saarbrücken . Das Projekt „Perspektive Neustart“ hat zehn Flüchtlinge bei der Firmengründung begleitet. Jetzt liegen die Ergebnisse vor. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Ein Flüchtling, der arabische Bücher in Deutschland und Europa vertreiben will. Ein zweiter, der einen Second-Hand-Laden für Flüchtlinge eröffnet. Eine Syrerin, die einen Catering-Service mit orientalischen Spezialitäten eröffnet. Die Bilanz des Projekts „Perspektive Neustart“ dürfte manchen überraschen: Zehn Kandidaten mit einer Unternehmensidee sind vor einem Jahr im Rahmen der Initiative an den Start gegangen, um innerhalb eines Jahres ihr Unternehmen reif für den Markt zu machen. Neun davon sind jetzt, zum Abschluss des Projektes immer noch dabei.


„Perspektive Neustart“ ist eine Initiative von Fitt, einer Tochtergesellschaft der Saarbrücker Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW), des IQ-Netzwerks Saarland und der Schöpflin-Stiftung. Das Programm wurde begonnen, um besonders förderwürdige Gründer mit einer einjährigen Intensivbegleitung betriebswirtschaftlich, rechtlich und auch in Steuerfragen so fit zu machen, dass sie im Markt bestehen können. 20 potenzielle Unternehmer hatten sich in einem Wettbewerbsverfahren beworben, zehn waren letztlich im Rennen. „Streng genommen waren es sogar elf“, sagt Stefanie Valcic-Manstein, die beim IQ-Netzwerk die Projektbetreuung mit übernommen hat. Einer habe aber bereits nach zwei Monaten eine Vollzeit-Stelle bekommen. Ein zweiter Gründer wiederum ist im Mai ausgeschieden, weil sich gezeigt hat, dass seine Idee, der Export deutscher Medizintechnik nach Saudi-Arabien, aktuell aus politischen Gründen nicht umsetzbar ist. „Allerdings hat er aufgrund der Schulungen und seiner intensiven Beschäftigung mit dem Thema eine Anstellung bei einem Gerätehersteller bekommen“, sagt Valcic-Manstein.

Vor dem Projektstart galt es, zahlreiche Hürden zu überwinden, berichtet Valcic-Manstein, die beim IQ-Netzwerk Migranten bei Gründungen berät und unterstützt. Neben der ersten Hürde, sich bei der Schöpflin-Stiftung für die finanzielle Förderung zu qualifizieren, galt es auch, die Jobcenter für eine Zusammenarbeit zu gewinnen: „Wir haben ja keine Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit, deshalb war das schon etwas Besonderes“, sagt sie. Letztlich hätten aber alle teilnehmen können – unter der Bedingung, dass sie dem Arbeitsmarkt weiter zur Verfügung stehen.



Wenn die Neu-Unternehmer morgen bei einer Abschluss-Veranstaltung ihre Firmen und -ideen vorstellen, liegt ein Jahr intensiver Arbeit hinter ihnen. „Das Projekt bestand aus Workshops, Sprachkursen und Kleingruppenarbeit“, sagt Valcic-Manstein. Vor allem sachbezogene Deutsch-Kurse seien sehr wichtig gewesen. „Wenn es beispielsweise um Gewerbeanmeldungen geht, ist es wichtig, dass die Teilnehmer nicht nur das Wort verstehen, sondern auch das gesamte Sprachumfeld beherrschen“, sagt Valcic-Manstein.

Mehrere der Unternehmer sind bereits aktiv am Markt tätig, wenn auch häufig im Nebengewerbe neben dem Hartz-IV-Bezug. Das sei sehr aufwändig, denn Einnahmen und Investitionen müssten genauestens mit den Jobcentern abgestimmt werden, sagt Valcic-Manstein.

Für den weiteren Erfolg ist die Finanzierung eine der größten Hürden. Denn fast alle kommen aus der Grundsicherung. Bankkredite bekommen sie nicht, da sie als Flüchtlinge nur einen befristeten Aufenthaltstitel haben. „Teilweise bekommen sie Unterstützung aus dem familiären Umfeld“, sagt Valcic-Manstein. Sie hofft aber auch, beispielsweise über das Business-Angels-Netzwerk erfahrener Unternehmer Investoren zu finden, die die Firmen-Ideen der Flüchtlings-Gründer unterstützen. „Die Business-Pläne all unserer Teilnehmer sind ausgefeilt. Es wäre schade, wenn es jetzt am Geld scheitert.“

Ob das Projekt noch einmal aufgelegt werden kann, ist noch offen. Sie sei aber bereits mit potenziellen Unterstützern für eine weitere Runde der „Perspektive Neustart“ im Gespräch.