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Neue Halberg Guss
Manager verschickt Offenen Brief an Streikende

Die Streikenden der Neuen Halberg Guss bekommen Post von ihrem Chef.
Die Streikenden der Neuen Halberg Guss bekommen Post von ihrem Chef. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Der Arbeitskampf bei Autozulieferer Neue Halberg Guss (NHG) wird zunehmend in der Öffentlichkeit ausgetragen. NHG-Chef Alexander Gerstung wendet sich mit einem Offenen Brief an seine 2100 Mitarbeiter.
Tobias Fuchs

Die SZ dokumentiert das Schreiben des Managers, dessen Unternehmen seit über einer Woche bestreikt wird. Es soll am Samstag in die Briefkästen aller Arbeitnehmer flattern:


„Liebe Halbergerinnen und Halberger!



Seit mehr als einer Woche bestreiken Sie, aufgerufen von der IG Metall, Ihre eigenen Arbeitsplätze. Alle Maschinen stehen still, unsere Kunden warten auf ihre Bestellungen und geraten in große Not.

Die IG Metall sagt, sie streikt, um eine Absicherung für alle Mitarbeiter zu erreichen. Tatsache ist aber: Die Forderungen der IG Metall zu erfüllen, würde das sofortige – und dieses Mal endgültige – Aus für die Halberg Guss bedeuten.

Die Forderungen kosten mehr Geld, als wir in den nächsten 10 bis 15 Jahren jemals erwirtschaften könnten. Die Halberg Guss hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich: Sie war bereits in der Insolvenz, ging durch die Hände mehrerer Finanzinvestoren, die keinerlei industrielles Interesse zeigten. Als die neuen Eigentümer die Halberg Guss übernahmen, waren sie willens und in der Lage, das Unternehmen auf einen guten Weg zu bringen. Industrieerfahrung, Restrukturierungs-Know-how und die Bereitschaft, in die Zukunft zu investieren sind vorhanden. Doch der jetzige Streik stellt alles in Frage.

Fakt ist: Der bislang wichtigste Kunde, Volkswagen, zieht sich von der Halberg Guss zurück. Das hat er auch schon den vorherigen Eigentümern angekündigt, und der Rückzug hängt nicht – wie oft kolportiert – mit den neuen Eigentümern zusammen. Auch die Schließung des Werks in Leipzig ist eine Folge davon. Das allein ist schmerzhaft genug!

Dies alles war den vorherigen Eigentümern und auch den Arbeitnehmervertretern sowie der IG Metall lange bekannt. Dass jetzt unter der neuen Führung dieses drängende Problem angegangen wird, ist überfällig. Dass IG Metall und Betriebsräte so tun, als würde sie dieser Schritt überraschen, ist kaum zu glauben. Denn entweder haben sie die Schwierigkeiten nicht verstanden oder bewusst die Augen verschlossen.

Wir stehen zur Neuen Halberg Guss und wollen mit aller Entschlossenheit die Jobs in Saarbrücken erhalten. Noch verfügt das Unternehmen über Kunden, die eine Zukunft in Saarbrücken ermöglichen. Mit diesen Kunden gibt es eine vertrauensvolle und langjährige Zusammenarbeit – genau das steht aber nun durch den Streik infrage. Es kommt aktuell bei den ersten unserer Kunden zu Ausfällen in der Produktion, teilweise werden deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Ihren Streik in Kurzarbeit geschickt. Die Folge ist absehbar: Mit jedem Tag, den der Streik andauert, riskieren wir den Verlust dieser Kunden und damit auch den Verlust aller Jobs in Saarbrücken.

Die IG Metall glaubt, mit der Fortsetzung des unbefristeten Streiks Stärke zu demonstrieren. Mit der Forderung, alle Arbeitsplätze mit einem 700-Mio-Euro-Paket abzusichern, zeigt die IG Metall jedoch, dass sie die Neue Halberg Guss bereits aufgegeben hat. Diese Haltung entsetzt uns zutiefst, denn das Unternehmen hat – noch – eine Chance am Markt. Die IG Metall glaubt auch, mit der Ablehnung eines Schlichters, den wir fordern, Stärke zu zeigen – die Angelegenheit sei in deren Augen noch nicht brenzlig genug.

Noch haben wir Kunden, die uns vertrauen – aber mit jedem Tag, den die Kunden auf Lieferungen warten und durch den Streik in ihrer Existenz bedroht sind, verlieren wir Vertrauen und Sie streiken sich selbst in die Arbeitslosigkeit.

Deshalb appellieren wir an Sie, die ECHTEN Halbergerinnen und Halberger: Lassen Sie sich nicht für die Ziele Dritter einspannen. Wenn Sie wirklich für das Unternehmen und für Ihre Arbeitsplätze kämpfen wollen, dann beenden Sie sofort diesen Streik, der am Ende nur verbrannte Erde hinterlässt. Wir fahren die Produktion wieder an und laden Sie ein, Teil davon zu sein. Bis zum Beginn des Streiks war ein Arbeitsplatzabbau in Saarbrücken für die kommenden zwei Jahre gar nicht erforderlich – ob das so aufrechterhalten werden kann, bestimmen Sie nun mit.

Mit besten und kollegialen Grüßen!

Alexander Gerstung, Geschäftsführer“