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Metall-Tarifverhandlungen
Metall-Arbeitgeber rechnen mit Streiks

Mit diesem „Job-Export-Bier“ werben die Arbeitgeber für Zurückhaltung in den aktuellen Metall-Tarifverhandlungen.
Mit diesem „Job-Export-Bier“ werben die Arbeitgeber für Zurückhaltung in den aktuellen Metall-Tarifverhandlungen. FOTO: SZ / Lorenz, Robby
Saarbrücken. In den Metall-Tarifgesprächen liegen Arbeitgeber und Arbeitnehmer weit auseinander. Die Unternehmensseite fordert mehr Entgegenkommen. Von Joachim Wollschläger
Joachim Wollschläger

Bei den Tarifverhandlungen der Metall- und Elektro-Industrie liegen Forderung und Angebot noch weit auseinander. In dieser Woche haben die Arbeitgeber ihr Angebot präsentiert, das weit unter der Forderung der IG Metall liegt. Weil Anfang des Jahres die Friedenspflicht ausläuft, geht Oswald Bubel, Präsident des Arbeitgeberverbandes ME Saar im Saarland, nicht davon aus, dass der Arbeitskampf ohne Streiks abgehen wird.


Bereits vor Wochen hat die IG Metall ihre Forderung auf den Tisch gelegt. Die Gewerkschaft strebt ein Lohnplus von sechs Prozent an sowie das Recht auf zeitweise Absenkung der Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden mit Lohnausgleich für einzelne Beschäftigtengruppen. Die Arbeitgeber wiederum haben in der Verhandlungsrunde ein Angebot von 200 Euro von Januar bis März und dann eine Tariferhöhung von zwei Prozent über zwölf Monate präsentiert.

Vor allem die Teilzeitregelung mit Lohnausgleich liegt den Arbeitgebern im Magen. Schon aus Diskriminierungsgründen halte er sie rechtlich nicht für haltbar, sagt Bubel. „Es gibt ja jetzt schon Mitarbeiter, die vier Tage in der Woche arbeiten – also 28 Stunden – und die dafür eine entsprechend geringere Vergütung bekommen. Und dann kann es nicht sein, dass jetzt ein anderer seine Arbeitszeit genauso reduzieren kann und dafür einen Teilzeit-Ausgleich bekommt.“



Ohne Lohnausgleich allerdings könne man über die befristete Teilzeitlösung durchaus diskutieren. „Im Kontext wäre sie möglich, wenn es im Gegenzug eine bezahlte Beweglichkeit nach oben gibt“, sagt Bubel. „Aktuell können wir mit 13 Prozent der Belegschaft Verträge machen, bei denen die Arbeitszeit bis zu 40 Stunden beträgt. Diese Begrenzung sollte weg.“ Die Logik hinter der Forderung: Wenn durch die Teilzeitlösung Betriebe damit rechnen müssen, dass Arbeitskräfte zeitweise ausfallen, müsse es möglich sein, die entstehende Lücke durch Mehrarbeit an anderer Stelle auszugleichen. In diesem Zusammenhang nennt er auch flexiblere Regelungen bei Leiharbeitskräften und Werkverträgen.

Bedenken von Gewerkschaftsseite, dass eine Flexibilisierung nach oben eine schleichende Entwicklung in Richtung einer 40-Stunden-Woche bringen könnte, tritt er entgegen: „Kein Arbeitnehmer soll gezwungen werden, länger zu arbeiten. Aber wenn Menschen länger arbeiten wollen – und die gibt es durchaus –, wäre es sinnvoll, ihnen das auch zu ermöglichen.“

Nicht jeder Gewerkschaftsvertreter allerdings sieht das so vertrauensvoll. Angesichts des Rufs nach einer längeren Arbeitszeit war von Gewerkschaftsseite auch die Befürchtung zu hören, dass Arbeitgeber ihre Position ausnutzen und längere Arbeitszeiten auch gegen den Willen der Arbeitnehmer einfordern. Doch auch in diesem Punkt gibt sich Bubel optimistisch: „Das Mitbestimmungssystem mit Betriebsräten und Aufsichtsrats-Beteiligungen der Arbeitnehmer ist eine gute Möglichkeit, Missbrauch einzugrenzen.“

Während die Arbeitgeber bei den Arbeitszeitregelungen zumindest für die Paketlösung Gesprächsbereitschaft zeigen, herrscht bei den Lohnvorstellungen bei beiden Parteien Dissens. Bubel warnt angesichts der Forderungen vor Gefahren für den Standort Deutschland. Nach Angaben von ME Saar sind die Gehälter der Branche seit 2013 um fast 20 Prozent gestiegen. Deutschland liegt mit einem Stundenlohn von 43,10 Euro weltweit im Spitzenbereich. „In Tschechien liegt der Stundenlohn 75 Prozent niedriger, in Polen sogar 80 Prozent“, sagt Bubel. Damit sei die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe schon gefährdet. Und auch in Deutschland gebe es Unfrieden, wenn in einigen Branchen trotz ähnlicher Belastungen deutlich mehr verdient wird. „Wenn Arbeitskräfte die Branche wechseln, weil sie ungelernt in der Metallindustrie besser bezahlt werden, entsteht schon ein Ungleichgewicht.“ Der Stundenlohn in der untersten Metall-Tarifgruppe liegt mit 18 Euro bereits weit über dem Mindestlohn, das Jahres-Durchschnittsgehalt der Metall-Arbeitnehmer im Saarland bei 53 000 Euro. Dass Unternehmen angesichts der hohen Kosten abwandern, erwartet Bubel nicht. Aber es stelle sich schon die Frage, „ob ich hier produziere und exportiere, oder gleich in eine Niederlassung in einem anderen Land investiere.“ Gerade bei neuen Techniken sei die Industrie auf Investitionen angewiesen. Aktuell lägen die Investitionen in Deutschland nur noch auf dem Niveau der Abschreibungen. Das sei schon beunruhigend.

Die Arbeitnehmer begründen ihr Angebot von zwei Prozent Gehaltssteigerung ab April 2018 mit einem Ausgleich der gestiegenen Lebenshaltungskosten über den Produktivitätszuwachs. Die Wirtschaftsinstitute in Deutschland würden für das kommende Jahr insgesamt einen Produktivitätszuwachs von 1,2 Prozent vorhersagen, für die Metallindustrie 0,9 Prozent. Die Inflation liegt wiederum aktuell bei 1,8 Prozent. „So verstehen wir unser Angebot von zwei Prozent. Es liegt über der Inflation und deutlich über den Produktivitätszuwachs der Metallindustrie. Die Forderung der IG Metall, die zu Inflation und Produktivitätssteigerung auch noch eine Umverteilung anführt, bei der Arbeitgeber einfach so zur Kasse gebeten werden, halte ich in diesem Zusammenhang für unrealistisch“, sagt Bubel.

Das vollständige Interview mit Oswald Bubel lesen Sie im Internet unter www.saarbruecker-zeitung.de/metall

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ME-Saar- Präsident Oswald Bubel FOTO: Robby Lorenz