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Mehr Geld nur für Gewerkschaftsmitglieder

Real-Mitarbeiter, die Verdi-Mitglieder sind, bekommen in diesem Jahr ein Extra-Lohnplus von einem Prozent. Foto: Berg/dpa
Real-Mitarbeiter, die Verdi-Mitglieder sind, bekommen in diesem Jahr ein Extra-Lohnplus von einem Prozent. Foto: Berg/dpa FOTO: Berg/dpa
Berlin. Noch ist der Fall selten, aber die Zahl der Tarifverträge, in denen Vorteile nur für Gewerkschaftsmitglieder ausgehandelt werden, nimmt zu. Ein solcher Vertrag gilt auch bei der Warenhauskette Real. Joachim Göres

Die Beschäftigten in den mehr als 280 Märkten der Real-Warenhauskette bekommen in diesem Jahr ein Prozent ihres Jahresbruttogehalts extra - wenn sie Mitglied der Gewerkschaft Verdi sind. 2017 bis 2019 liegt dieser Zuschlag bei jährlich 1,5 Prozent. Darauf haben sich die Gewerkschaft und die Real-Geschäftsleitung verständigt. Das Ganze nennt sich Vorteilsregelung: Gewerkschaftsmitglieder bekommen so höhere Leistungen als nicht organisierte Mitarbeiter. Auch die Verdi-Mitglieder bei Real in Saarbrücken, Saarlouis und Homburg profitieren von dieser Vereinbarung.


Rund 60 Mal im Jahr einigt sich Verdi mit Arbeitgebern auf sogenannte Haustarifverträge mit Vorteilsregelungen, die nur in einem Unternehmen gelten. Angesichts von 30 000 unterschiedlichen Tarifverträgen, die Verdi abgeschlossen hat, ist das nur eine kleine Zahl, allerdings mit zunehmender Tendenz. "Meistens geht es um die Zahlung einer bestimmten Summe nur für Gewerkschaftsmitglieder, auch zusätzliche Urlaubstage oder Extra-Leistungen für die Altersvorsorge sind möglich", sagt Norbert Reuter, Leiter der tarifpolitischen Grundsatzabteilung in der Berliner Verdi-Zentrale. Nach Urteilen des Bundesarbeitsgerichts dürfen Bonusleistungen allerdings nicht so hoch ausfallen, dass sich Nicht-Mitglieder zum Eintritt in eine Gewerkschaft gezwungen fühlen könnten. "Es gibt aber keine genaue Definition in dieser Frage. Jeder Einzelfall muss geprüft werden", sagt Reuter und ergänzt: "Solange die Zusatzleistungen den Mitgliedsbeitrag zur Gewerkschaft nicht übersteigen, ist alles in Ordnung." Der liegt in der Regel bei einem Prozent des Jahresgehalts.

Laut Manfred Menningen, bei der IG Metall für die Tarifpolitik im Bereich der Textilindustrie zuständig, führen Vorteilsregelungen nicht automatisch zu Eintritten in die Gewerkschaft. Er weiß von Fällen, in denen IG Metaller die Extra-Leistungen gar nicht in Anspruch nehmen, weil sie Nachteile befürchten, wenn sie sich dem Arbeitgeber als Gewerkschaftsmitglied zu erkennen geben. In der Textilbranche erfährt der Unternehmer dagegen nicht, wer organisiert ist. "Textilarbeitgeber zahlen Geld in einen Fonds, aus dem unsere Mitglieder Weiterbildungen finanziert bekommen", sagt Menningen.



Einige Unternehmen sind Vorteilsregelungen gegenüber nicht abgeneigt, da sie das Geld für die zusätzliche Leistung nur den organisierten Beschäftigten zahlen müssen und in vielen Branchen nur eine Minderheit einer Gewerkschaft angehört. Die kommunalen Arbeitgeber dagegen lehnen solche Regelungen ab. Man wolle keine Ungleichbehandlung zwischen den Beschäftigten, so die Begründung der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände.

Den Vorwurf, dass Vorteilsregelungen zu einer Zweiklassengesellschaft unter den Beschäftigten führen, weist Susanne Meister zurück. Sie hat als Mitglied der Verdi-Tarifkommission den Haustarifvertrag mit Real ausgehandelt: "Wir haben die Kollegen in den Betriebsversammlungen darüber informiert, dass wir mit den Arbeitgebern nur dann einen Vertrag abschließen werden, wenn er eine Vorteilsregelung enthält. Niemand hat gesagt, dass er das nicht gut findet." Opel hatte 2010 mit der IG Metall Erholungsbeihilfen in Höhe von 200 Euro pro Mitglied ausgehandelt. Unorganisierte Beschäftigte hatten dagegen vor dem Bundesarbeitsgericht geklagt mit dem Argument, dass diese Zahlung gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz verstoße. Das Gericht wies die Klage ab: Gewerkschaften hätten das Recht, Leistungen nur für ihre Mitglieder durchzusetzen.

Die Freude bei ihnen ist aber oft getrübt. Für die organisierten Real-Mitarbeiter ist der Gehaltsbonus nur ein Trostpflaster, da alle Beschäftigten in den nächsten Jahren auf 60 Prozent ihres Weihnachts- und Urlaubsgeldes verzichten, um Entlassungen zu verhindern.